Deine Klänge

Blues. Wer kennt ihn nicht? Ist er einerseits eine wundervolle Musikrichtung, die so persönlich, so tiefgreifend und emotional sein kann. Ist er andererseits schon ein Synonym für jegliche Zeiten, in denen Menschen zu Traurigkeit neigen, depressive Verstimmungen und tiefgründige Gedanken aufkommen. Der Winter-Blues. Der Baby-Blues. Der Montags-Blues. Alles, was sich schwerfällig anfühlt, wird mit Blues definiert.   I´m blue – Ich bin traurig – eine oft verwendete Beschreibung in Songs.

Ja. Auch ich kann sagen: I´m feeling blue. Ich fühle mich traurig. Immer mal wieder – wie jeder Mensch. Doch Traurigkeit, die so tief geht, wie bei einem Trauerfall, fühlt sich noch anders an. Emotionen haben eben auch unterschiedliche Ausprägungen. Diese Trauer hat mir gezeigt, wie ambivalent das Leben sein kann.

Während ich zur Zeit doch so viel Glück erfahre, ist die Trauer um meinen Sohn einfach immer unterschwellig da. Wo viele Menschen den Winter-Blues haben, in denen sie zu depressiven Verstimmungen neigen aufgrund der fehlenden Sonne und des damit verbundenen absinkenden Vitamin-D-Spiegels, macht mir der Sommer zu schaffen. Ja, ich könnte sagen, ich habe den Sommer-Blues. Da der Geburtstag und der Todestag meines Sohnes  in die Sommerzeit fallen und nur rund zwei Monate auseinanderliegen, holen mich immer wieder Erinnerungen aus dem Sommer vor drei Jahren ein.

Es war auch da schon sehr heiß. Wie auch in diesem Jahr, war es einem fast nur möglich vormittags oder abends das Haus zu verlassen. Mein Sohn erhielt Ende Juni die Rezidiv-Diagnose. Da er daheim immer schwerer atmete und sich sichtbar unwohler fühlte, wollte ich sofort mit ihm in die Klinik. Ich vermutete bereits, dass irgendetwas an seinen Lungen nicht stimmen konnte. Ein Pleuraerguss wurde diagnostiziert. Da sich bei der Punktion Blut zeigte, war der Oberarzt nicht positiv gestimmt. Zwei Tage später ergab das CT, dass sein Tumor in kurzer Zeit wieder rasant gewachsen war. Nach langer, intensiver Therapie haben doch noch ein paar Zellen überlebt und waren am Ende stärker. Ich werde diese Momente niemals vergessen: Wie mich die Oberärztin der Radiologie nach der Begutachtung der Aufnahme anschaute. Wie ohnmächtig und gleichzeitig gefestigt ich mich fühlte, als der Kinderarzt sagte, unser Sohn wird nicht noch einmal diese Therapie überstehen – sie haben alles dagegen eingesetzt, was nach derzeitigem Stand möglich war. In mir brach eine Welt zusammen. Meine kleine Welt. Mein Sohn. Er war (und ist) mein Licht – meine Sonne. Meine Welt drehte sich um ihn. Ich wusste nicht, wie ich das aushalten sollte. Alle Pläne, alle Perspektiven, alle Wünsche und Hoffnungen – in einem Moment völlig zerstört. Alles, was ich mir für ihn wünschte, würde nicht mehr in Erfüllung gehen. Doch! Ich wollte nicht, dass er leiden muss. Dass er dennoch eine schöne, schmerzfreie Zeit erleben darf. So viele Hebel wurden damals in Bewegung gesetzt – viele kleine Institutionen waren drumherum involviert und machten es möglich, dass wir mit unserem Sohn noch viele schöne Wochen erleben durften. Bis zu seinem Tod vergingen sieben Wochen. Fünf davon konnte er – trotz der Hitze – mit seinen Lieblingsaktivitäten verbringen. In der sechsten und siebten Woche war es kaum zu übersehen, wie schnell die Erkrankung ihren Lauf nahm und ich war froh, dass er zum Schluss – dank der angenehmen Schmerztherapie – ruhig und friedlich schlafen konnte. Meine kleine Welt drehte sich Tag und Nacht um meine kleine Sonne, die langsam immer mehr an Kraft und Leben verlor. Als ihr Licht erlosch, stand meine Welt still.

Da draußen blühte das Leben. Hochsommer. Hitze. Während die meisten Menschen diesen Zustand genossen, war ich froh, wenn ich meinem Sohn die Zeit in unserer abgedunkelten Wohnung so angenehm wie nur möglich gestalten konnte. Alle Menschen drumherum waren irgendwie gezwungen, zu funktionieren. Einige Aufgaben musste ich abgeben, damit ich mich vollkommen auf ihn konzentrieren konnte – denn die meisten konnten nur bis einem bestimmten Punkt Linderung und Ablenkung bei ihm schaffen. Es war eine ausgesprochen intensive Zeit – über die ich froh bin. Natürlich hat sie Spuren hinterlassen. Wunden auf meiner Seele. Risse in meinem Herzen. Und wie ich nun wieder einmal merke – nach drei Jahren – die Heilung erfordert viel Zeit. Sehr viel Zeit.

Diesen Prozess können die Menschen bei mir von außen nur schwer erahnen. Die, die mich gut und lange kennen, können kleinste Fortschritte in meiner Heilung sehen. Dass die Zeiten, in denen es mir schon besser geht und ich die schönen Seiten des Lebens wieder mehr genießen kann, immer häufiger vorkommen. Den Blues höre nur ich – meine ganz eigene Melodie, mein eigener Rhythmus. So sehr ich auch versuche, diese Melodie für andere zugänglich zu machen – niemand wird sie jemals so hören und fühlen können, wie ich. Denn mein Kind ist gestorben und hat seine ganz eigenen Klänge in meiner Welt zurückgelassen. Dies sind wohl die kleinen Lichter, die übrig geblieben sind, damit meine Welt sich weiter dreht. Nach drei Jahren ohne ihn nehmen diese kleinen, funkelnden Lichtlein immer mehr zu. Sie durchdringen die Dunkelheit, die in meiner Welt – trotz vieler anderer Lichtquellen – immer noch viel Raum einnimmt.

 

Drei Jahre ohne Dich. Heute jährt es sich also wieder. Puh. Wo sind die drei Jahre hin? Doch Einstein hat es ja bewiesen: Zeit ist relativ. Fühlt sie sich einerseits so flüchtig an und schaue ich auf die drei Jahre zurück – was hat sich alles getan! Ich habe vieles hinter mir gelassen, neues dazu gewonnen. Oh und was ich für einen Gewinn gemacht habe. Wir sind uns ganz sicher: Du hast irgendwo da oben gesehen, dass dieser Mensch für mich gemacht ist und dazu beitragen wird, dass mein Leben – auch ohne Dich – wieder hell und schön wird. Und dann andererseits: Waren diese drei Jahre wie eine Ewigkeit ohne Dich. Du bist immer irgendwie da – das spüre ich. Doch was würde ich dafür geben, Dich bei mir zu haben… in diesem schönen, neuen Leben. Damit Deine Klänge lauter wären. Aber gut. So muss ich eben achtsamer sein und genau hinhören – damit ich Deine leisen, wundervollen Töne wahrnehmen kann. <3

 

When the night is dark and lonely
And you’ve got no place to go
From your eyes tears are falling
The other side is calling
I’m the one who’s left alone
And I still remember when you told me
You would never leave me on my own
Where are the ones I used to know

The mountain’s falling all around me
The deep blue ocean overflows
The ground is shaking underneath me
In this spinning world without control
Oh though it’s hard little sun
You have to know
When dark comes around
It’s when you have to glow

Time is passing by
I just watch it go
But I’ll be around
Even though I may not show
It’s hard little sun
You have to know
When dark comes around
It’s when you have to glow
Try to understand but I am in a haze
In this sorry world I only see your face

Time passing by I just watch it go
Don’t you know I need your light
Don’t you know I need you so
Darkness comes around, it’s when you have to glow
Oh remember what you said, the promise that you gave

In the corners of my mind, the darkness hides
Don’t you know I need your light
Don’t you know I need you so
Try to understand, but I am in a haze

You’re not alone, I will always stay

Blues Pills – Little Sun (Blues Pills, 2014)

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