Unverhofft kommt oft

Ach, was bin ich aber auch manchmal naiv… gar blauäugig (gut, meine Augen sind wirklich blau) laufe ich durch die Welt. Ahne nichts Böses. Denke mir so nach dem ersten Kaffee am Morgen: „Heute wird ein guter Tag! Ich bin früh auf und schaffe das, was ich mir vorgenommen habe!“… Also, Motivation ist da.

In meiner derzeitigen Situation entsprechen dann Einkäufe und Erledigungen großen Taten – die mich auch mit all den Reizen und Eindrücken enorm Energie kosten. Ich weiß, für viele Menschen stellt so ein Einkauf in großen Supermärkten oft eine Herausforderung dar – besonders, wenn Feiertage die Apokalypse einleiten und schnell noch alles für die Zombie-Invasion auf Vorrat eingekauft werden muss. Doch ich spreche von kleinen Läden, einem kurzen Arztbesuch, die Autofahrt…
Ich nutze also den Schwung, der mir schon mit dem Aufstehen entgegengekommen ist. Und ehe ich mich versehe, habe ich meine Erledigungen so gut wie vollständig. Eine Station fehlt noch. Doch dann… dann meldet sich das Auto. Stromversorgung nicht in Ordnung. Hmpf. Ich habe noch eine kleine Distanz zurückzulegen, bis ich daheim bin. Ich fahre umsichtig, versuche die Verbraucher zu minimieren. Rund 600m von meiner Haustür entfernt, geben nun auch ESP und ABS den Geist auf. Gut, das ergibt Sinn, nach der ersten Fehlermeldung. In diesem Moment bin ich nur erleichtert, dass mein Weg nach Hause nur noch minimal ist. Ich versuche also diesen assistenzlosen Go-Kart Richtung Haustür zu manövrieren und schaffe es auch. Durchatmen.
Meinem Herzmensch musste ich die Nachricht über die plötzliche Schwäche seines Vehikels vermitteln. Ein Blick auf den Motorraum und Startversuche des Autos brachten letztlich die schmerzliche Wahrheit: Er springt nicht mehr an. Werkstatt. Abschleppen. Und das mit bevorstehenden Nachtschichten meines Herzchens.
Tja… und aus meiner Vergangenheit und persönlichen Struktur heraus, bin ich sehr lösungsorientiert und kann mich glücklich schätzen, einen gewissen Weitblick auf die Dinge zu haben. Es ploppen also Mindmap-artig Szenarien in meinem Kopf auf, die ich so schnell nicht sortiert bekomme. Ich versetze mich instant in die Lage meines Partners, der nun das defekte Auto und Nachtschichten an der Backe hat. Bauchschmerzen. Unruhe. Und ich möchte ihm doch so gerne helfen. Doch ich fühle mich ein Stück weit gelähmt, bin wie erstarrt vor lauter Gedankenblasen und Emotionen, dass ich kaum ein Wort rausbekomme.

Da haben wir´s mal wieder: Lösungen sind da. Aber der Kopf kocht vor lauter Emotionen über – die Klarsicht fehlt. Und schon kommt die Verzweiflung. Die Verzweiflung darüber, dass ich viele Tage habe, an denen ich mit solch unvorhergesehenen Dingen nicht umgehen kann. Sie mich völlig aus der Bahn werfen. Ich frage mich, ob das vor dieser Zeit mit meinem Sohn auch schon so war. Vielleicht. Wenn, dann habe ich es gekonnt verdrängt oder überspielt. Denn ich war im Funktionsmodus, voll von Hormonen, die mich im Stress haben überleben lassen. Die mir halfen, in noch so schwierigen Lagen und Entscheidungen – und davon muss man eine Menge treffen, sobald das eigene Kind schwer erkrankt – die Übersicht und den klaren Blick zu behalten.
Und nun? Nun scheinen mich diese Stresshormone eher zu lähmen. Mich zur Ruhe zu zwingen. Und insgeheim weiß ich wohl auch, dass ich nicht alles alleine schaffen und lösen muss. Nicht mehr. Wo ich mich früher oft allein gelassen gefühlt habe, sitzt da nun dieser wahnsinnig tolle Mensch neben mir, der mich sogar noch in den Arm nimmt, das fröhliche Lächeln aufsetzt und mir suggeriert „Alles ist okay, ich kümmere mich darum. Ein kleiner Umstand, aber alles machbar.“ …
Aus einer gewissen emotionalen Überforderung heraus, werde ich meistens sehr schnell müde. Mein Zeichen: Das war zu viel. Der Prozessor musste gerade zu viel leisten. Zeit runterzufahren. Schlafen ist angesagt. Jetzt kann ich mir diese Freiheit nehmen. Noch. Irgendwann… ja, wann das sein wird, weiß ich selbst nicht… werde ich mich wieder mehreren Verpflichtungen stellen können. Dann könnten diese spontanen Auszeiten in Form eines Mittagsschlafes schwieriger zu realisieren sein. Es verlagert sich dann vermutlich auf andere kleine Oasen. Doch jetzt geht es nicht anders. Jetzt geht es mir nicht gut. Jetzt brauche ich Ruhe. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Denn die emotionale Abwärts-Achterbahn möchte ich heute wegen Wartungsarbeiten vorübergehend geschlossen halten. Dieses ständige Bergabfahren kitzelt nämlich nicht nur im Bauch… nein, sie bereitet richtig Bauchschmerzen. Und darauf habe ich jetzt mal keine Lust.

Nach dem Schläfchen hat sich alles geklärt: Ersatzwägelchen ist da, Herzmensch kommt zur Arbeit, Auto wird untersucht… und ich schaffe tatsächlich noch ein paar kleine Aufgaben meiner heutigen Vorhaben.

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