In diesen knapp drei Jahren Trauerzeit habe ich mich mit Dingen beschäftigt, von denen ich vorher nur mal gehört habe und sie dann einfach ad acta gelegt habe.
Meine Trauerphase hatte schon damit begonnen, als wir wussten, dass unser Sohn nicht mehr lange zu leben hat. Gemischt mit den positiven Gefühlen, die mein Kind in mir hervorrief, war diese Ambivalenz manchmal schwer auszuhalten. Ich betrachtete mein Kind, das noch lebendig vor mir saß und spielte und wusste gleichzeitig, dass diese Momente bald vorbei sein werden und nur noch in meiner Erinnerung weiterleben. Während mir oft eigentlich nur zum Weinen zumute war und ich damals am liebsten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hätte – der lieber mich, als meinen Sohn nehmen sollte – überschüttete mich dieser kleine Mann noch mit so viel Glücksgefühlen und kitzelte aus jeder kleinsten Ecke meines Seins Liebe hervor. Ich habe versucht, diese Zeit so bewusst wie nur möglich wahrzunehmen. Jede kleinste Feinheit an ihm betrachten und abspeichern, jeden Augenblick genießen.
Nach seinem Tod schlichen sich für mich immer mal wieder Zufälle in den Traueralltag. Ob es nun die Sonne war, die herauskam, als mir die Tränen liefen und ich wieder übermannt war von der Realität. Oder der plötzlich aufbrechende Himmel, sobald seine Lieblingslieder liefen. Die Windstille, wenn ich an seinem Grab stand. Das Gefühl, gerade nicht allein zu sein – zu spüren, er ist irgendwie gerade da. Ich hielt mich zwischendurch selbst für verrückt und kratzte an meinem rationalen Verstand, ob ich mir das in diesen Momenten einfach nur einbildete und es Wunschdenken war. Doch auch nahestehende Menschen erlebten solche Zufälle. Sogar meine Mutter stellte bei meinen Besuchen fest, dass immer Elvis im Radio gespielt wird, während wir gerade gemütlich Kaffee tranken.
In meinen Gesprächen mit meiner damaligen Trauerhilfe, bestätigte sie mir, dass es vielen Trauernden so erginge. Zeichen wahrzunehmen. Zufälle erkennen. Es passieren Dinge, die man mit dem bloßen Verstand nicht erklären kann. Während ich einerseits in diesen Wahrnehmungen Linderung empfand und damit das Gefühl bekam, er sei irgendwie noch da, fühlte ich mich oftmals meinem Partner gegenüber schlecht. Er nahm solche Dinge nicht wahr und warf mir später sogar vor, dass ich mich mit diesen Wahrnehmungen in den Vordergrund stelle – denn ich sähe sie und er nicht. Ich habe ihm dies nicht suggeriert, da ich wusste, er würde anders trauern – mehr in sich hinein. Doch ich ging offen damit um – denn für mich fühlte es sich so richtig an und ich war froh, die nahestehenden Menschen auf eine ehrliche Art daran teilhaben zu lassen. Ich wollte niemandem etwas vormachen – auch wenn ich oft sehr stark in andere hineingespürt und meistens Unbehagen wahrgenommen habe. In einer solchen Phase, wo man eh schon übermäßig mit sich selbst beschäftigt ist und man versucht, sich über Wasser zu halten, war es besonders anstrengend, auch noch adäquat auf sein Umfeld einzugehen. Klar – ich hätte das nicht machen müssen, mir stand jeglicher Egoismus zu. Doch so war und bin ich (noch) nicht gestrickt. Ich warf über jeden, der mir gegenüber saß, einen Empathie-Filter und konnte mich da noch nicht so gut von den Emotionen der anderen abgrenzen.
Leider spürte ich damals aber auch, dass ich über dieses Übersinnliche mit meinem Partner nicht mehr sprechen konnte. Das Gefühl vermittelt zu bekommen, man sei verrückt oder völlig daneben, entspricht ein wenig dem Salz in der Wunde. Einer der Gründe, warum ich später meinen Weg allein weiterging und mein Leben umkrempeln wollte.
Ja… und nach knapp drei Jahren, in der die Trauer als treue Begleitung nicht von meiner Seite wich, fallen mir diese Zeichen immer noch auf. Vermutlich wird es auch nicht enden – davon gehe ich erstmal aus.
Allein die Tatsache, dass mich der Weg zu meinem Herzmenschen geführt hat und ich jetzt endlich mal erfahre, wie wundervoll eine Beziehung sein kann. Wie harmonisch. Wenn einfach alles passt. Auch drum herum. Wenn er sogar sagt „Der kleine Mann hat bestimmt auf seiner Wolke gesessen und gesehen, dass das passt“. Diese Vorstellung ist einfach schön. Dass mein Sohn eben noch da ist und meine Wahrnehmung schärft – für die schönen Dinge. Für die es sich zu leben lohnt. Wie schon zu der Zeit, als er noch am Leben war.
Ich bin durch seinen Tod empfindlicher geworden – noch mehr, als ich es eh schon war. Vor einigen Jahren habe ich vermieden, meine sensible Seite offen zu leben- da ich das Gefühl hatte, es sei nicht erwünscht und lästig. Doch nun versuche ich immer mehr dazu zu stehen – dass ich ein reiches Innenleben habe und mir dies auch dazu verhilft, solche schönen Zufallsmomente zu erkennen.
Wie gestern. Als ich nervös war wegen eines Arzttermins. Die Fahrt dorthin. Allein. Unbekannte Gegend. Mit Leihwagen. Ich war so angespannt und fragte mich selbst, warum ich zurzeit so sensibel auf alles reagiere. Ich war doch früher nicht so. Klar – ich war es nicht mehr, weil mein Umfeld damit nicht umgehen konnte, wie ich es mir gewünscht hätte und ich automatisch funktioniert habe. Hinzu kommt, dass die neubegonnene Therapie viel aufwühlt – was anstrengend, kräftezehrend, aber auch heilend ist. In dieser angespannten Situation nahm ich plötzlich ein Lied im Radio wahr. Es war eines der Lieblingslieder meines Sohnes, das wir oft in Endlosschleife hörten. „Upside Down“ und dazu noch eine fröhliche und wärmende Melodie. Gänsehaut, Tränen schossen in die Augen. Ich versuchte die Fassung zu wahren, da ich gerade in fremder Gesellschaft war. Wie passend dieser Titel für diese Situation war. Zufall? Auf der Fahrt mit dem Auto wurde ein weiteres Lieblingslied meines Sohnes gespielt – „Personal Jesus“. Hmm.. vielleicht möchte er mir ja sagen, ich solle an mich glauben? Ich beginne sofort zu lächeln und finde diesen Gedanken tröstlich. Dass mein kleiner Held diese Zeichen schickt, um mich aus dieser Anspannung zu lösen.
Ich atmete tief durch, „klopfte“ mich ein wenig ab (danke an meine Therapeutin!) und spürte, dass ich ruhiger wurde.
Jeder darf denken, was er möchte, wenn es um diese unerklärlichen Zufälle und übersinnlichen Begebenheiten geht. Dem einen geben sie Kraft und Zuversicht, verhelfen zur Linderung und führen dazu, dass man diesen Moment achtsam mit sich ist. Anderen bereiten sie vermutlich Unbehagen und Ängste.
Wichtig finde ich nur: Niemanden dafür zu verurteilen! Die Trauer ist so komplex, so individuell. Und so sollte auch jeder behandelt werden.
