… ach ja. Diesen Satz hört und verwendet man wohl sehr häufig in seinem Leben. Funktioniert genauso gut: Wo ist die Zeit hin? Dass ich meinen Beitrag so beginne, zeigt vor allem: Ich halte mal wieder inne. Bin in allen Maßen achtsam. Denn das signalisieren diese Floskeln ja – Innehalten, dem Leben achtsam begegnen.
In vielen Punkten meines Lebens frage ich mich häufig, wo die Zeit geblieben ist. Wie schnell die Jahre ins Land gegangen sind. So kann ich mich noch an Tage im Kindergarten, an meine Einschulung, an viele Nachmittage in der Kindheit erinnern.. vor allem in Kontakt mit Kindern wird mir immer mehr bewusst, wie ich als Kind war. Und da ich mich momentan intensiv mit meinem inneren Kind beschäftigte, lerne ich auch zu begreifen, was mich alles in der Kindheit bis heute geprägt hat. Eine spannende und auch anstrengende Arbeit – denn es kann zermürbend sein, wenn man feststellt, an welchen Punkten es hapert. Wo ich noch an den Stellschrauben drehen muss, damit vor allem das Leben für mich friedvoller verläuft. Denn meine Selbstzweifel sind meine größte Herausforderung. Wie oft quäle ich mich mit diesen Gedanken, ob ich zu laut, zu leise, zu weich, zu hart.. einfach zu viel bin. Das alles spielt sich in mir ab und von außen ist es nur daran zu erkennen, dass ich sehr in mich gekehrt bin und oftmals kaum zu erreichen. Als wäre ich immer wieder in einer privaten Sprechstunde mit mir selbst, die nicht gestört werden will. Da diese Dialoge mit meiner eigenen Person meistens aber noch in einer Dynamik verlaufen, die mir selbst eher schadet, muss ich meine Tür zum Sprechzimmer öffnen, um Menschen von außen Eintritt zu gewähren – denn bestimmte Personen können mir dann eher aus den Selbstzweifeln heraushelfen, als ich mir selbst. Ich werde zwar immer besser – suggestiere mir und vor allem meinem inneren Kind einige Mantren, die irgendwann dann auch ins Verstehen übergehen werden. Aber das braucht Zeit.
Und da bin ich wieder bei meinem Titel. Wenn ich diesen Aspekt betrachte – meine Therapie – ist mittlerweile wieder so viel Zeit ins Land gegangen. Ich frage mich, wo das Jahr hin ist, als ich mich nach meiner Reha entschieden habe, noch einmal intensiv in die Psychotherapie zu gehen. Und was habe ich für Fortschritte gemacht! In unserer Arbeitsgesellschaft war ich nicht produktiv. Aber ich habe eine Arbeit geleistet, an die sich viele nicht herantrauen – aus vielerlei Gründen. Meine Gesundheit und mein Wohlbefinden stand im letzten Jahr mehr als denn je für mich im Vordergrund. Denn wenn es mir nicht gut geht, kann ich auch meinen Aufgaben und Pflichten nicht nachkommen. Nun habe ich das ausgesprochen große Glück, einen Partner an meiner Seite zu haben, der mich dabei sehr unterstützt und mir diesen Raum gibt.❤️ Manchmal ist es gut, einfach auf die Bremse zu treten, anzuhalten und sich umzusehen. Nicht mehr ständig mit dem Fluss zu schwimmen. Seine Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche zu erkennen – ganz unabhängig von allem drumherum. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen in dieser Möglichkeit plötzlich bemerken würden, was ihnen wirklich wichtig ist und was sie bisher oft glaubten wichtig zu finden. Nicht jeder hat die Chance, sich diese Zeit einzuräumen – aus so vielen Gründen. Das sehe und verstehe ich. Nix lässt sich verallgemeinern und über einen Kamm scheren. Doch ich bemerke auch immer wieder, dass sich viele diese Zeit, um sich einfach mal etwas aufzuräumen, gar nicht nehmen wollen. Aus Angst, was da so an Erkenntnis kommen könnte? Hat ja bisher immer irgendwie geklappt.. man schlägt sich ja so durch. Der Leidensdruck scheint nicht da zu sein. Da fällt mir direkt der Satz „Jeder ist seinen Glückes Schmied“ ein.. was für mich Glück bedeutet, muss ja nicht auch des anderen Glück bedeuten.
Doch vor längerer Zeit hatte ich einmal ein Bild von Heath Ledger gefunden, auf dem ein Zitat von ihm gedruckt war:
Jeder fragt, ob du Karriere machst, ob du verheiratet bist oder ein Haus besitzt. Als ob das Leben ein Einkaufszettel wäre. Niemand fragt, ob du glücklich bist.
https://zitatezumnachdenken.com/heath-ledger/11009
Besonders seit dem Tod meines Sohnes und all den Veränderungen in meinem Leben seitdem, stellte ich mir so oft die Frage: Macht mich das glücklich? Nur weil meine Altersgenossen diese ganzen Dinge im Leben verfolgen und haben, muss ich das doch nicht auch tun. Allein in einem Jahr hat sich meine Wahrnehmung wieder so verändert und meine Prioritäten liegen wieder ein Stück anders. Wenn man mich jetzt fragt, ob ich glücklich und zufrieden bin, kommt ohne zu Hadern ein deutliches Ja! von mir. Ich lebe immer mehr das Leben, das ich mir im tiefsten Herzen immer gewünscht habe. So sehr mir mein Sohn fehlt, so schmerzhaft es oft ist, darüber nachzudenken, dass er wirklich tot ist.. dass ihn nichts mehr zurückbringen wird.. dass die einzige Verbindung zu ihm nur noch die Erinnerungen und die endlose Liebe sein werden.. ich bin wieder glücklich geworden – und das so, wie ich nicht gedacht hätte, dass ich es erleben darf. Als vor knapp vier Jahren (wow – wo ist die Zeit hin?) die Gewissheit kam, dass unser Sohn diese Erkrankung nicht überleben wird, habe ich nicht ansatzweise vermutet, wie sehr sich alles noch verändern würde. Wieviele Abschiede und neue Begegnungen mein Leben bewegen würden. Auch wenn das Leben nicht nur schwarz-weiß ist, hatte ich dennoch damals das Gefühl vor der Wahl zu stehen: Verfluche ich nun das Leben und gebe auf oder mache ich das Beste draus und versuche an meiner Hoffnung festzuhalten? Da ich mich für den positiven Weg entschieden habe, sind mir viele dieser Veränderungen vermutlich auch ebenso begegnet. So anstrengend und schmerzhaft es zwischenzeitlich auch war – das Positive hat überwogen und mich dort hin gebracht, wo ich jetzt bin.
Ach ja.. Wahnsinn. Was die Zeit so gebracht hat. Und siehe da. Das Jetzt ist wundervoll. Mit meinem Sohn auf seiner Wolke, der sich auch immer mal wieder ganz nah anfühlt; der sicher mitlacht, wenn ich lache; der mittanzt, wenn ich seine Lieblingsmusik höre.. und dann natürlich mit diesem Wunder unter meinem Herzen. Das sich so wunderbar entwickelt. Das schon bald in unseren Armen liegen wird und unser Leben noch mehr bereichert, als es jetzt schon tut. Und ja, auch hier: Wie schnell verging nun die Zeit? Seit dem Tag, als ich spürte, dass sich dieses kleine Zellhäufchen einen Platz ausgesucht hat. Als der positive Test unser Leben veränderte. Als wir das erste Mal das Herzchen schlagen sehen konnten. Die ersten zarten Bewegungen zu spüren waren. Wir haben alle Veränderungen durch diese Schwangerschaft bewusst wahrgenommen. All die Fortschritte und das Wachstum dieses kleinen Menschleins gefeiert. Ich habe jeden Tag bewusst erlebt. Diese Zeit kommt so nicht wieder. Darum genieße ich auch die letzten Wochen, in der mein Körper dieses enorme Wunder vollbringt. Die Zeit, in der wir noch in Ruhe zu zweit sein dürfen. In der ich auch ganz für mich sein darf. Wenn dieses Kind das Licht der Welt erblickt, wird vieles anders. Aber es wird schön! Denn diese Veränderung wird – auch wenn Abschiede, Herausforderungen und Tiefschläge dabei sein werden – bereichernd sein. Sie führt mich immer weiter in das Leben, dass ich mir für mich wünsche. Und es ist toll, diesen Wunsch mit meinem Herzmenschen teilen zu dürfen.❤️
… und irgendwann werde ich da sitzen, innehalten, diesen Beitrag lesen und wieder feststellen: Wo ist die Zeit hin?

