Ach mein Kind. Nach 4,5 Jahren ohne Dich spüre ich tatsächlich wieder ordentlich Schmerz. Sehnsucht. Ich bin traurig. Und glücklich. Beides zugleich. Emotionaler Wackelpudding.
Warum? Weihnachtszeit. Im letzten Jahr, mit Deinem Bruder im Bauch, habe ich das recht gut hinbekommen – ich schätze, es überwog die Vorfreude auf den kleinen Kerl, den Du uns da geschickt hast. Doch in diesem Jahr, im aktiven Mama-Dasein angekommen, mit all den Freuden, Sorgen, durchwachten Nächten, intensiven Tagen… da spüre ich es wieder deutlicher, was für eine große Lücke Du kleiner Mensch hinterlassen hast.
Gerade erst, als ich dachte, ich komme gut zurecht. Tja, genau da erwischt es mich – eiskalt. Im Supermarkt. Ein Holzbagger, drapiert mit Weihnachtsschokolade. Ich spürte eine kleine Starre in mir, konnte mich kurz kaum bewegen und schnell schossen mir die Tränen in die Augen. Was hättest Du Dich darüber gefreut. Zumindest damals (klingt ja Ewigkeiten her). Bevor Du mit drei Jahren Dein Leben verloren hast, waren Bagger ganz groß! Ich hatte aufgehört zu zählen, wieviele Fahrzeuge am Ende um Dich herum standen. Du hattest Deinen ganz eigenen Fuhrpark. Die ersten davon hast Du zu Deinem zweiten Weihnachtsfest mit 1,5Jahren bekommen. Ich weiß noch, wie aufgeregt Du das Geschenk mit meiner Hilfe ausgepackt hast und wie groß die Freude war. Durch Dich hatte ich umfangreiches Baustellen-Fahrzeug-Wissen. Kenne noch heute den Unterschied zwischen Radlader, Baggerlader und Frontlader.
Dort, im Supermarkt, schoss mir direkt die Frage in den Kopf: Würdest Du heute auch noch Bagger lieben? Wäre Elvis noch so angesagt bei Dir? …
Das ist immer wieder seltsam. Denn in meiner Erinnerung bist Du klein. Drei Jahre alt. Ich kann mir nur versuchen auszumalen, wie Du heute aussehen könntest. Ich gebe es schnell auf. Wärst Du noch da… wer weiß, ob all das jetzt auch da wäre. Mamas neuer Mann. Dein kleiner Bruder…
Diese doofe Rechnung. Die geht nicht auf.. soll sie auch nicht. Alles ist so gekommen, wie es kommen sollte. Blöd, dass Du da oben auf Deiner Wolke sitzt und nicht mit uns hier unten Baum schmücken und Plätzchen backen kannst. Voll blöd. Richtig blöd. Menno.
Doch wenn ich Deinen Bruder so betrachte, der doch gewisse Ähnlichkeiten zu Dir aufweist, frage ich mich manchmal, ob Du nicht gerade ganz nah bist. Mir nochmal zeigen möchtest, wie wundervoll so ein kleiner Mensch das Leben bereichert. Wie erfüllend es ist, Mama sein zu dürfen. Wie es sich lohnt, diesen Schmerz über Deinen Verlust auszuhalten, weil das Leben mit Deinem Bruder so viel Freude bringt. Mir kommt es oft so vor, als hättest Du irgendwie Einfluss auf einiges genommen. Vielleicht bin ich es auch selbst gewesen. Eigene Impulse. Vielleicht möchte ich diesen Gedanken für mich auch einfach als Linderung bewahren, dass Du da bist. Irgendwie. Spürbar durch bestimmte Wendungen in meinem Leben.
Dass vieles jetzt so rund läuft, finde ich manchmal schon sehr gruselig. Dass Begegnungen im Leben entstehen, die passender nicht sein könnten – das kann manchmal kein Zufall sein. Da frage ich mich tatsächlich, ob Du nicht doch schaust, dass es Deiner Mama gut geht und Deine kleinen Hände mit im Spiel hast. Wenn es so ist – Danke mein Kind!
Dein Verlust hat mich auf gewisse Weise ärmer gemacht. Um Dich, als wunderbaren, kleinen tapferen Menschen. Was hätten wir noch für Freude gehabt. Was hätten wir noch alles gemeinsam erlebt. Doch andererseits bin ich dadurch auch so viel reicher geworden. Es hat mich emotional stärker und sanfter zugleich gemacht. Es hat mir den Weg zu mir geebnet. Nun weiß ich viel mehr, wer ich bin. Wer weiß, ob ich diesen Weg gegangen wäre.. wer weiß.
Ich vergesse Dich nicht. Oh nein – wie könnte ich? Ich hatte immer große Angst davor. Sicherlich, einiges verblasst mit der Zeit. Schafft Platz für neue Erinnerungen. Gut so! Vieles ist dennoch oft präsent. Noch. Kürzlich dachte ich erst wieder daran, dass es diesen Dezember tatsächlich schon fünf Jahre her ist, seit Du Deine tägliche Bestrahlung über Dich ergehen lassen musstest. Gerade erst von der wochenlangen Intensivtherapie aus der entfernten Klinik nach Hause gekommen – schon ging der Kampf gegen diesen aggressiven Tumor weiter. Es war ein Marathon. Ein Therapiemodul nach dem anderen. Kaum Verschnaufpausen. Doch es war Normalität zu der Zeit. Heute frage ich mich, wie wir das alles geschafft haben. Vor allem Du. Soviel musstest Du aushalten. Und du hast Dich tapfer geschlagen! Ich bin stolz auf Dich und habe meinen größten Respekt vor Dir und Deiner Stärke.
Jetzt, wo es wieder besinnlich wird. Wir hier so mit Deinem kleinen Bruder vorm Weihnachtsbaum sitzen. Da fehlst du wieder enorm. In unserer Mitte. Du hättest in dieses neue Leben wundervoll gepasst. Ich bin traurig, dass Du nur so ein kurzes Leben haben durftest. Dass Du nur drei Weihnachtsfeste miterleben durftest. Was wärst Du mir heute für ein große Plätzchen-Back-und-Teignasch-Hilfe.❤️
Ich vermisse Dich unendlich, mein Sohn.

