MedikamENDE

Ich habe es geschafft! Nach rund 3,5 Jahren medikamentöser Migräneprophylaxe und immer wiederkehrenden, gescheiterten Versuchen, die Dosis zu verringern oder gar abzusetzen, bin ich nun endlich frei von den chemischen Helfern. Für mich ist das ein riesiger Fortschritt. Ich bin stolz und zufrieden, dass ich dieses langersehnte Ziel nun erreicht habe.

Die Migräne ist seit der Pubertät mein ständiger Begleiter. Während ich in meiner Jugend noch eher auf die Behandlung der Schmerzen ausgerichtet war, habe ich rückblickend viel zu viele Schmerzmittel zu mir genommen. Klar. Ich wollte ja funktionieren – Schule, Jobs, Privatleben. Ich stand so dermaßen unter Strom. Zum Großteil sicher selbst produziert. Doch damals war ich noch nicht so weit, die Ursachen zu erkennen. Erst als ich meine Ausbildung in der Psychiatrie begann, erweiterte sich mein Blickwinkel auf Erkrankungen – besonders auch, wie in meinem Fall, neurologischen Ursprungs. Später in meiner Schwangerschaft und den damit verbundenen Einschränkungen bezüglich des Schmerzmittelkonsums, erkannte ich immer mehr meine „Trigger“. Besonders der seelische Stress, den ich in mir auslösen ließ, trug enorm dazu bei, dass ich oft stunden-, manchmal sogar tagelang,  mit meinem „Migräne-Kit“ in dunklen Räumen verharrte. Beruflich und privat war dies eine starke Einschränkung – für mich und alle Beteiligten. Ich erfuhr in den folgenden Jahren immer mehr über das weite Gebiet der Migräne – vor allem den „Migräne-Typen“. Alle Merkmale trafen auf mich zu. „Ja und was stelle ich nun mit diesem Wissen an?“- fragte ich mich. Auch wenn dies eine Ausrede ist, die Menschen häufig von sich geben, sobald sie sich mal um sich kümmern sollten – „Ich habe keine Zeit“. Ich hatte wirklich keine Zeit. Mein Sohn erforderte all meine Aufmerksamkeit in der Therapiezeit – ich habe mich einfach irgendwie über Wasser gehalten.

Irgendwann trat ein wenig Ruhe ein. Auch aus Gesprächen mit anderen Betroffenen konnte ich viel für mich mitnehmen. Dass ich zum Beispiel nicht einfach so, wie es mir mein damaliger Neurologe völlig unverfroren empfahl, die Kombination aus Betablocker und Antidepressivum einnehme. Ich begann mit dem Betablocker und spürte schon ein deutliche Besserung. Die Anfälle reduzierten sich. Nach einem halben Jahr begann ich mit dem Antidepressivum und spürte zum ersten Mal seit langer Zeit, wie schön es ist, schnell in den Schlaf zu finden. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass ich nur noch 1-2 Anfälle im Monat hatte – wenn es hoch kam. Mir tat die medikamentöse Migräneprophylaxe gut! In ganz geringer Dosierung – worüber ich froh war. Und ich war die ganze Zeit der Überzeugung: Für eine gewisse Zeit meines Lebens können mir die Medikamente helfen – irgendwann möchte ich aber einen anderen Weg finden.

Nachdem mein Sohn verstarb und ich mich durch das Trauertal bewegte, war ich dankbar über das Antidepressivum. Zeitweise erhöhten wir sogar die Dosis, damit ich gedanklich nicht zu sehr in der Sinnlosigkeit meines Seins verloren ging. Ein Dauerzustand blieb das nicht – denn meine Vernunft überwog immer wieder. Ich wollte den ganzen Gefühlen, die durch die Trauer entstanden, einen Raum geben. Sie hatten alle ihre Daseinsberechtigung und würden mir auf dem Weg der Heilung helfen. Auch wenn sie oft schwer auszuhalten waren – ich bin daran gewachsen.

Als ich vor knapp zwei Jahren den Weg in die Psychotherapie fand, merkte ich schon nach kurzer Zeit, wie sehr sich meine innere Anspannung nur durch die Gespräche abbaute. Sicher – ich hatte noch einen weiten Weg vor mir, doch ich war positiv gestimmt, dass eine Psychotherapie nun ein guter Wegbegleiter sein würde.

Und so hat es sich nun gefügt: Meine derzeitige Psychotherapie ist der reine Wahnsinn (ha, witzige Beschreibung :-))! Meine Vergangenheit hat enorme Spuren hinterlassen. Programme abgespeichert, die für mich leider oftmals schädlich waren und sind. Darin verworben sind die traumatischen Erfahrungen aus der Therapiezeit meines Sohnes und seines Todes. Ja – ich musste mir nun also eingestehen, dass ich traumatisiert bin. Das musste ich erst einmal sacken lassen. Doch durch den positiven Verlauf meiner Therapie, löst sich immer mehr davon auf. Ich bin gewillt, diese Arbeit an mir für mich aufzunehmen – und verdammt, es ist wirklich Arbeit. Ich verstehe, dass einige Menschen nicht den Weg in die Psychotherapie finden wollen/können.. es kostet viel Überwindung sich mit diesem ganzen seelischen Müll auseinanderzusetzen. Meine Therapeutin fängt mich in meinen immer wiederkehrenden Selbstzweifeln auf – „dass ich gerade nichts leiste„. Ja, ich gehe nun seit knapp einem Jahr nicht arbeiten. Ich erhalte keinen Lohn, tue nichts Gutes für die Gesellschaft, für unser Konto. Wie auch immer.

Die Arbeit, die ich bisher geleistet habe – für mich, an mir – hat mich nun zu meinem ersten großen Meilenstein geführt: Ich lebe ohne Medikamente. Da liegt kein Schleier mehr über mir, kein Nebel im Kopf. Alle Gefühle und Gedanken kommen ungefiltert. Doch ich habe nun schon einige gute Techniken von meiner Therapeutin an die Hand bekommen, um aufkommende Panikattacken und Anspannungen besser abzubauen. Ich bin dankbar über die Ruhe und die Zeit, die ich mir nehme und von außen bekomme, um mich aufzuräumen, zu stärken, um den Perspektiven noch positiver entgegen zu gehen: Eine baldige Hochzeit mit meinem Herzmenschen; ein Fernstudium, um mich beruflich dorthin zu bewegen, wo ich mich später wohlfühlen werde.

Nach außen sieht es für viele nach Stagnation aus. So ergeht es vielen Trauernden und psychisch Erkrankten, die berufsunfähig werden, denen das Leben eine Zeit lang zu viel wird. In der heutigen Leistungsgesellschaft fällt man in einem solchen Fall leider oft negativ auf. „Geh doch wieder arbeiten, das lenkt ab.“ Ja, klar. Es lenkt ab. Wovon denn? Von den schmerzhaften Erinnerungen und den damit verbundenen Emotionen? Was habe ich davon? Glauben die Menschen tatsächlich, das löst sich durch Ablenkung alles in Luft auf? Es ist immer da. Es rückt nur in eine andere Position. Aber wenn der Raum dafür da ist – kommt es wieder an die Oberfläche. Sicher – vielen kann der Weg in Beschäftigung gut tun. Tat es mir auch – eine gewisse Zeit. Doch ich für mich habe den Weg der Konfrontation mit mir selbst und dem ganzen Verborgenen gesucht. Es ist schwer und anstrengend, aber es tut gut. Auf lange Sicht. Und ohne Medikamentenfilter steht dieser Weg wieder in einem völlig anderen Licht – die Sicht ist klar.

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