Eindrücke

Immer versuchen bei mir zu bleiben. Zu mir selbst stehen. Mich annehmen, wie ich bin. Ressourcen. Stärken. Abgrenzen.

Diese Worte wandern in den letzten zwei Tagen immer wieder durch meinen Kopf. Seit meiner Aufnahme am Mittwoch, beginnt heute mein 5.Tag auf der Reha. So viele Eindrücke habe ich bereits gesammelt. Die Herausforderung für mich liegt in der sinnvollen Verarbeitung dieser ganzen Reize.

Abgrenzen. In dieser kurzen Zeit habe ich schon einige Momente für mich gespürt, in denen ich mich klar abgegrenzt habe und zu meinen Bedürfnissen stand.

Der Freitag war, nach der Einlebephase, bereits gut gefüllt mit Terminen. Von der ersten Morgenrunde mit dem Team bis hin zur ersten therapeutischen Gruppe – Ressourcengruppe genannt. Ich war gespannt, was mich erwarten würde, bin dennoch mit einer inneren Sicherheit und Ruhe an das ganze herangegangen. Mit mir waren es insgesamt 10 Patienten und zwei Therapeuten. Während mich die Lautstärke zweier Damen meinen Teams sofort störte, fiel mir neben mir ein Mann auf, der für mich deutlich signalisierte, was er von der Gruppe hielt. Witzigerweise machte ihn das für mich aber sympathisch. Denn wenn ich auf mein Bauchgefühl hörte, störte mich die ständige laute Sprücheklopferei einiger Teilnehmer. Einerseits bewirkte dies bei mir die Überlegung „Haben diese Menschen einfach nur mehr Leichtigkeit und können mehr Freude empfinden?“ oder „Überspielen sie eventuell Unsicherheiten mit lauten Sprüchen und Lachen, dem man nichts entgegensetzen sollte?“… in kürzester Zeit versuchte ich für mich, diese Fragen zu klären. Ich will ja immer alles verstehen. Ich ertappte mich selbst dabei, dass ich mal wieder zu sehr in die Tiefe abdrifte und versuchte, im Jetzt zu bleiben. Es nervt mich jetzt. Punkt.

Die beiden Therapeuten – ein Psychologie-Praktikant mit einer für mich viel zu stark aufgelegten verständnisvollen Miene und eine erfahrene Frau, deren Stimme und Verhalten eher an eine Kindergarten-Erzieherin erinnerte – stellten die Aufgabe, zwei Sitzkreise zu bilden. Ein innerer und ein äußerer. Paarweise saßen wir uns gegenüber und sollten nachfolgend notieren, was uns positives am anderen auffällt. Danach wurde weiter gerutscht, bis wir am Ausgangspunkt ankamen. In der nächsten Runde sollten wir uns diese Notizen gegenseitig vortragen. Mein Resümee: Mir fällt es nicht schwer, positive Merkmale an mir fremden Personen zu entdecken. Ich kann das Eis mit Menschen brechen, die noch so sehr auf Abwehr ihrem Umfeld gegenüber stehen (der Herr neben mir – wir kamen tatsächlich gut ins Gespräch). Den meisten fallen nur äußere Attribute auf – sie gehen dabei nicht unbedingt auf Dinge, die man nicht sehen kann. Und nicht zuletzt: Manche Therapeuten haben selbst einen ziemlichen Vogel.

Ich zog mich wieder in mein Zimmer zurück. Kopfhörer aufsetzen, Musik hören. Erden. So habe ich es nachfolgend nach allen Situationen gehandhabt, in denen ich mit vielen Menschen zu tun hatte. Was mir für mich auffiel: Ich hab mich keineswegs schlecht gefühlt, wenn ich mich nicht zu den Menschen meines Teams setzte und noch Gespräche führte. Ich habe in mich hineingehört und immer festgestellt, dass mir die therapeutisch festgelegte Zeit in den Gruppen völlig genügte. Ich bin mir meiner Ressourcen immer mehr bewusst – ich bin sozial, hilfsbereit und kontaktfreudig. Da ich dies aber in meiner Vergangenheit teilweise bis zu Erschöpfung ausgelebt habe, ist eben mein oberstes Ziel, mich abzugrenzen. Mit dem Aspekt der Hochsensibilität will ich noch mehr darauf achten, mich nicht zu überreizen. Da ich meinen Mitmenschen im Gespräch aufmerksam folge, benötige ich immer mehr die Fähigkeit, an bestimmten Punkten „auszusteigen“ – und wenn es nur gedanklich, nicht räumlich, ist. Da fixiere ich dann zum Beispiel einen bestimmten Punkt, lasse mich auf ein schönes Bild ein oder verschwinde kurz in der Musik. Es gibt mir meine innere Ruhe.

Während ich vorher oft kaum genug von menschlichen Interaktionen bekommen konnte und darin aufging, mich angeregt zu unterhalten, spüre ich nun – und vor allem hier – dass ich nicht alles wissen will. Nicht jeden bis ins Detail kennenlernen möchte. Und auch nicht jedem viel von mir preisgeben möchte. Mein Tischnachbar und eine andere liebe Frau, die beide mit mir aufgenommen wurden, sind angenehme Gesprächspartner und wir fühlen uns miteinander wohl. Ich spüre zwar auch, dass mir einige meines Teams sympathisch sind – dennoch habe ich nicht das Bedürfnis, mit ihnen groß in die Tiefe zu gehen oder überhaupt viel zu sprechen. Ich habe eine innere Ruhe in mir, die ich völlig neu wahrnehme. Ich fühle mich geerdeter – auch weil ich weiß, wie gut ich schon aufgestellt bin UND welche Anker ich in meinem Leben habe. Mein Herzmensch ist der größte Halt für mich. Er nimmt mich so an, wie ich bin und umgekehrt ist es genauso. Es ist eine so aufrichtige Liebe zwischen uns – das stärkt mich von innen heraus so ungemein!

 

Allerdings habe ich auch gemerkt, dass es Dinge gibt, die mich ärgern. Zwar ergründe ich für mich, warum sich Menschen wie verhalten, um ihr Verhalten im Ansatz zu verstehen. Dennoch bewegt es mich ein Stück, da ich es traurig finde, wie sehr menschliches Verhalten beeinflussbar ist. Wie sehr Menschen mit dem Strom schwimmen, nichts hinterfragen. Sich vieler Dinge gar nicht bewusst sind.

Im Gespräch mit einem anderen hochsensiblen Mann hier, habe ich viele Parallelen entdeckt und war einerseits froh, einen Austausch mit jemandem zu haben, der ähnlich strukturiert ist. Doch mir wurde sehr schnell bewusst, wie sehr dieser Mensch manipuliert. Er ist knapp 20 Jahre älter als ich, lebt seit rund 40 Jahren mit der Gewissheit, dass er hochsensibel ist. Wie er sein Leben darstellte, war einerseits beeindruckend. Andererseits hat er mich wütend gemacht. Er nutzte jede Situation, seine Fähigkeit, die Menschen zu lesen, zu präsentieren. Unaufgefordert geht er in das innerste seiner Mitmenschen, will demonstrieren, wie begabt er ist. Er stellt alles kritisch in Frage – was ich an sich gut finde. Doch demonstriert er den Therapeuten ständig seine Überlegenheit. Das kotzt mich an! Die Tatsache, dass er unter überaus ungesunden Blutdrücken leidet, zeigt mir, dass er mit sich und der Welt eigentlich gar nicht zurecht kommt. Sein Körper reagiert auf all diese Reize, denen er sich aber bewusst aussetzt. Er zeigt für mich nur wenige Ansätze, sich vor all den Reizen auch mal mehr zu schützen – denn die Fähigkeit, alles vorherzusehen, Menschen lesen zu können, scheint das einzig Gute zu sein, das er in seinem Leben hat.

 

Ich für mich habe beschlossen, einen gesunden Weg mit der Hochsensibilität zu finden – in erster Linie für mich. Und besonders Menschen, die mir viel Energie abverlangen, halte ich mir auf Abstand. Menschen, die jede kleinste Gelegenheit nutzen, um ihr Leben wie ein offenes Buch zu präsentieren. Die in meinen Augen mehr jammern. Die schon seit so vielen Jahren mit ihren Problemen herumlaufen und sich (für mich) offenbar lieber mehr in ihrer Krankheit vergraben, als die Kraft aufzubringen, wirklich an sich zu arbeiten. Tja, guten Tag! Das Leben ist kein Ponyhof. Und natürlich bedeutet es ARBEIT, Dinge zu ändern, die mir und eventuell anderen schaden. Doch für „Leiden“ bekommt man ja ein bisschen mehr Aufmerksamkeit.  Ich kann das mit gutem Gewissen sagen – denn ich weiß  selbst, wie schwer es ist, aus gewohnten Verhaltensmuster auszusteigen. Ich habe auch Menschen kennengelernt und erlebt, die immer und immer wieder versuchen, ihr Leben in Ordnung zu bringen, ihrer Erkrankung nicht so viel Macht zu geben. Doch in erster Linie ist die Erkenntnis entscheidend: Ich werde nicht geheilt. Ich beginne die Therapie, um meine Erkrankung  sinnvoll in mein Leben zu integrieren. Sie gehört zu mir. Die Päckchen, die wir alle mit uns herumtragen, sind zwar da. Aber jeder kann für sich entscheiden, wieviel Gewicht er diesen ganzen Dingen gibt. Wie sehr sie über mich regieren. Ich möchte meinen eingefahrenen Verhaltensweise wieder die Ausfahrt zeigen. Sie haben sich so in meinem Inneren verirrt, dass sie ohne Navigation scheinbar nicht mehr herausfinden.

Und auf diesem Weg bin ich. Sogar schon sehr gut. Ich habe die abgefahrenen Reifen gewechselt, meine Fahrkünste optimiert und mir eine Landkarte zugelegt, mit der ich herausfinde. Ich sehe schon wieder mehr Licht. Die Dunkelheit nimmt immer mehr ab.

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