Die Terminologie von Worten hat ich mich schon immer sehr interessiert. Da unsere deutsche Sprache so schön und vielfältig, aber auch schwer sein kann, bin ich oft über Worte gestolpert, deren Ursprung und Bedeutung ich mir näher anschauen möchte. Nach dem Verlust meines Sohnes hat mich dieses Thema noch mehr gefesselt – denn in der Trauerzeit ist die Bedeutung von Worten nicht gerade unerheblich.
Mit dem sich nähernden Jahresende fällt überall häufig das Wort ‚Rückblick‘. Mich beschäftigte, vor allem an den Weihnachtstagen und im Kreise vieler Menschen, das Wort ‚Rücksicht‘. Ich finde spannend, dass beide Worte eine Form von Sehen oder Betrachtung beinhalten, dem ersten Anschein nach ähnlich aufgebaut sind. Dennoch sehr unterschiedliche Bedeutungen haben.
Laut der Internetsuchmaschine werden die Begriffe folgendermaßen definiert:
Rückblick
• gedankliches Betrachten von Vergangenem
Rücksicht
• Verhalten, das die besonderen Gefühle, Interessen, Bedürfnisse, die besondere Situation anderer berücksichtigt, feinfühlig beachtet
Heute mache ich einerseits einen Rückblick für mich auf das Vergangene. Meine Rücksicht spielt dabei eine große Rolle, denn sie hat mich rückblickend immer beschäftigt. Mir wurde schon von klein auf beigebracht, dass ich Rücksicht auf meine Mitmenschen nehmen sollte.
Ob es in der Schulzeit meine Mitschüler waren, die Schwierigkeiten hatten. Ältere Menschen, die Hilfe benötigten. Oder eben auf die Empfindlichkeiten der eigenen Familie. Wo Menschen aufeinandertreffen, kommen auch unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen zusammen. Ich habe ziemlich früh einen Automatismus entwickelt: Sobald starke Charaktere in meinem Umfeld waren, die laut, deutlich und sichtbar zeigten, was sie nun gerade wollen oder eben nicht wollen – ich habe mich gefügt. Um Ärger zu vermeiden. Hauptsache gefallen. Mir waren die Bedürfnisse anderer meistens wichtiger als meine eigenen. Rückblickend war mein Schutzmechanismus vor der völligen Erschöpfung dann wohl der Rückzug. Ich habe immer viel gegeben – von meiner Zeit, meiner Kraft, meinen Gedanken und meinem Selbstwert. Wo der Ursprung des Ganzen liegt, habe ich hinreichend mit meiner Therapeutin erörtert.
Dennoch ist diese übertriebene Rücksichtnahme heute noch immer ein zentrales Thema bei mir. Als ich Mutter wurde, hat sich mein Fokus schon mehr verschoben, auf meinen Sohn, meine Familie. Das tat mir gut, auch wenn es mir schwer fiel, die Bedürfnisse der anderen etwas hinten anzustellen. Mit meinem jetzigen Wissen um meine hochsensiblen Antennen, kann ich rückblickend meine Rücksichtnahme besser verstehen. Zu viel wahrzunehmen kann einem das Zusammenleben mit Menschen ziemlich erschweren.
Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, habe ich vor allem besser gelernt, mit meinen Antennen umzugehen. Die ganzen Reize sinnvoll einzuordnen und nicht alles als bedrohlich und beschwerlich zu bewerten. Denn darin lag meistens mein Problem. Ich habe alles wichtig und ernst genommen, wollte immer passend auf alles reagieren. Und geriet dadurch in meinem bisherigen Leben dauerhaft unter Anspannung. Mein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis spielte da erheblich mit hinein.
Mein Sohn hatte alle Rücksichtnahme verdient, die ich aufbringen konnte. Wir hatten uns für dieses Kind entschieden und so war für mich klar: Es wird versorgt, geliebt, getragen.. Seine schwere Erkrankung erforderte noch mehr Fürsorge, die ich ohne wenn und aber für ihn aufbringen wollte und es (dank der Hilfe von Familie und Freunden) auch tat. Doch nicht alle haben diese Rücksicht für unseren Sohn so mitgeteilt, dass es für uns verständlich war. Klar, die eigene Wahrnehmung ist oft auch eine ganz andere, als die des Gegenübers. Sender und Empfänger. Wer kennt es nicht? Doch wenn mir – und da wären sie wieder- starke Charaktere entgegnen, schieb nicht immer das Kind vor.. oder ‚immer nur denkst du an dein Kind‘… äh.. ja. Was soll man da sagen? Natürlich war es für alle Außenstehenden auch schwer, sich mit den Veränderungen zu arrangieren, die durch diese Therapie einhergingen. Doch bei solchen Aussagen kam dann auch ich aus meiner sonst so defensiven Haltung heraus. Ich hatte für alle Bedürfnisse und Wünsche Verständnis und habe sicher allen Umstehenden viel abgefordert – denn mein Fokus lag auf den Bedürfnissen meines Kindes. Für mich ganz natürlich und logisch. Ein schlechtes Gewissen hat nicht dabei geholfen, diese schwere Zeit durchzustehen. Dennoch habe ich mich mit meiner kleinen Familie versucht zu verbiegen und allen gerecht zu werden, so gut es ging.
Manchmal macht mich das heute noch sehr wütend, was da teilweise so für unschöne Situationen entstanden. Doch diese Menschen gehören nicht mehr zu meinem jetzigen, schönen Leben. Denn oftmals scheinen dies Momente gewesen zu sein, die mich auf die Probe stellten. Meine Schlüsse daraus habe ich gezogen. Ja ja.. so ein Rückblick kann sehr erhellend sein.
Das Thema Rücksicht gerät leider immer mehr in den Hintergrund. Innerhalb einer Familie merkt man dies natürlich immer mal wieder und irgendwie arrangiert man sich. Jeder hat Erwartungen, so sehr man auch versucht, diese herunterzuschrauben. Aber nicht mehr alle Erwartungen erfülle ich. Denn ich bin nicht dauerhaft dafür zuständig, dass andere glücklich sind. Diejenigen, denen meine Bedürfnisse auch ehrlich am Herzen liegen, kann ich ebenso begegnen. Mit dieser Einstellung verliere ich immer mehr innere Anspannung.
Dennoch bin ich kein rücksichtsloser Mensch! Ich habe diesen ‚Rundumblick‘, helfe gerne, stehe zur Seite. Aber nicht mehr immer und überall. Es gibt Dinge, die ich wichtig und selbstverständlich finde – die aber leider vielen Menschen in unserer Gesellschaft immer mehr egal zu sein scheinen. Schön ist, wenn man einen Menschen an seiner Seite hat, der sehr ähnlich tickt und dem die gleichen Werte wichtig sind. Mit dem man darüber sprechen kann, wie furchtbar sich die Menschen untereinander verhalten. Manchmal habe ich Angst davor, was noch so mit der Gesellschaft passieren wird, in die wir nun ein Kind einbringen. Doch unsere Werte werden wir weitergeben. Rücksichtnahme ist für uns wichtig, besonders in einer Welt, in der die Zahl der Egoisten stetig zunimmt. Alle meinen, es besser zu wissen. Etwas besonderes zu sein. Und werden ständig darin bestärkt… Fehler eingestehen.. sich selbst einmal hinten anstellen.. Weitblick. Nur wenige Menschen scheinen dies noch zu beherrschen. Zumindest wirkt es so – denn diese sind meistens leise und fordern nicht so viel Raum.
Ich hatte in diesem Jahr viele Begegnungen, die mich auf vielfältige Weise bewegt haben. Ich habe viel über mich dazu gelernt. Ich habe wieder ein ganzes Jahr überlebt – ohne meinen Sohn. Doch mit den wunderbaren Menschen um mich herum, fiel mir das auch gar nicht schwer. Was bin ich für ein reicher Mensch, obwohl ich so einen großen Verlust erlitten habe! Ich bin überaus dankbar dafür, wie sich mein Leben entwickelt hat. Sicher habe ich auch selber einen großen Teil dazu beigetragen. Es ist ein wundervolles Gefühl, in einem Umfeld zu leben, das so wertschätzend und bestärkend mit einem umgeht. Wo man bedingungslos geliebt wird. Über jeden einzelnen Menschen, der sich in meinem Leben befindet, bin ich dankbar! Und für dieses kleine Menschlein, das das kommende Jahr unheimlich verschönern wird. Das uns eine neue aufregende Aufgabe bringen wird.. ich bin dankbar, dich unter meinem Herzen tragen zu dürfen. Nach all den schweren Hürden ist dies für mich eines der größten Geschenke des Lebens.
Ich besinne mich wohl auch im kommenden Jahr immer weiter auf die für mich wesentlichen Dinge. Viel brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Ich würde mich freuen, wenn auch die Menschheit dies immer mehr erkennt.. damit sich viele Probleme, die diese Welt beherrschen, noch lösen können. Wichtig wäre, grundlegende Werte wiederzufinden. Empathie, Rücksichtnahme, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Naturverbundenheit… es ist nicht viel, aber doch hat es eine Menge Tragweite. Und genau dessen sind sich viele nicht mehr bewusst. Mit wenigen Mitteln können einerseits große Schäden, aber auch große Lösungen gefunden werden.
Lasst die Schäden für die Erde, die Umwelt, die Menschen und die Tiere nicht noch größer werden!

