Ambivalenz

Die weite Palette der Gefühle kennt so ziemlich jeder Mensch. Alle Gefühlslagen sind einem schonmal irgendwann im Leben begegnet. Oftmals schwanken die Empfindungen innerhalb eines Tages, manchmal sogar im Minutentakt. Solange diese Schwankungen bewusst wahrgenommen werden und man sich kurz hinterfragt ‚Was hat mich denn da eigentlich gerade so wütend gemacht?‘ oder ‚Wie sehr mich das gerade freut!‘, ist laut Fachleuten alles im grünen Bereich. Leider fehlt es heutzutage – so empfinde ich es zumindest- immer mehr Menschen an diesem Bewusstsein. Bewusst sein. Das Leben und die vielen Facetten rauschen an einem vorbei… alles ist so schnelllebig geworden. Viele Menschen gehen immer unachtsamer mit sich und ihrer Umwelt um – meine Meinung.

Im Austausch mit anderen Trauernden in den letzten Jahren, fiel mir auf, dass der überwiegende Teil angab, eine veränderte und bewusstere Wahrnehmung entwickelt zu haben. Die vielen Kleinigkeiten, die Glück und Freude bescheren, gelangen viel mehr in den Fokus – auch wenn dies an den besonders dunklen Tagen nicht immer sehr leicht fällt. Viele spüren, dass die Ansprüche und Prioritäten im Leben eine Veränderung erfahren. Oftmals wird den Menschen dann bewusst, dass sie achtsamer mit sich umgehen sollten und müssen – denn nur sie wissen, was ihnen in bestimmten Situationen gut tut.

So empfinde ich auch. Bewusster leben. Achtsamer sein. Auf meine Bedürfnisse hören. In der Theorie klingt alles immer sehr einfach, logisch und verständlich. Die Umsetzung ist meistens doch nicht so leicht. Und besonders, wenn die Emotionen alle auf einmal in den Vordergrund treten, fällt es mir besonders schwer, herauszufinden, was ich diesem und auch im nächsten Moment brauche.

Es gibt Tage dazwischen, da spüre ich diese starke Ambivalenz in mir.

Eigentlich geht’s mir – den Umständen entsprechend- gut! Ich habe einen wundervollen Menschen an meiner Seite, der bereit ist, diesen abenteuerlichen Weg mit mir zu gehen. Der zu mir steht in schweren Zeiten. Der es aushält, mich antriebs- und freudlos zu sehen. Der oft einfach nur da ist, mich in den Armen hält und mir das Gefühl gibt, ich muss da nicht allein durch. Wir lachen viel zusammen, haben denselben Humor, teilen sehr ähnliche Ansichten und unsere Wünsche ans Leben überschneiden sich an sehr vielen Punkten. Er gibt mir den Raum, um meine Trauer aufzuarbeiten. Gibt mir Sicherheit. Gibt mir Perspektive. Und vor allem: So viel Liebe.

Dann sind da noch die ganzen lieben Menschen, die geblieben sind – die mir gut tun, weil sie alle auf ihre Weise eine Bereicherung in meinem Leben sind!

Also eigentlich ist alles gut…

Ja… aber dann schwirrt da noch diese ganze Palette an Emotionen in mir herum, die der Tod meines Sohnes so mit sich gebracht hat. Generell triggert mich der heiße Sommer – waren es doch vor drei Jahren seine letzten Wochen auf dieser Erde, die wir, trotz der Hitze, so schön wie möglich gestaltet haben. Doch wenn ich die erhitzte Luft einatme, die Sonne auf der Haut brennt, das Licht unsagbar hell in meine Augen scheint, die Wärme körperlich kaum erträglich wird und ich dadurch nicht mehr hinbekomme, als auf dem Sofa in abgedunkelter Wohnung zu verweilen… dann flackern Bilder auf. Bilder, die wehtun. Die einen Domino-Effekt auslösen… den ich versuche aufzuhalten, denn es setzt sonst zu viel frei. Und wenn es mir körperlich schon nicht gut geht, kann ich den seelischen Schmerz noch weniger gebrauchen.

Tja.. während da draußen also viele Menschen den Sommer feiern, sich so viele Sonnenstrahlen, wie nur möglich, auf den Pelz scheinen lassen… gebe ich ich mich in den kühleren Morgenstunden der Sonne hin. Wenigstens ein bisschen Vitamin-D tanken – ist ja schließlich auch gut für’s Gemüt. Doch diese positive Wirkung hält momentan nicht lange an. Die Erinnerungen an den Sommer vor drei Jahren sind so präsent und lösen bei mir wieder stark die Gefühle von Sehnsucht und -ganz besonders- Sinnlosigkeit aus. Wie oft frage ich mich zur Zeit: ‚Warum tue ich mir das eigentlich an? Warum muss ich das ständig aushalten?‘ Es ist doch eigentlich alles gut. Aber nein. Da ist diese große Lücke. So gut alles drumherum ist: Die Lücke ist da. Ich möchte sie einbetten, in diese positive Watte, damit die Kanten nicht ständig Kratzer hinterlassen. Ich will mich nicht darin verlieren, will nicht immer alles glauben, was ich denke… dass ich denke, ich sei eine Belastung für mein Umfeld… dass ich den Menschen um mich herum Umstände bereite, wenn ich mal wieder kurzfristig eine Verabredung absagen muss, weil einfach nichts geht – außer pausenlos zu weinen und den Schmerz über diese Lücke herauszuspülen. Mein Sohn fehlt – an jeder Stelle meines Lebens.

Die Erinnerungen aus einer schönen, aber auch intensiven und schweren Zeit, lösen eben alle möglichen Emotionen aus. Oftmals zeitgleich. Diese Ambivalenz auszuhalten, ist wirklich nicht leicht. Ich bin häufig noch sehr überfordert damit und habe das Gefühl, es herrscht noch großes Chaos in mir… aber nach diesem erschütternden Ereignis, muss ich erstmal wieder aufräumen, Ordnung reinbringen. Wie lang diese Aufräumarbeiten dauern werden, kann niemand sagen. Für mich gilt es nur immer wieder: Geduldig sein. Aushalten und Annehmen was kommt. Kräfte sinnvoll einteilen. Nachsichtig mit mir sein. Und wenn möglich: Die schönen und positiven Dinge in meinem Leben nicht aus den Augen verlieren.

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