Ein neues Leben

Schon oft habe ich darüber sinniert, dass ich mein Leben Stück für Stück umgekrempelt habe.. dass sich vieles verändert hat – vor allem zum Positiven. Nach dem Tod meines Sohnes erlebe ich mein gesamtes Leben, alle Menschen um mich herum, Alltagssituationen und Herausforderungen anders. Bewusster. Intensiver. Schöner. Und auch schwerer.

Mit der Situation umgehen zu lernen, eigentlich eine Mutter zu sein, aber irgendwie auch nicht.. mein Kind ist immerhin nicht mehr da. Doch habe ich für mich erkannt, dass dieses Muttergefühl permanent in mir lebt. Sobald es da war, wollte es auch nicht mehr gehen. Und darüber bin ich so froh. Es ist eins der überwältigendsten Gefühle, wenn man die Gewissheit hat, da entsteht gerade ein neues Leben. Welche Leistung der weibliche Körper vollbringen kann. Und dann dieses Bündel Liebe in den Armen zu halten.

Nach über drei Jahren spüre ich momentan oft, dass ich das Gefühl für meinen Sohn etwas verliere. Zumindest scheint es so. Sein Geruch, seine Stimme, seine Wärme. Einige Eindrücke sind schwer wieder herzustellen. Dank Fotos und Videos kann man sich das ein oder andere ins Gedächtnis rufen. Auch Kleidung, die gut verwahrt wird, kann ein wenig das Gefühl zurückholen. Aber es verblasst doch Stück für Stück. Davor hatte ich immer Angst. Dass diese ganzen Sinneseindrücke verloren gehen und ich mich nur noch schwach an ihn erinnere. Aber es gibt immer wieder Situationen, die mich am Kragen packen und auf eine Zeitreise entführen. Sei es Kinder, die ähnlich aussehen. Die sich ähnlich anhören. Bestimmte Worte. Musik. Seine Lieblingsserie. Ohne Vorbereitung auf die Reise mit der Zeitmaschine werden Erinnerungen wach. Da werden Sinne und Emotionen aktiviert. Und mein Sohn ist dann wieder ganz nah. Manchmal macht mir das etwas Angst.. weil es so abrupt geschieht. Doch lasse ich alles zu, was dadurch ausgelöst wird. Es ist wie eine Art Spiegel, in den ich blicken kann. Er zeigt mir, was da wirklich alles in mir schlummert und wieviel mir mein Sohn weiterhin bedeutet.

Mir war auch bisher immer klar, dass ich wieder Kinder haben möchte. Weil mich das Muttersein dermaßen erfüllt hat und ich weiß, dass das nicht alles gewesen sein kann. Eine gewisse Zeit war der Kinderwunsch sehr intensiv, vor allem nach meiner frühen Fehlgeburt im letzten Jahr. Nachdem ich mich nun aber immer mehr auf mich besinnt, Fortschritte auf körperlicher und seelischer Ebene gemacht habe, Perspektiven gefunden habe (Hochzeit, Weiterbildung).. da hat sich jemand unerwartet bei mir eingekuschelt. Eine kleine Seele hat den Weg zu uns gefunden. Die Freude über den positiven Test, den ich so ganz intuitiv am Tag meiner bevorstehenden Periode gemacht habe, war sehr groß. Und natürlich gesellte sich die Angst hinzu.. hoffentlich geht es nicht wieder schief.. hoffentlich wird sich alles gesund und normal entwickeln. Ich versuchte meinem Körper und diesem kleinen Leben in mir Vertrauen zu schenken. Fiel mir nicht immer sehr leicht. Ach ich wünsche mir so die Naivität der ersten Schwangerschaft wieder.. wenn man schon so einiges erlebt hat, ist es ein enormer Kraftakt, immer positiv zu denken.

Doch es wurde.. Stück für Stück. Alles entwickelt sich gut. Die starke Übelkeit mit unschönem Erbrechen war kräftezehrend die letzten Wochen. Aber das kleine Leben wächst und gedeiht. Die ersten drei Monate sind geschafft. Ich fühle mich jeden Tag besser und kann mich nun auf die Hochzeit freuen.. mit kleiner Babykugel. Was für ein Gefühl! Was für ein Wunder. Wirklich! So ein kleines Leben ist für mich ein Wunder. So, wie es mein Sohn auch immer war und ist. Nun darf ich also wieder dieses tolle Privileg erleben, ein Kind unter meinem Herzen wachsen zu lassen. Und während mir mein Sohn natürlich jeden Tag fehlt und ich mir wünschte, er könnte alles mit erleben… weiß ich gleichzeitig, dass er doch irgendwie mit da ist. Welche Aufgabe auch immer er nun hat, ich wünsche mir, dass er mit allem glücklich ist, was seiner Mama nun so im Leben passiert.

Es wird ein neues Leben sein. Ein ganz anderes Kind. Eine völlig neue Rechnung. Ein neues Kapitel. Und es wird sich gut einfügen in das Buch meines Lebens. Egal, was kommen wird – es soll so sein und ich nehme es an (zumindest gebe ich mir Mühe 😉).

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