„Haben Sie noch weitere Kinder?“

… meine kurze und knappe Antwort lautet dann: „Ich hatte.“

Schon bevor dieses zweite kleine Wunder in unser Leben kam, musste ich mich häufig bei Gesprächen dieser Frage stellen – ‚Haben Sie Kinder?‘

Sei es bei Vorstellungsgesprächen, Unterhaltungen mit anderen Eltern, Arztterminen… oft kommt man im Alltag ja ganz plötzlich über das Thema Kinder ins Gespräch. Vor allem, wenn man schwanger durch die Welt kugelt und besonders, wenn das kleine Menschlein auf der Welt ist. Ich wusste, dass der Tod meines ersten Sohnes immer wieder ein Thema sein wird. Niemals wird es abgehakt und unbesprochen bleiben – soll es auch nicht! Im Gegenteil. Es gehört zu meinem Leben und ich will diesen tollen Jungen nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Zugegeben. Mit seinem kleinen Bruder habe ich eine tolle neue Aufgabe, die mich jeden Tag vollends fordert und erfüllt. Die Trauer gerät dabei mehr in den Hintergrund, was ich sehr angenehm finde. Vergleiche, wie es damals in der Säuglingsphase mit meinem ersten Sohn war, kommen natürlich immer mal wieder auf – das geht ja allen Eltern so, die ein weiteres Kind bekommen. Den faden Beigeschmack, dass mein erstes Kind nun aber nicht mehr am Leben ist, muss ich eben mit der süßen Frische dieses neuen Lebens abmildern.

Ich wollte immer mehrere Kinder haben. Auch nach dem Tod meines ersten Kindes war mir klar, dass ich gerne wieder aktiv Mutter sein möchte.. irgendwann. Nicht mehr auf Stand-By. Ich bin froh, dass ich knapp vier Jahre nach diesem Verlust wieder so ein großes Glück und Wunder in den Armen halten darf.

Meine feinen Antennen sind in dieser Kennenlernzeit ein enormes Geschenk. Nach knapp vier Monaten mit unserem kleinen Sohn habe ich bereits das Gefühl, ihn schon gut einschätzen zu können. Er ist sensibel und schreckhaft, mag nicht sehr viel Trubel und Lautstärke. Wir haben ihm schon zu Beginn viel Zeit gegeben, um in der Welt anzukommen. Nicht viele Unternehmungen – wenige Spaziergänge, keine Supermärkte, nur nötige Termine. Wenig Besuch. Denn oft hat er uns abends die vielen Eindrücke mit schmerzhaftem Geschrei quittiert. Auch seine Entwicklungsschübe haben wir spüren dürfen. Dank guter Literatur sind diese Phasen aber gut auszuhalten, wenn wir wissen, was da gerade ungefähr in ihm vorgeht. Letztlich sind wir nur eines: Für ihn da. Tragen ihn. Schenken ihm Nähe und Geborgenheit. Nehmen Rücksicht auf seine Bedürfnisse. Diese äußert er für uns immer erkennbarer, sodass wir sogar aus der Stoffwindel-Welt ein wenig in die Windelfrei-Abteilung abdriften. Und es ist wundervoll! Zu sehen, wie wir die Zeichen richtig deuten und danach ein zufriedenes Baby vor uns liegt, dass dankbar darüber ist, seine Bedürfnisse ohne viele Umwege erfüllt bekommen zu haben. Wir werden immer mehr eine kleine Einheit, wachsen gemeinsam in das Familienleben hinein und spüren, dass wir unseren Weg auch vor unserem Umfeld selbstbewusst gehen können.

Ich wusste, dass nach und nach das Selbstbewusstsein einer Mutter wieder in mir entflammt. Ich bin von so vielen Unsicherheiten durchzogen, die mir oft den Alltag schwer machen. Diffuse Ängste, die ich mir selbst nicht mal rational erklären kann.. sie sind einfach da. Und das erst so richtig, seit dem Verlust meines ersten Kindes. Vielleicht nehme ich sie einfach mehr wahr seither und sie waren schon immer da. Doch nun stehen sie mir oft im Weg. Dann versuche ich sie an die Hand zu nehmen und als eine Begleitung anzusehen. Sie gehören nunmal zu mir. Ich möchte sie nicht als Gegner betrachten.

Mein Sohn hat sich eine ängstliche Mama ausgesucht – er wird schon wissen warum. Kinder suchen sich ihre Eltern aus. Tja.. da hast du dir zwei sensible Menschen ausgesucht, bei denen du aufwachsen möchtest. Doch du hast jetzt schon genügend Temperament und zeigst uns, dass du für das einstehen wirst, was du brauchst und willst.

So auch heute. Als deine Mama mit Dir in eine Kinderklinik musste. Ja.. ich hatte mir gewünscht, so etwas nicht so schnell wieder von innen zu sehen. Doch die Ärztin stellte bei der regulären Untersuchung etwas fest, dass sie gerne abklären lassen wollte. Es muss nichts sein, aber sicher ist sicher. Ich spürte wieder eine Anspannung in mir. Wie damals. Es soll etwas nicht stimmen. Habe ich doch etwas übersehen? Im Gespräch mit meinem Herzmenschen lasse ich meine Ängste frei. Weine und rede. Er beruhigt mich und sagt mir Da ist nichts. Mit allen rationalen Argumenten rede ich es mir auch wieder gut. Und fahre mit guten Gedanken in die Kinderklinik. Dort fühlte ich mich mit meinem Sohn direkt gut aufgehoben. Ich spüre, dass ich wieder Mutter bin – stehe für ihn ein und möchte, dass er behutsam untersucht wird. Dann die Frage: „Haben Sie noch weitere Kinder?“ … da ich selbst aus dem Gesundheitswesen komme, sprechen wir medizinisch, aber auch menschlich über meine Vergangenheit. Sehr viel Empathie durfte ich dort spüren und sie haben uns den Aufenthalt angenehm gestaltet. Mein Sohn hat lautstark gezeigt, dass ihm die Untersuchungen nicht zusagten. :)

.. aber das Wichtigste: Es ist alles gut. Das Bauchgefühl hat sich, trotz aufflackernder Erinnerungen und Ängste, bestätigt. Ich bin wieder ein Stück daran gewachsen. An einer Situation, deren Eintreffen mir bewusst war, als ich mich entschied, wieder Mutter zu werden. Die Sorge um ein kleines Wesen wieder zu spüren, doch gleichzeitig enorme Kräfte zu entwickeln. Diese Ambivalenz ist für mich als Hochsensibelchen DIE Achterbahnfahrt schlechthin.

Dann mal auf eine weitere Runde!

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