Irgendwie nicht richtig..

Ich habe bisher immer versucht, ehrlich mit mir umzugehen, seitdem mein Sohn nicht mehr am Leben ist. Dass ich mir schwierige Tage zugestehe, an denen ich kaum Antrieb habe für die einfachsten Dinge. An denen meine Weltanschauung und Perspektiven eher ins dunkelgrau wandern, als im hellen Licht zu stehen. Dass alle Emotionen ihre Daseinsberechtigung haben und gelebt werden wollen.

Tja… diesem ganzen theoretischen Gerede über Emotionen und Verhaltensweisen, steht dann noch mein Verstand gegenüber. Der immer wieder mahnend den Finger hebt und mir suggeriert: „Komm… ist doch alles nicht so schlimm. Stell dich nicht so an. Das wird schon wieder.“ Meine erwachsene Version versucht insgeheim immer wieder dem kleinen blonden Mädchen in mir zu erklären, es solle sich zusammenreißen. Nach dem Motto: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Ach ja… diese ganzen schönen Floskeln, die man als Kind hören durfte. Die man auch heute noch hört – sie werden immer weitergetragen.

Aber wenn ich mal ganz ehrlich zu mir bin: Mein Indianer kennt Schmerz. Und lässt ihn jetzt auch zu. Denn immer nur Wegpusten funktioniert bei seelischem Schmerz vielleicht kurz- bis mittelfristig. Auf lange Sicht tue ich mir und meinem Indianer aber keinen Gefallen damit.

So lote ich nun seit rund drei Jahren immer wieder neu aus, wie ich mich in gewissen Situationen fühle und verhalte. Während ich am Anfang (und immer noch) den Kontakt zu meinen Freunden mit Kindern suche, spüre ich jetzt immer öfter Unbehagen. Überlege schon im Vorfeld, wie mein Bauch und mein Herz dazu stehen, wenn es um Besuche von Freunden mit Kindern geht. Ich liebe Kinder! Keine Frage. Sie tun mir in erster Linie gut und ich lasse mich unheimlich gerne von ihnen mitreißen, in ihrer Fantasie, ihrer Leichtigkeit und Unbefangenheit. Es gibt für mich oft kein besseres Unterhaltungsprogramm, als einem Kind dabei zuzusehen, wie es seinen Körper mit all den Möglichkeiten und Grenzen kennenlernt. Wie die Augen leuchten, wenn es etwas Neues sieht und lernt. Wie die Gesichtszüge entgleisen und die Grimassen von den Eltern in der kindlichen Version noch komischer aussehen. Wie wohl und geborgen sie sich fühlen, wenn sie auf dem Arm genommen werden, auf dem Schoß sitzen oder gestreichelt werden. Kinder geben einem den schönsten Lohn dafür, dass man für sie da ist. Ich habe es bisher genossen, mit den Kindern zusammen zu sein.

Doch seit einiger Zeit schwingt eine Menge Wehmut mit. Es macht ganz viel mit mir, wenn Kinder in meiner Nähe sind. Ich spüre die Lücke, die da entstanden ist. Mein Sohn existiert nur noch in Erinnerungen. Ich kann keine neuen Erinnerungen mit ihm schaffen, wie alle meine Freunde mit ihren Kindern. ( Ja, man soll nicht ständig vergleichen..) Ich kann mich über keinen weiteren Fortschritt meines Sohnes freuen, sondern nur über jene, die er bis zu seinem Tod geschafft hat. Und was war ich immer stolz auf ihn – und bin es immer noch! Er war ein toller kleiner Mann und hat mir so unfassbar viele Glücksmomente geschenkt. Ich bin stolz, seine Mutter sein zu dürfen. Denn das bin ich immer noch, obwohl er nicht mehr am Leben ist: Ich bin seine Mutter! Und ich werde es immer sein. Doch meine Mutterliebe kann ich momentan nur in meine Erinnerungen fließen lassen. Sicher, sobald Kinder in der Nähe sind und sie sich über die Beschäftigung mit mir freuen, flackert mal wieder eine kleine Flamme auf in dieser „Glut aus Mutterliebe“. Doch es ist dann eben nicht mein Kind.

Manchmal fühle ich mich in den Gesprächen mit den Eltern merkwürdig, wenn ich von meinen Erfahrungen aus der Babyzeit berichte… es ist alles noch sehr präsent und (dank meiner Hochsensibilität und dem guten Gedächtnis) kann ich viele Situationen, die Eltern mit ihrem ersten Kind erleben, noch gut nachvollziehen. Einerseits fühlt es sich merkwürdig an… andererseits möchte ich nicht schweigen und diese wundervolle Zeit meines Lebens einfach so beiseitelegen. Sie gehört zu mir. Und während ich so darüber spreche, spüre ich diese „Glut“ in mir. Diese Mutterliebe, die da in mir brodelt und ausgelebt werden möchte. Ich sage ganz oft: Ich bin Mutter auf Stand-By. Da ich noch jung bin, sage ich mir immer wieder: „Irgendwann wird sich ein Kindchen zu uns gesellen. Das kann noch nicht alles gewesen sein.“ Ja… irgendwann. Wenn meine Wunde halbwegs bis gut abgeheilt ist. Denn irgendetwas in mir scheint noch nicht bereit dafür zu sein. Das spüre ich.

 

„Also warst du auch mal eine Mama“, sagte mir ein kleines Mädchen, als es mit mir Hand in Hand spazieren ging.     Buff.    Bauchschmerzen.     Sie hat mich getroffen.      Antworte ich darauf? Und wenn ja, was sage ich? „Ja, ich war eine Mama. Und ich bin eine Mama, auch wenn mein Kind nun im Himmel ist.“  Ich spürte, dass sich dieser Spaziergang mit dem kleinen Mädchen, so innig und leicht er zwischendurch war, irgendwie nicht „richtig“ anfühlte. So sehr ich auch versuchte, mich in die Situation zurückzufinden und es zu genießen, dass ein Kind sich bei mir aufgehoben und wohl fühlte, dass mir das Vertrauen geschenkt wurde, auf sie aufzupassen… ich konnte dieses Unbehagen in meiner Herzgegend nicht leugnen. Ich könnte auch gerade mit meinem Sohn spazieren gehen. Was er wohl denkt? Ich möchte ihn nicht vernachlässigen. …        Wie ein Sog in meiner Brust. Ein schwarzes Loch, das alles in sich auffrisst. Und da meine Kräfte momentan nur sehr begrenzt sind, schaffte ich es nur sehr mühsam, mich diesem Sog zu entziehen. Wehmut. Sehnsucht. Traurigkeit kam an die Oberfläche. Ich versteckte es halbwegs hinter einer Maske, wollte ich doch die Freude der kleinen Dame über diesen Tag nicht zerstören. Es funktioniert schon, die Fassung zu wahren, wenn es die Umstände erfordern. Doch momentan bin ich so nah am Wasser gebaut, dass oft nur ein Flügelschlag eines Schmetterlings genügt, um den Damm einbrechen zu lassen. Der Druck und die Anspannung sind enorm.

Letztlich bleibt mir nichts anderes übrig, als diesem Druck nachzugeben… wie ich ja in der Theorie weiß „ehrlich zu mir sein“. Und dabei auch ehrlich zu meinem Umfeld sein. Ich spreche – so gut es geht- offen mit den Menschen in meinem Leben, wie sich Situationen anfühlen, welche Gedanken mir durch den Kopf gehen. Damit sie die Chance bekommen, auch ehrlich mit mir zu sein. Ich möchte mich nicht hinter Ausreden verstecken. Sie dürfen wissen, wenn ich in diesem Moment nicht bereit bin.

Der Indianer darf den Schmerz kennenlernen. Und sein Stamm soll auch die Möglichkeit bekommen, ihm dabei ein wenig Linderung zu verschaffen. Wenn die Welt für ihn dunkel erscheint, dürfen ihn seine Angehörigen an das warme Feuer holen. Er muss nicht allein in der Dunkelheit verweilen.

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