Durch den Verlust eines geliebten Menschen, wird einem unmittelbar vor Augen geführt, wo die Grenzen im Leben liegen. In meinem Fall wurden mir die Grenzen bereits während der Krebstherapie meines Sohnes aufgezeigt. Ich konnte bis zu einem gewissen Grad handeln und Einfluss nehmen – mein Kind mit Liebe überhäufen, Sicherheit geben und seine Genesung (und auch später seinen Sterbeprozess) so angenehm und erträglich, wie möglich, gestalten.
Wie schon oft beschrieben, hat sich mein Blick auf das Leben mit dem Tod meines Sohnes verändert. Ich habe die große Chance, mich zu hinterfragen, verstehen zu lernen und versuche nun Verhaltensweisen und alte abgespeicherte Programme zu verändern, die mir nicht mehr gut tun.
Auch im Hinblick auf meine ausgeprägte Sensibilität, die mir nun ohne den Medikamentenfilter wieder bewusster wird, erlebe ich mich und alles um mich herum bewusster, anders. Da mein Körper mir schon seit vielen Jahren verzweifelt meine Grenzen aufgezeigt hat und ich sie leider übergangen habe, möchte ich nun einen gesünderen Weg einschlagen. An die Ursachen gehen – nicht nur Symptome bekämpfen.
Dabei ist es für mich wichtig, erst einmal meine schädlichen Einflüsse zu erkennen. Was trägt dazu bei, dass ich mich oft nicht gut fühlte und fühle..? Was kann ich aktiv verändern und beeinflussen? Wo sind mir Grenzen gesetzt – was kann ich nicht beeinflussen und verändern? Ich befinde mich also in Detektivarbeit. Betreibe meine eigene Forschung. Werte aus, evaluiere. Wende an. Und alles von vorn.
Besonders die Abgrenzung zu Problemen und Emotionen anderer ist ein großes Thema für mich – nehme ich mir schon immer alles sehr zu Herzen und versuche Harmonie herzustellen. Dabei bin ich oft über meine Grenzen hinaus gegangen…. Nun erkenne ich immer mehr, wo mein Handlungsspielraum endet, wo mein Gedankenkarussel immer wieder eine Runde weiterdreht und sich in mir schon alles zusammenzieht.
Ich sag nur: Hallo Achtsamkeit! Ich höre immer mehr bewusst auf meinen Bauch, mein Herz. Versuche nicht mehr alles zu glauben, was ich denke. Was ich hier nun faktisch und locker leicht schreibe, ist es in der Umsetzung bei Weitem nicht. Wirklich harte Arbeit! Denn in mein System aus Zahnrädern, die über Jahre so stark miteinander verzahnt liefen, habe ich nun mehr und mehr Keile eingebracht, um schadhafte Abläufe zu unterbrechen. Ich versuche einige Räder zu entfernen oder gar Drehrichtungen zu verändern, damit eben all die schädlichen Gedanken und damit verbundene körperliche Reaktionen unterbunden werden. Doch wenn sie kommen – und das ist noch häufig der Fall – lerne ich Techniken, um mir schnell zu helfen.
Erst in den letzten Tagen wurde mir wieder bewusst, wo meine Grenzen im Handeln und Einfluss liegen. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Während ich positiv auf meine bevorstehende Hochzeit eingestellt bin und mich wahnsinnig darauf freue, meinem Herzmenschen das Ja-Wort zu geben, entwickelt sich um mich herum etwas Unruhe. Ich kenne es leider nicht anders – viele Familienfeste waren mit Anspannung belegt – schon im Vorfeld. Nach jahrelanger Funkstille untereinander und der Tatsache, dass man sich auf diesem Fest wiedersehen wird, kommen offenbar bei meinen Familienangehörigen ungelöste Konflikte hoch und eine Spannung breitet sich aus. Die blieb mir bisher verborgen – denn im Grunde genommen betrifft mich dieser Konflikt nicht. Nicht meine Baustelle! Mittlerweile habe ich in dieser ganzen Arbeit mit mir selbst herausgefunden, dass ich schon viele Jahre sehr therapeutisch in meiner Familie gewirkt habe – oder zumindest hatte ich es versucht. Dabei, natürlich.. über meine Grenzen hinaus. Was habe ich mir den Kopf zermartert, um die Konflikte anderer zum Allgemeinwohl der Familie zu schlichten. Harmooooniiiiiieeee! Janz wichtig. Aber nun weiß ich, dass mein Bedürfnis nicht immer kompatibel mit dem meiner Familienangehörigen ist. Doch nun befinde ich mich auf einem neuen Weg und stehe immer mehr für das ein, was mir wichtig ist. Und das ist RUHE!
Ich helfe gerne – wirklich. Doch wenn etwas für mich ausweglos erscheint und meine Mittel erschöpft sind, dann akzeptiere ich das und fühle mich nicht mehr schlecht deswegen. Vor allem, wenn es Problematiken sind, die ich seit – puuhhh… 20 Jahren?- kenne. Ich habe für mich erkannt: Jeder ist, wie er ist. Ich versuche alle so zu akzeptieren, wie sie sind. Wenn sich für mich etwas nicht gut anfühlt, ich damit nicht einverstanden bin oder es mir schlichtweg nicht gut tut, dann nehme ich davon Abstand. Denn mein Selbstschutz wird immer lauter und erinnert mich daran, dass ich mich nicht für alle verbiegen muss. Ich bin nicht mehr der Schlichter für Konflikte, die mich nicht betreffen. Ich bin nicht verantwortlich dafür, wie mein Gegenüber sich fühlt. Es sind doch am Ende nur UNSERE EIGENEN Gedanken, die uns schaden. Anschuldigungen, mit dem Finger auf jemanden zeigen.. das ist immer sehr einfach. Eigene Fehler einzugestehen dagegen schwer. Während ich jahrelang dachte, ich sei immer für alles verantwortlich – die Gedanken der anderen über mich, ihre Stimmungen.. weiß ich nun: Alles Quatsch! Und es fühlt sich gut an, sich nach und nach davon zu befreien!
Und in dieser Situation: Ich habe schnell den Absprung geschafft – es war nur ein kurzer Appell an die Vernunft der anderen. Ein kurzer Versuch, die Synapsen anzuzapfen und einen anderen Reiz zu setzen. Gut. Beim einen hat´s geklappt, beim anderen nicht. Mein Richtig muss ja nicht das Richtig des anderen sein. Wenn sich der andere mit seinem Richtig eigentlich ganz und gar nicht wohlzufühlen scheint – dann ist dies nicht mehr mein Problem – NICHT MEHR MEIN PROBLEM!
Diese Grenze ist enorm wichtig für mich. Ich möchte sie erhalten zum meinem eigenen Schutz. Denn sonst werden mich immer alle unfairen, ausweglosen und ungerechten Situationen zu sehr mitreißen. Manche Dinge kann ich eben nicht ändern – und das ist auch in Ordnung so.

