Niemals hätte ich gedacht, dass etwas so sehr wehtun kann.
Körperlicher Schmerz ist eine Sache. Seit meiner Pubertät ist die Migräne ein ständiger Begleiter. Auch Spannungskopfschmerzen haben mir immer wieder gezeigt, wo meine Grenzen sind. Meistens habe ich Schmerzmitteln reagiert. Hauptsache das oftmals unerträgliche Hämmern, Drücken oder Ziehen im Kopf, begleitet von Übelkeit, Nackenschmerzen und Lichtempfindlichkeit, hat ein schnelles Ende. Den Ursachen bin ich nach und nach auf die Schliche gekommen… ob emotionaler Stress, starke Sonneneinstrahlung und Wärme oder der durcheinander geratene Schlafrhythmus haben regelmäßig dazu geführt, dass ich mich in der Schule nicht mehr konzentrieren konnte, Verabredungen verschieben musste oder später Frühdienste in Kliniken nicht antreten konnte. Doch statt an meinem Lebensstil effektiv etwas zu verändern, hab ich eine Schmerztablette nach der nächsten eingeworfen – Hauptsache funktionieren, niemanden enttäuschen!
Dann wurde ich schwanger und mein Bewusstsein veränderte sich. Ich spürte immer mehr, wie sensibel ich für meine Umwelt wurde, wo potentielle „Gefahren“ lauerten. Besonders emotionaler Stress, den ich wegen einiger starker Charaktere in meinem Umfeld regelmäßig hatte, zwang mich in die Knie. Doch Schmerzmittel: Nix da! Lieber tagelang im abgedunkelten Raum, Kälte auf dem Kopf, Wärme im Nacken, Pfefferminzöl… und bloß den Eimer in Reichweite des Bettes – falls die Übelkeit zu stark wurde. Schließlich wollte ich dem heranwachsenden Leben in mir nicht zusätzlich schaden. Ich habe in dieser Zeit sehr darauf geachtet, möglichst vieles von mir fernzuhalten, dass vor allem dem ungeborenen Menschlein in mir Schaden zufügen könnte. Ich ernährte mich bewusst und ausgewogen, tat mir und meinem Sohn viel Gutes. Wehen und der Geburtsschmerz ist wohl etwas im Leben einer Frau, das einem deutlich macht, wieviel ein Körper aushalten kann. Später stillte ich ihn bis zu seinem ersten Geburtstag, kochte den Brei selbst, achtete darauf, ihm einen guten Start zu ermöglichen. Kopfschmerzen hatte ich weiterhin. Auch Schmerzmittel waren weiterhin meine Begleiter. Musste ich ja wieder „funktionieren“.
Letztlich musste mein Sohn diese schwere Bürde tragen. Krebs. Ein riesiger Tumor hat sich in ihm ausgebreitet. Die intensive Therapie hat er so gut ausgehalten – obwohl er viel gelitten hat. Mein Kind musste von Anfang an das Gefühl von starken Schmerzen erleben. Das hatte er nicht verdient. Ich machte mir immer wieder Vorwürfe, fragte mich, was ich falsch gemacht haben könnte. Was am Ende dazu geführt hat, dass bei ihm diese Nervenzellen entarteten, konnte niemand genau sagen. „Spontane Mutation“ – das sollte uns beruhigen, denn die Ursachenforschung war noch nicht ausgereift genug. Viele Therapieblöcke, Klinikaufenthalte, lange Tage im Klinikalltag… auch hier ließen mich die Kopfschmerzen und die Migräne nicht zufrieden. Ich hatte einen enormen Schmerzmittelkonsum, um für meinen Sohn da sein zu können. Die Anspannung in mir war einfach zu groß. Ich wollte für ihn da sein, denn es schmerzte mir nur allein bei dem Gedanken, er säße allein auf seinem Zimmer – wie viele andere Kinder zu der Zeit.
Dass dieser ganze Marathon, die vielen Schmerzen und Tränen, die er durchleben musste, am Ende doch nicht zum gewünschten Ziel führten – zu überleben, den Krebs zu besiegen – ließ meine Welt völlig aus den Fugen geraten.
Mein Sohn starb in meinen Armen, daheim. Ich wollte nicht, dass er seine letzte Zeit auf dieser Erde noch in Kliniken verbringen sollte. Es war eine enorme Aufgabe. Besonders emotional. Denn sobald ein Kind ansatzweise schmerz- und fieberfrei ist, spielt es einfach. Ist das blühende Leben. Natürlich, ich konnte über die Wochen sehen, wie sein Körper unter dem wachsenden Tumor litt, wie er Gewicht verlor, die Atmung schwerer wurde – besonders im Hochsommer. Ich schenkte ihm all die Liebe, die er bedingungslos verdiente. Er sollte nicht allein sein. Er bekam alles von mir, was er sich wünschte. Und das war vor allem Liebe, Zuwendung, Nähe.
Als mein Sohn starb, starb auch etwas in mir. Schon kurz nach seinem Tod spürte ich dieses Loch in meiner Brust. Dort, wo es immer kribbelte, wenn ich vor Stolz fast explodierte, hatte er wieder eine weitere Fähigkeit dazugelernt. Und nun war dort dieses gefühlte Vakuum. Müsste ich es bildlich darstellen, wäre es wohl ein tiefes, schwarzes Loch, das alles in sich aufsaugt.
Und dieser Schmerz. Dieser Schmerz ist mit nichts zu vergleichen. Seelischer Schmerz ist kaum in Worte zu fassen. Niemals hätte ich erwartet, dass dieser Schmerz eine solche Intensität erreichen kann… solange fortbestehen kann… immer wiederkehren kann.
Heute sind 2 Jahre und knapp 9 Monate vergangen, seit mein Sohn eingeschlafen ist. Immer wieder hatte ich in diesen letzten 2 Jahren schwere Zeiten. Wo tagelang, wochenlang einfach gar nix ging. Wo jeder Tag, den ich erwachte, bereits schmerzte – denn er ist einfach nicht mehr da. Auf rationaler Ebene weiß ich, dass er nun von seinen Schmerzen befreit ist, seinen Frieden hat. Dass mein Leben wohl nicht so verlaufen wäre, wäre er noch da. Das Leben hat mich, ohne mich zu fragen, in diese Situation geworfen. Etwas Wundervolles geht, um offenbar einem neuen, wundervollen Leben Platz zu machen. So fühlt es sich manchmal für mich an. Wäre mein Sohn noch da… diese Gedanken gehen immer mal wieder durch meinen Kopf. Letztlich weiß ich, dass ich darüber nicht mehr nachdenken muss. Die „hätte“-Schleife ist meistens nur bloße Qual. Trotzdem neigen wir Menschen dazu, immer zu rekapitulieren.
Und besonders jetzt, wo die Tage wieder wärmer werden, mir die Hitze plötzlich aufsteigende Hitze körperlich zu schaffen macht… da kommen viele Emotionen hoch. Ich habe schon in den vergangenen Sommern, seit seinem Tod, gespürt, dass die Wärme einen Trigger für mich darstellt. So sehr ich auch versuche, diese ganzen aufkommenden Gefühle und Gedanken zu relativieren. Es ist eine gewaltige Macht, diese Trauer. Die Zeiten, in denen ich wieder beschwingter und „leichter“ durchs Leben laufe, versuche ich zu genießen. Dann fällt mir nichts schwer, alles geht leicht von der Hand. Perspektiven sind da. Das Denken ist positiv.
Doch momentan… nur Nebel. Und Schmerz. Egal, was ich sehe, höre, mitbekomme. Ich projiziere, denke darüber nach, wie wäre es nun mit meinem Sohn, wie würde ich mich verhalten. Mein Sohn wäre in diesem Jahr eingeschult worden. Ich frage mich, wie er nun wäre. Welche Schultüte infrage gekommen wäre… wie groß er wäre. Ob er sich auf diesen Lebensabschnitt gefreut hätte. Und dann stehe ich gedanklich wieder vor dieser Dunkelheit. Denn da ist nichts, außer die Erinnerung an meinen Sohn, der nur drei Jahre alt werden durfte.
Ich sehe Eltern, die ihren Kindern wenig Aufmerksamkeit schenken, sie grob behandeln, anschreien. Mehr Zeit in ihr Smartphone investieren und ihre Kinder nur durch diese Kamera betrachten. Ich sehe Eltern, denen nicht bewusst zu sein scheint, welch ein Glück sie haben. Dass ihre Kinder gesund sind, am Leben sind. Eltern, die ihre eigenen Probleme über ihre Kinder kompensieren. Mit meiner Hochsensibilität fällt es mir oft noch schwer, meine Sinne vor all diesen Eindrücken zu verschließen und es nicht an mich herankommen zu lassen. Ich habe momentan viel Zeit, über alles Mögliche nachzudenken und mache mich damit auch ganz gern verrückt. Mein Selbstwertgefühl fährt ständig Achterbahn – derzeit aber eher eine dauerhafte Talfahrt durch dunkle Berge mit minimalen Lichtblicken. Da sind mein Herzmensch, die Musik, gutes Essen, unser Humor… das gibt mir Kraft. Es hilft mir, mich wieder zu spüren. Denn diese Leere ist kaum zu beschreiben. Warum sollte ich noch auf dieser Welt sein? Mein Sinn im Leben starb vor knapp drei Jahren. Es gibt viel, wofür es sich zu leben lohnt – in der Theorie ist mir das auch bekannt. Doch an den meisten Tagen kann ich es kaum erkennen und fühlen. Ich befinde mich –gefühlt- in einer Abwärtsspirale. Sinnbildlich versuche ich mich jeden Tag irgendwie über Wasser zu halten, trotz der schweren Gewichte an meinen Füßen, die mich immer wieder in die Dunkelheit ziehen wollen. Es ist ein Kraftakt! Von außen sieht niemand, was ein psychisch angeschlagener Mensch für Kräfte aufwenden muss, um zu überleben. Da sieht man nur: Er liegt träge herum, ist nicht zu motivieren, zeigt keine freudige Gefühlsregung. In unserer Gesellschaft wird man dann ganz gern als „faul“ bezeichnet – zumal ein Arbeitsverhältnis kaum möglich ist. Dass ich mich seit nun acht Monaten von diesem gesellschaftlichen Zwang ohne schlechtes Gewissen abwende, ist ein schwieriger Prozess. An manchen Tagen fühle ich mich wirklich schlecht, dass ich zu nichts weiter imstande bin, außer den Haushalt zu machen. Da fällt mir jeder Schritt vor die Tür so ausgesprochen schwer…
…aber: Es ist für mich gerade nicht wichtig! Ich kann es einfach nicht. Ich schaffe es gerade mal, für mich und meinen Partner Verantwortung zu übernehmen – andere Leben möchte ich da nicht in meine Hand legen. Mir fällt in den letzten Wochen immer wieder ein, wieviel ich in meinem jungen Leben schon geleistet habe. Ich räume mir jetzt ein, dass ich erschöpft bin. Dass ich das Tempo, das ich jahrelang versucht habe zu halten (auf Kosten meiner Gesundheit), nun nicht mehr halten kann und möchte. Ich möchte meinen Körper und meine Seele heilen – das braucht Zeit. Zeit, die nicht genau definiert ist. Die nicht absehbar ist. Denn die seelischen Wunden scheinen tief zu sein – sonst würden wohl nicht ständig so viele Tränen fließen. Dass nach knapp drei Jahren der Schmerz immer noch so intensiv ist, wie zum Zeitpunkt seines Todes, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte, ich käme schon besser zurecht, habe alles ganz gut im Griff. Pustekuchen! Ich habe mich geirrt und gestehe mir diesen Fehler ein. Nun ist es für mich an der Zeit, noch einmal an diese Wunden zu gehen – noch einmal mit gezielter Hilfe von außen. Eventuell finde ich nun ein weiteres Heilmittel, damit die Wunden nicht mehr Schmerzen und endlich Narben entstehen können.
