Das Wort stammt aus dem Mittellateinischen und bedeutet „Wiederherstellung“.
Tja, dann versuche ich mich also wieder herzustellen. Richtig aufstellen. Damit ich das Leben wieder leichter nehmen kann.
Ich habe mich vor einigen Monaten dazu entschlossen, zuerst eine medizinische Reha zu machen, bevor ich mich beruflich wieder sortiere. Mir schwirrt „Umschulung“ oder eben noch einmal Ausbildung“ im Kopf – denn die Pflege frisst mich zu sehr auf. Nicht im Sinne, dass ich alles zu sehr an mich heranlasse. Dass mich jedes Schicksal zutiefst berührt und bewegt. Nein. Die Bedingungen sind überwiegend katastrophal. Ich gehe mit einem anderen Anspruch, einem anderen Blickwinkel an die Arbeit. „Pflegen mit Herz“ – so kann ich mich gut beschreiben. Mein altes Arbeitsverhältnis hatte mir die Rahmenbedingungen geboten, dass ich umfassend pflegen konnte – ohne Zeitdruck eine anständige Rundumpflege gewährleisten. Ich bin zufrieden nach Hause gegangen und deswegen konnte ich auch sehr gut abschalten. Ich wusste auch, dass die Bewohner in meinem Team in guten Händen waren. So viele Faktoren spielen für mich zusammen, dass ich von einem „zufriedenen Arbeitsverhältnis“ sprechen kann. Am Ende wünschen sich wohl alle Arbeitgeber, ihren Arbeitnehmern eine anständige Beschäftigung bieten zu können – in der eben alles passt. Doch gesetzliche Regelungen führen immer mehr dazu, dass der Beruf nicht mehr attraktiv genug für nachfolgende Generationen wird, Pflegekräfte bis an ihre Grenzen arbeiten. Es läuft einfach viel zu viel falsch in unserem Land. Die Gesetzgeber sind sich im Klaren darüber, dass die Menschen immer älter werden, der Bedarf an Pflegepersonal entsprechend wächst. Sie scheinen sich um bessere Bedingungen für Pflegekräfte zu mühen… doch es reicht schlichtweg nicht.
Ich möchte nicht mit den Politikern tauschen – die Verantwortung, das Berufsfeld. Alles nicht meins. Ich habe auch keine konkreten Lösungsvorschläge oder Ideen, wie diese Problematik behoben werden kann – dafür gibt es entsprechende Personen (auch wenn man oft nicht das Gefühl hat, dass diese über ausreichend Kompetenzen verfügen).
Ich weiß nur: ICH trage das nicht mehr mit. Wenn ich meinen Blick weite, tun mir selbstverständlich alle Leid, die in der Pflege bis an ihre Grenzen arbeiten müssen… oder eben auch wollen. Einige halten dies erstaunlich gut aus, brauchen offenbar diese Art von Arbeit, um sich gut zu fühlen. Zumindest suggerieren sie dies häufig. Doch mein Eindruck ist überwiegend: Die Pflegekräfte sind unzufrieden – aus welchen Gründen auch immer. Jeder bringt sein persönliches Päckchen mit und oft sind es nur Momentaufnahmen von Menschen. Dennoch bin ich in einer Phase meines Leben, wo ICH mir wichtiger bin, als ALLE. Ich habe in meiner Ausbildung oft Arbeit für zwei Examinierte geleistet, da ich als Schülerin mit einer examinierten Fachkraft für knapp 30 Patienten zuständig war. Ich habe freiwillig Überstunden gemacht. Ich habe mehr gemacht, als ich eigentlich sollte. Ich habe es gerne gemacht – denn die zufriedenen Patienten waren der größte Lohn.
Doch in meinem letzten, sehr kurzen Arbeitsverhältnis (gerade mal 3 Wochen, wovon ich 3 Tage in der Einrichtung arbeitete) habe ich für mich erkannt, dass ich das einfach nicht mehr schaffe. Völlig ausgebrannte Kollegen im Team zu haben, die einem nicht die Freiheit geben, seine Arbeit so zu verrichten, wie man es selbst für richtig empfindet (und wie es eigentlich auch sein sollte, denn ich arbeite gewissenhaft) und der permanente Zeitdruck haben mich in so kurzer Zeit unzufrieden gestimmt. Den Bewohnern war deutlich anzusehen, dass sie angespannt und ebenfalls unzufrieden waren, wenn sie von Pflegekräften zurechtgewiesen wurden. Vielleicht bin ich feige, weil ich mich den Herausforderungen nicht stelle, mir meinen Weg durch diese verschrullten Pflegekräfte zu ebnen. Vielleicht. Doch vielleicht bin ich auch mutig, weil ich mir selbst mehr Wert bin und mich nicht unnötig diesem Stress aussetzen möchte. Das bedeutet nicht, dass ich kein Teamplayer bin. Ganz im Gegenteil. Wenn alle an einem Strang ziehen – oder sagen wir der größte Teil eines Teams – kann man „Störenfriede“ besser kompensieren. Sei es die übermotivierten Besserwisser, die ungefragt ihr gesamtes Halbwissen präsentieren müssen. Oder die zurückhaltenden und oftmals unsicheren Leute, die man einfach nur liebevoll an die Hand nehmen sollte, um sie zu bestärken. Wenn allerdings ein gesamtes Team total scheiße ist – dann werde ich mich als „Neuling“ nicht gegen diese vielen Menschen behaupten, die, meines Erachtens (und würde es überprüft werden, auch des MDKs), Pflege unter aller Würde verrichten. Tja… und da ich mich in meinem bisherigen Leben immer mehr an alles angepasst habe, um zu gefallen, gehe ich nun den – für mich – radikalen Weg. Ich lerne gerade in einem Schnelldurchlauf, dass ich mir selbst viel mehr Wert sein muss, mich mehr abgrenzen muss, um mich nicht zu überreizen.
Mit der Erkenntnis der „Hochsensibilität“ hat sich erstaunlich viel für mich erklärt. Ich nehme diese Eigenschaft an mir zunehmend dankbar an (auch wenn sie mich in manchen Situationen überfordert und nervt). Auch wenn ich vielleicht für das Leben sensibler gepolt bin, als viele andere Menschen, macht es mich nicht gleich schlechter. Ich schwimme eben nicht mit dem Strom…
Und genau da bin ich an dem Punkt, den ich heute für mich eingesehen habe. Bereits am 2.Tag meiner Reha.
Eine psychosomatische Reha. Ich habe Erwartungen an mich selbst – dass ich weiterkomme auf meinem Weg zu mir selbst. Erwartungen an die Einrichtung und das Umfeld halten sich in Grenzen. Ich betrachte alles etwas kritischer, einfach weil ich auf diesem Themengebiet gute Erfahrungen gesammelt habe und mir viele Eindrücke aus meinem Berufsleben in Erinnerung geblieben sind.
Ich wusste schon, welches Patientenklientel mich erwartet. Das Spektrum ist breit gefächert – viele mit ähnlichen Diagnosen, doch jeder auf seine Weise ganz individuell.
Die ersten Tage sind natürlich sehr aufregend – erst einmal orientieren im Gebäude, bei den Regelungen. Froh war ich, dass sich „die Neuen“ an einem Tisch versammeln durften, um im Speisesaal verteilt zu werden. Sympathien sind direkt da – haben wir ja den gleichen Status der Neuaufnahme und sind gekennzeichnet von völliger Desorientierung. Diese Gesichter waren dann auch Fixpunkte in der Masse der Patienten – gut, dich kenne ich schon mal halbwegs, du bist nett. Während die „erfahrenen“ Patienten einen noch sehr ungläubig musterten und teilweise auch ablehnende Gesichter aufsetzten (was ihnen vermutlich selbst nicht auffällt), versuche ich bei mir zu bleiben – und es klappt! Früher habe ich mich davon immer sehr verunsichern lassen – wollte ich doch mit jedem zurecht kommen und bloß keinen schlechten Eindruck machen. Jetzt denke ich mir nur: Scheuklappen auf, fertig! Ich muss nicht jedem gefallen. Ich will hier keine Freunde finden – die habe ich daheim. Dennoch ist es ein wichtiger Bestandteil dieses Aufenthalts, mit anderen zu interagieren. Gruppentherapien stehen hier an aller erster Ordnung!
Dennoch habe ich mir das Ziel gesetzt, mich besser von Sachen abzugrenzen, rechtzeitig „Nein“ zu sagen, wenn mir etwas zu viel wird und ich Ruhe brauche. Beziehungsweise nehme ich mir die Ruhe einfach.
Als ich heute im psychologischen Erstgespräch die Wochenplanung für mein Team demonstriert bekam, entwickelte sich bei mir recht schnell die innere Einstellung: Gut, der Großteil des täglichen Programms findet in Gruppen statt. Dazwischen bin ICH dran. Dort will ich Zeit mir verbringen. Sollte sich eine Fahrt in die Stadt mit einer/m netten Mitpatientin/en ergeben und meine Verfassung dies zulassen, mache ich dies natürlich gerne mit. Und auch, wenn ich mich wieder mehr belasten muss, größere Gruppen aushalten muss – ich werde meine eigene Wahrnehmung und meine Wünsche nicht verleugnen. Ich fühle mich mit netten Menschen wohl, aber das müssen nicht unbedingt mehr als 5 Leute sein. Ich unterhalte mich auch wirklich gerne. Da ich aber aufmerksam zuhöre und auch auf die Menschen passend reagieren möchte, kann ich eine große Anzahl schlecht aushalten. Natürlich, ich habe wohl einen hohen Anspruch an mich. Doch ich zähle dies zu meinen Stärken. Ich interessiere mich aufrichtig für Menschen, bei denen die Sympathie da ist und merke, wie wohl sie sich fühlen, wenn jemand auf sie eingeht. Dies rührt aber auch aus meinen eigenen Wünschen im Umgang mit meiner Person. Glücklicherweise habe ich nun einen wundervollen Partner an meiner Seite, der mir dieses ehrliche Interesse entgegenbringt und sehr daran interessiert ist, dass es mir gut geht. Es ist eine so wertschätzende und ausgewogene Beziehung – sie ist mein Anker. Und mit diesem Wissen gehe ich mittlerweile anders auf die Menschen zu. Ich bin nett und freundlich, doch muss ich nicht mehr mit aller Macht versuchen, mit ihnen eine tolle Verbindung aufzubauen.
Und: ich muss mich nicht dafür verantwortlich fühlen, anderen zu helfen und sie aufzumuntern, wenn es ihnen schlecht geht. Sicher, ich bin ein humorvoller Mensch und kann oft nicht anders, als Menschen zum Lachen zu bringen. In einer Zeit meines Lebens habe ich mich deswegen schlecht gefühlt – weil ich mich zu „albern“ fühlte für eine „gesittete“ Gesellschaft. Aber jetzt denke ich mir: Scheiß drauf! Ich mache gerne Scherze. Sie können das Eis brechen und erste Unsicherheiten lösen. Ich finde, man sollte viel mehr lachen – mal von der positiven Wirkung für den Körper abgesehen. Klar. Viele überspielen damit auch gerne und verdrängen schwere Probleme, die sie mit sich herumtragen. Aber das Lachen kann so belebend und befreiend sein… oft lösen sich kleine Probleme von ganz allein.
Dass fiel gelacht wird, fiel mir in meiner ersten „Bezugsgruppe“ auf. Sie war und ist selbstgeleitet, also ohne Therapeut. Ich kannte, bis auf einen Herrn, niemanden. Alle in dieser Gruppe haben schon einige Wochen in der Klinik hinter sich. Vorrangig wegen Depression – die Gesichter sprechen zum Teil Bände. Namen flogen durch den Raum – generell kann ich sie mir gut merken, doch ich senke den Anspruch an mich. Teilweise waren einige aufgeschlossen, einige eher in sich gekehrt und zurückhaltend. Vollkommen okay. Ich hatte das Gefühl, dass ich gut in dieser Gruppe aufgenommen werde bei den anstehenden gemeinsamen Aktivitäten. Ich verhielt mich freundlich, interessiert und fühlte mich auch gut damit. Dennoch hatte ich nicht das Bedürfnis, zu erzählen, warum genau ich da bin. Depression reicht meines Erachtens. Ich spürte beim Großteil der Gruppe, dass ich mich ihnen nicht so öffnen möchte. Ich bin in erster Linie wegen mir hier. Natürlich können mich Gespräche mit Mitpatienten auch weiterbringen. Doch ich möchte diese Gruppe so gut es geht mit Abstand betrachten und nicht vorschnell handeln.
Nach der Gruppensitzung hatte ich einen EDV-Termin – Fragebögen beantworten. Als ich so in der Cafeteria saß, gesellten sich einige der Gruppe direkt an dem Tisch zu mir. Ich fand es sehr nett und freute mich, dass sie mir den Weg in die Gruppe erleichtern. Nach meinem EDV-Gedöns saß ein Großteil der Gruppe an diesem Tisch und unterhielt sich angeregt. Für einen Moment überlegte ich, ob ich mich dazu geselle, um mit allen etwas „wärmer“ zu werden. Doch etwas in mir haderte… es war mein Selbstschutz. Ich entschloss mich, mich im Zimmer zurückzuziehen und die Eindrücke des Tages sacken zu lassen. Ich wusste, wenn ich mich dazusetzen würde, wäre es mir schlichtweg zu viel gewesen. Zuhören, erzählen… ich bin sozial und gesellig. Das kann ich mir nicht negativ vorwerfen. Doch ich muss lernen, mich mehr abzugrenzen. Und wenn ich das Gefühl habe, die Informationen des Tages genügen mir, gönne ich mir eine Auszeit.
Und ich fühle mich sehr gut mit dieser Entscheidung. So hatte ich nun die Möglichkeit, mich zu besinnen. Musik zu hören, diese Worte zu schreiben. Und schon fühle ich mich um einiges leichter.
