So ungefähr hätte ich mich wohl vorgestellt, wäre ich männlichen Geschlechts auf diese Welt gekommen. Nicht, weil ich Typ Ernst bin. Im Gegenteil – ich bin recht lebensfroh und albern veranlagt. Natürlich kann ich auch ernst dreinblicken. Ernste Themen besprechen. Doch wieso ich darauf komme?
Wegen meiner Hochsensibilität. Ja, meine Spezialausprägung beschäftigt mich in letzter Zeit wieder enorm. Ich muss zugeben, dass ich sie zwischendurch nicht so präsent in meiner Denkerbse habe.. oft bin ich einfach zu sehr mit Minimensch und Herzmensch beschäftigt. Ich bin also viel im Außen zugange. Tjaaa.. und wenn ich dann mein Innen etwas mehr vernachlässige – meine Bedürfnisse zu oft hinten anstelle, Grundbedürfnisse nicht ausgewogen gestillt werden (hallo Schlaf?), melden sich meine Antennen. Lauter als sonst. Denn mein System hat kaum Möglichkeit mal herunterzufahren. Da werden am laufenden Band Daten verarbeitet und der Rechner läuft annähernd heiß – denn der Energiesparmodus ist nur von kurzer Dauer.
Eine interessante Gemeinsamkeit von vielen Hochsensiblen ist, dass wir Dinge sehr ernst nehmen. Besonders Worte. Und daher komme ich auf meine Einleitung. Ich nehme sehr viel ernst. Zu ernst, um genau zu sein. In meiner Biografiearbeit zusammen mit meiner Therapeutin fanden wir heraus, dass ich mich von Kind auf für alles überverantwortlich fühle. Dass ich glaube, für das Wohl anderer zuständig zu sein. Dass ich kompensieren muss, wenn andere nicht funktionieren können. Ich kann mir enorm viel aufladen und mich grandios dabei vergessen. Bis ich überfordert bin und selbst zusammenbreche. Klingt komisch, is aber so. Beispielsweise sagt mir mein Herzmensch, ihm täte der Rücken weh, er fühle sich verspannt. Bing! Meine Verantwortung meldet sich. Ich nehme seine Äußerung so ernst, dass ich in der Annahme schwanger laufe, nun für sein Wohlbefinden zuständig zu sein. Als säße da ein kleines Verantwortungs-Männchen im Kopf und sagt unentwegt Muss helfen! Muss helfen! . Schwupp.. Kissen erwärmt. Massage angeboten. Das, was mir so einfällt und möglich ist. Dass er erwachsen ist und mich auch einfach drum bitten kann, ihm dabei zu helfen, berücksichtige ich nicht einmal. Denn irgendwie hat sich dieses lustige Programm bei mir abgespeichert, dass ich doch bitte immer auf meine liebsten Menschen Rücksicht zu nehmen habe und für ihr Wohl mit verantwortlich bin. Cool. Diener für alles und jeden.
Im Dialog fanden wir dann irgendwann mal heraus, dass ich das nicht tun muss. Eben genau dass er mich bitten wird, wenn er meine Hilfe braucht. Dass ich den Strom mal abdrehen kann, unter dem ich offenbar ständig zu stehen scheine. Denn meine Verantwortung hört -theoretisch- bei mir auf. Gut, unser Kindchen ist unsere gemeinsame Verantwortung. Doch ohne diese würde das kleine Menschlein auch nicht überleben. Doch für die Erwachsenen um mich herum. Für die Leute, die schon etwas länger auf diesem Planeten sind und selbständig für sich sorgen können – die können sich äußern, wenn Sie Unterstützung brauchen. Ich muss meine Antennen nicht auf die Bedürfnisse aller Menschen um mich herum justieren.
Drum muss ich eben auch nicht alles ernst nehmen, was die Leutchen so von sich geben. Nicht alles verdient eine Reaktion. Lässt sich so enorm leicht dahinsagen und -schreiben. Doch bekomme ich das auch so fluffig hin? Noch nicht. Wird aber. Langsam. Nach und nach. Der Zug darf gerne immer kürzere Runden durch mein Köpfchen fahren, bis ich dann irgendwann mal in der Lage bin, auf Durchzug zu schalten. In meinem bisherigen Leben habe ich so viel Zeit und Energie darauf verschwendet, das Gesagte meiner Gegenüber kaputtzudenken. Ich wollte immer wieder den Sinn dahinter erkennen, die Menschen verstehen. Warum sie das jetzt so gesagt haben. Doch in den meisten Fällen führte es zu nix. Außer zu Kopfschmerzen. Oder Migräne. Und der Erkenntnis, dass eben nicht alle so genau darüber nachdenken, was sie wie sagen. Dass vieles einfach so dahingesagt wird. Ohne einen Grund. Ohne Hintergedanken. Für mich – gefühlt – leere Worte, also. Smalltalk. So ein Gedöns, womit die Hochsensiblen ja so ihre Problemchen haben.
Mittlerweile komme ich immer mehr zu der Erkenntnis, dass ich eben nicht die Energie darauf verwetten sollte, anderen ständig die Bedeutung und Reichweite ihrer Worte darzulegen. Oder alles zu hinterfragen. Meine Kraft sollte ich mehr dahin bündeln, mir die Weichen für den Durchzug zu legen. Dass diese Worte keine endlosen Kaffeefahrten in meinem Kopf drehen und ständig im Dunklen sitzen. Sie dürfen gleich wieder das Licht am Ende des (Gehörgangs) Tunnels sehen. Oder direkt eine Umleitung außen ums Köpfchen fahren. Aber das endlose Kaugummikauen im Kopf, bis die Worte nur noch geschmacks- und bedeutungslos herauswollen… das raubt mir allmählich meinen Nerv. Und gegen Diebstahl hab ich etwas. Ich mag meine Nerven gerne gebündelt.. so funktionieren sie eindeutig besser.
