Ein kleiner Beutel voller Erinnerung

Während ich gerade intensiv damit beschäftigt bin, eine Bindung zu diesem kleinen wunderschönen Menschlein aufzubauen (und es fühlt sich toll an!), habe ich auch wieder einmal das Bedürfnis, mich von Dingen zu trennen. Ausschlaggebend ist dafür ein bevorstehender großer Umzug in eine andere Umgebung. Denn nicht nur ich bin hochsensibel, auch mein Herzmensch ist sehr sensibel für die Umwelt und unser Herzbaby mag auch nicht so gern so viel Trubel. Alle drei fühlen wir uns in der Natur wohler – die in Großstadt und Ballungsgebiet natürlich nur partiell anzutreffen ist. Gefühlt gibt es hier mehr Menschen als Bäume und dieses Verhältnis schlägt uns zunehmend aufs Gemüt und Wohlbefinden.

Nun denn. Trotz einiger Entrümpelungen nach unserem Zusammenzug und vor Ankunft des kleines Menschleins, spüre ich weiterhin das Bedürfnis, noch einiges loswerden zu wollen. Besonders Dinge, die für uns seit geraumer Zeit keinen Nutzen mehr haben und nur darauf warten, noch einmal eine Aufgabe zu erfüllen, dürfen nun ziehen. Verkaufen, Spenden, Verschenken.. je nach Zustand wird in den kommenden Wochen noch vieles – hoffentlich – ein neues Zuhause finden.

Ich hatte mich bereits vor einiger Zeit noch enorm von Gegenständen getrennt, die von meinem Sohn übrig geblieben waren. Ich erinnere mich noch an den dicken Papierhaufen aus Klinikunterlagen, die der schriftliche Beweis für die bisher anstrengendste Zeit meines Lebens waren. Eine Zeit, die mein tapferer Junge leider nicht überleben durfte. Nun habe ich noch das ein oder andere Kistchen gefunden, das ich zu der Zeit emotional und kräftemäßig doch nicht weiter durchsehen konnte und wollte. Ich habe es auf einen Zeitpunkt verschoben, an dem der Impuls wieder von alleine kommt. So habe ich es auch in den letzten Jahren gehandhabt und bin in meiner Trauerarbeit damit sehr gut gefahren. Ich habe mich nicht gezwungen, sondern immer wieder in mich hineingehört, wie es sich in dem Moment anfühlt. Ich sah wieder diese kleine durchsichtige Kiste, gut verschlossen mit einem Deckel, in der sich noch Kleidungsstücke befanden. Unterhemden, Unterhosen, Socken und Strumpfhosen. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff ich sie mir, legte mir meinen kleinen Sohn daneben und wir begutachteten den Inhalt. Während ich noch, bevor mein zweiter Sohn unterwegs und auf der Welt war, sagte, dass ich ihm keine Kleidungsstücke meines ersten Sohnes anziehen könnte – da ich zu sehr Bedenken hegte, es könnte mich triggern – war meine Reaktion diesmal eine ganz andere: Ich hielt diese Kleidungsstücke in den Händen und war mit mir im Reinen. Sein kleiner Bruder kann das noch auftragen – ein Weilchen hat er noch, bis er dort hineinpasst. Aber ich merke, dass das Gefühl für meinen ersten Sohn beim Kontakt mit der Kleidung nicht mehr so nah ist. Sicher, ich habe Bilder von ihm darin vor Augen, aber es schmerzt nicht so sehr. Kurz nach seinem Tod hatte ich das Empfinden, als wäre er mir aus der Kleidung herausgestorben.. als hätte ich doch eben gerade noch den warmen Körper darin gehalten und nun war er fort. Doch jetzt… ich vermute, da ich dieses kleine blühende Leben vor mir habe, tut es nicht mehr so weh. Es macht mich eher stolz, wenn ich mir vorstelle, dass er diese paar Stücke seines Bruder noch einmal tragen darf.

Zwischen all dieses Kleidungsstücken befanden sich auch noch unsere damaligen Begleiter. Broviak-Beutel.

Sie waren dazu da, um seine beiden zentralen Zugänge sicher zu verwahren, damit sie nicht frei an seinem Oberkörper hingen und unter Zug stehen. Bekommen haben wir sie damals von der Station und sie gehörten zur Ausstattung dazu, wie Unterwäsche und Socken. Als ich die Beutel so in den Händen hielt, flackerten sofort Bilder auf, wie mein Sohn damit aussah. Wie normal es für uns war. Wie er zum Schluss, gezeichnet von der Krankheit, mit seinem Lieblingsbaggerbeutel (den hat er mitgenommen) neben mir im Bett lag. Es tat für einen Moment sehr weh. Tränen flossen. Doch dann kam mir direkt der Gedanke: Ich schicke sie wieder zurück. Sie dürfen noch einmal ein anderes Kind begleiten. Der Elternverein der Klinik lebt von Spenden und freut sich über jede kleine Hilfe. Und warum soll ich sie in den Müll werfen, wenn diese fröhlich bunten Beutel doch nochmal einem anderen kleinen Kämpfer den schweren Alltag etwas farbenfroher gestalten können. Mit diesem Gedanken fühle ich mich sehr wohl.

Genauso bin ich mit dem Equipment für seine Hörgeräte verfahren. Ich fand noch völlig unbenutzte Geräte und Bücher, die leider damals nicht mehr zum Einsatz gekommen sind. Damit bin ich nun zu einem Hörgeräteakustiker gegangen und habe es gespendet. Dieser bedankte sich so herzlich, denn es gibt immer Familien, die nicht solch ein Glück wie wir damals hatten, und es von den Krankenkassen bezahlt bekommen. So kann es hoffentlich noch einmal einem Kind gute Dienste leisten.

Diese Trennungen taten wieder einmal nicht weh. Ich bin selbst erstaunt, wie sehr sich in den vier Jahren der Bezug zu materiellen Überbleibseln meines Sohnes geändert hat. Anfangs hätte ich am liebsten alles gehortet, doch nach und nach fiel es mir immer leichter, Dinge abzugeben. Vor allem in Form einer Spende ist es für mich nochmal ein ganz anderes Gefühl, da ich gerne gebe, ohne dafür immer eine Gegenleistung zu erwarten. Es schafft enormen Raum in der Wohnumgebung und in mir drin. Ich fühle mich geordneter in meiner Trauer. Auch wenn da diese schweren Momente dazwischen sind.. die dürfen sein. Sie habe ihre Daseinsberechtigung. Doch sein kleiner Bruder gibt mir viel Antrieb und ich spüre wieder Kräfte, die ich längst vergessen hatte und glaubte, nicht mehr entwickeln zu können.

Gut, dass Du ihn uns geschickt hast. 🧡

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