Ich bin von meinem gewohnten Weg abgekommen. Als mein Sohn starb. Ein neuer Weg eröffnete sich mir, nach und nach.
Nach fast drei Jahren ohne ihn an meiner Seite, habe ich viel über mich gelernt. Vor allem lernen müssen. Schon immer war ich sehr selbst-reflektierend, habe hinterher evaluiert, wie mein Verhalten in jeweiligen Situationen zu betrachten war. Das hat schon immer enorm viel Energie gefordert, besonders, wenn das Selbstbild grundlegend kein Gutes war. Ich mir selbst nicht genügte und das Gefühl hatte, niemandem gerecht zu werden. „Hab ich aufmerksam zugehört?“ „Habe ich Fragen gestellt, Interesse gezeigt?“ „Habe ich zu laut gesprochen?“ „Wirkte ich besserwisserisch?“… meine Denkfabrik lief immer auf Hochtouren. Und in den meisten Fällen nicht zu meinen Gunsten. Habe ich meine Gedanken nur im Ansatz einem Gegenüber geäußert, hörte ich in der Regel „Mach dir nicht so viele Gedanken“. Danke. Wirklich. Hat gut geholfen. Nicht.
Ich habe kurz nach dem Tod meines Sohnes bereits psychologische Gespräche in Anspruch genommen, von der zuständigen Psychologin der Kinderstation. Dies war ein Bonus seitens der Onkologie-Station, über den ich absolut dankbar war. Sie lernte uns in der Therapiezeit meines Sohnes gut kennen und konnte uns auch nach seinem verlorenen Kampf eine große Stütze sein. Dabei quatschte ich mich meistens 2,5 Stunden komplett leer… und war enorm froh, dass sie nicht dem gesetzlich festgelegten zeitlichen Kontingent unterlegen war. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, „nur“ 50 Minuten zu erzählen und mitten im Gedankenfluss zum Ende finden zu müssen.
Nach all meinen Veränderungen in der Zwischenzeit, spürte ich, dass da noch viel in mir schlummerte und besprochen werden wollte. Knapp 1,5 Jahre, nachdem mein Sohn starb, fand ich eigenständig den Weg zu einer Psychotherapeutin. Ich hatte großes Glück, innerhalb von drei Wochen einen Termin bei ihr zu erhalten und die Sympathie war sofort da. Solche Fügungen weiß ich ganz besonders zu schätzen, denn leider ist diese schnelle Terminvergabe in der ambulanten Psychotherapie selten der Fall… und wenn es dann auch noch menschlich passt… Diese Therapeutin hat mich über ein Jahr begleitet und mich zu vielen Erkenntnissen geführt. Insbesondere ging sie liebevoll auf mich ein, wenn ich in mein Muster verfiel, für alle da zu sein, allen gerecht zu werden und mich und meine Bedürfnisse zu vergessen. Sie dockte an den richtigen Stellen, damit ich zur Selbsterkenntnis gelangte. Und wenn mein Kopf mal wieder voll war von Traurigkeit und Nebel, half sie mir mit den richtigen Worten wieder heraus. Hier lernte ich langsam, dass ich mit anderen Menschen unfassbar geduldig war und bin… doch mit mir selbst nur wenig nachsichtig bin. Ich wollte wieder „klarkommen“. Für mich. Vor anderen. Doch „klar“ ist, durch den Verlust eines geliebten Menschen, erstmal gar nix mehr. Da ist oft noch ganz viel Nebel und Dunkelheit, die mal mehr, mal weniger Raum einnimmt. Und aus dieser möchte ich herausfinden. Doch das braucht Zeit. Ach ja… so viel Zeit.
Mit meinem großen Umzug, über 300km weit weg aus meiner Heimat, kamen einige neue Erfahrungen in mein Leben. Die vermeintlich tolle Arbeitsstelle, die sich letztlich als unvertretbar für mich entwickelte. Eine frühe Fehlgeburt. Dies war für mich der Dominostein, der eine ganze Kettenreaktion in die Gänge brachte. Die Entscheidung, daheim zu bleiben, mich aus der beruflichen Verpflichtung zu nehmen. Eine Rehabilitation zu beantragen. Nach außen sah dies für die meisten nach Stagnation, nach Stillstand aus. Doch in mir bewegten sich Welten. Ich hatte selbst oft das Gefühl, nicht viel zu bewegen. Sichtbar zu bewegen. Etwas Messbares zu schaffen. Doch war ich immer erschöpft. Selbst nach meine Reha bin ich weiterhin erschöpft. Denn die ganze Zeit des Funktionierens, fordert nun ihren Tribut.
Mit meiner Therapeutin hatte ich noch telefonischen Kontakt, wenn ich aus dem Gedankenkarussell nicht herausfand. Doch vor kurzem spürte ich immer mehr, dass ich wieder intensivere Gespräche führen möchte. Von Angesicht zu Angesicht. In einem geschützten Rahmen. In einem Raum, wo ich die Gedanken lassen kann.
Anfang des Jahres sträubte ich mich noch dagegen und fand keinerlei Überwindung, mir in meinem Wohnort einen neuen Therapeuten zu suchen. Doch nun war dieses Bedürfnis ganz groß. Dann ist es jetzt richtig – dachte ich mir. Und wie es das Glück so wollte: Ich fand wieder schnell eine passende Therapeutin. Innerhalb einer Woche konnte ich schon den ersten Termin wahrnehmen. Ihre Ansätze in der Trauerarbeit stimmen mit meinen Ansichten überein: Nicht zwanghaft loslassen. Darauf pochen viele Therapeuten. Um dem Betroffenen den Schmerz zu nehmen. Doch dies ist – meines Erachtens – ein utopisches Ziel. Die Person, die man da verloren hat, war ein Teil des Trauernden. Diesen Teil darf man pflegen, auf seine eigene Weise. Doch wenn die Schwere der Trauer überhandnimmt, sollte individuell geschaut werden, wie diese Schwere behoben werden kann.
Momentan befinden wir uns noch in der „Autobiografie“-Phase. Sie muss mich und mein komplexes, junges Leben erst einmal kennenlernen. Dabei habe ich das Gefühl, kreuz und quer in meinem Lebenslauf zu springen. „Ach das war auch noch“… sie findet sich zurecht – das beruhigt mich. ;) So oft habe ich schon mit Freunden und Bekannten über gewisse Stationen meines Lebens gesprochen… immer wieder reflektiert. Doch nun habe ich offenbar einen Punkt erreicht, wo mir vieles erst einmal bewusst wird. Was da wirklich alles gelaufen ist. Was das alles aus mir gemacht hat. Meine Therapeutin zeigt mir auf eine ganz besonders schöne Weise, wie all diese Erlebnisse mit meiner jetzigen Person in Zusammenhang stehen. Und dabei verdeutlicht sich mir, an welchen Stellen ich liebevoll mit mir sein soll. Erst, wenn ich all meine Emotionen annehme, wie sie kommen, ihnen eine ehrliche Daseinsberechtigung einräume, kann ich es schaffen, mich damit sinnvoll auseinanderzusetzen, sie zu verstehen. Dazu zählt auch der Umgang mit der Hochsensibilität.
Ich befinde mich also auf dem alten Weg. Ich befinde mich auf dem Weg der Psychotherapie. Doch habe ich nun eine andere Reisebegleitung. Dadurch fühlt sich dieser Weg wieder ganz neu an. Jetzt bin ich froh über die 50-minütigen Kurztrips – denn diese fordern mir unfassbar viel ab. Ich verstehe langsam immer mehr, dass der Weg das Ziel ist. Zitat Ende.
