Erinnerungen

Und da sind sie. Die Momente der Erinnerung. Die, die gefühlt alles freisetzen, was mich zu meinem Sohn verbindet. Ein Lied. Ganz unerwartet. In einer endlos langen Liste aus Liedern hat mein Telefon dieses Lied herausgeschufflet. Sein Lied. Und schon weiß ich nicht, ob ich lachen, ob ich weinen oder beides gleichzeitig machen soll.

Es mag die Weihnachtszeit sein, die noch wehmütiger macht. So geht es vielen Trauernden. Das Fest der Familie. Das Fest der Liebe und des Beisammenseins. So wunderbar märchenbuchmäßig, wie es uns oft die Werbung suggeriert, ist es für viele nicht mehr, die einen nahestehenden Menschen verloren haben. Dazwischen fügen sich Werbespots ein, die bewusst auf die Tränendrüse drücken und deutlich machen wollen, wie wichtig unsere Mitmenschen gerade zu dieser Zeit sind. Die erste Zeit nach dem Tod meines Sohnes konnte ich den Slogan „Was wäre die Welt ohne Kinder“ einfach nicht mehr hören oder sehen. Natürlich machte ich der Lebensmittelindustrie keinen Vorwurf daraus, denn es steckt auch viel Wahrheit darin. Für mich hatte Weihnachten auch wieder viel mehr Zauber, als ich das Leuchten in den Augen meines Sohnes sah, wenn wir alles dekorierten… wenn er ganz aufgeregt die Weihnachtsgeschenke auspackte. Gemeinsames Keksebacken. All das hat auch mir wieder mehr Freude bereitet, wenn kleine Kinderhände mit dazwischen wuselten.

Dies wird mein drittes Weihnachtsfest ohne meinen Sohn. Zumindest, ohne, dass ich ihn sehe, rieche, höre und fühle. Solche Zufälle, wie vorhin. Beim Keksebacken. Als sein Lied plötzlich ertönte. So etwas bereitet mir Gänsehaut und zugleich ein wohlig warmes Gefühl in der Herzgegend.                                                                    ….Irgendwie warst du in diesem Moment da. Aus diesem Grund fing ich auch direkt an zu tanzen. Mit dir in meinem Herzen. Und deinem Geschwisterkind momentan noch unter meinem Herzen.

Ja, diese Schwangerschaft trägt auch zu einem verstärkten Wechselbad der Gefühle bei. Während ich einerseits vor Glück platzen könnte (abgesehen davon, dass sich dies körperlich dieses Mal sehr zügig bemerkbar macht :-)..), bin ich andererseits wehmütig. Da erwacht immer mal wieder der große Schmerz darüber, dass du wirklich nicht mehr da bist. Dass wir so einen schönen, aber auch unfassbar schweren Weg gemeinsam gegangen sind. Dass das alles eigentlich gar kein Spaziergang war, dich durch diese Therapie und beim Sterben zu begleiten.

Darüber hinaus bin ich dankbar für die feinen Antennen, die mich spüren lassen, wenn du irgendwie da bist. Die warme und strahlende Sonne auf unserer Hochzeit – die hast ganz sicher du uns geschickt. Diese feinen Antennen habe ich immer mehr wahrgenommen, seit du nicht mehr hier bist.

So schwer die feinen Rezeptoren mir manchmal auch den Alltag machen – in dieser Schwangerschaft weiß ich sie unheimlich zu schätzen. Das kleine Menschlein durfte ich schon früh spüren – ist mir doch alles noch recht bekannt aus der ersten Schwangerschaft. Und es ist einfach nur ein Wunder! Wie stark und robust so ein kleines Wesen schon ist, obwohl es der Mutter oft ganz und gar nicht gut geht. Aus diesen ganzen schweren Zeiten in der Vergangenheit und auch aus den durchwachsenen letzten Wochen weiß ich die guten Zeiten sehr zu schätzen. Die friedlichen Momente, in denen sich die Ruhe als angenehme Wärme im Herzen ausbreitet. Wenn die Erkenntnis in mir hell wird und ich spüre, dass ich nicht viel brauche, um im Leben glücklich zu sein. Ich erkenne immer mehr, welch ein großes Geschenk ich aus diesem schweren Verlust mitnehmen durfte. Ich bin -trotz allem- unheimlich dankbar – besonders jetzt zur Weihnachtszeit.

Dein kleiner musikalischer Gruß hat mich erreicht – tief im Herzen. Danke mein Sohn! <3

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