Ausnahmezustand

Während in den letzten Wochen für uns eine Art privater Ausnahmezustand herrschte – der große Umzug mit Baby – entwickelt sich nun das Leben außerhalb unserer kleinen Blase in eine außergewöhnliche Lage.

So zuvor noch nie dagewesen – heißt es immer wieder. Solche Szenarien kenne ich nur ansatzweise aus Filmen und Serien, die apokalyptische Themen beinhalten. Besonders Endzeitfilme oder eben Serien, in denen Zombies eine große Rolle spielen.. sowas hat mich immer gefesselt. Vor allem, weil ich spannend und erschreckend finde, wie das menschliche Zusammenleben in solchen Zeiten verlaufen könnte. Immer habe ich gehofft, dass dies eine Fiktion bleibt und ich solche Umstände nicht mehr miterleben muss. Doch nun ist sie da. Eine Art Ausnahmesituation.

Eine Pandemie, die sich rasend schnell auf der Welt ausbreitet. Die bereits einige Todesopfer mit sich gebracht hat. Doch die auch zu beherrschen ist. Wenn sich alle entsprechend verhalten. Und da liegt leider der Hund begraben.

Denn so, wie ich es in diesen Filmen und Serien gesehen habe.. ja, so zeigt es sich doch hier und da auch in der Realität. Rücksichtslose Hamsterkäufe. Leer gefegte Regale in Märkten. Diebstähle. Missachtung von Regeln und Vorgaben. Was da draußen gerade läuft, ist für mich leider das Bild, was sich in den letzten Jahren immer mehr von der Gesellschaft für mich präsentierte. Dachte ich noch, es ist vielleicht nur eine subjektive Momentaufnahme, wenn ich im Alltag über das unmögliche Verhalten von Mitmenschen aufmerksam wurde. Nein. Gerade jetzt, in der Krise, da zeigt es sich ganz deutlich. Und auch, wenn es viele angepasste Menschen gibt. Die, die sich an Regeln halten. Die, die Rücksicht nehmen und sogar noch helfen. Dann gibt es trotzdem noch die breite Masse, der es offenbar egal zu sein scheint oder die das Ausmaß der Epidemie nicht begreifen.

Aber was soll man erwarten? Eine Gesellschaft, die über so lange Zeit dahin getrimmt wurde, doch bitte der Wirtschaft gute Dienste zu leisten. Deren Arbeitskraft das höchste Gut ist. Die sich krank zur Arbeit quält, um ja ihren Job nicht zu verlieren. Die jegliches Gefühl für sich und ihre Umwelt verloren hat. Die alles unwissend kritisiert – Hauptsache dagegen. Diese Gesellschaft kann nun nicht mehr gesund einschätzen, was da gerade wirklich passiert. Da sie völlig abgestumpft und gleichgültig geworden ist. Diese Gesellschaft, die über jegliche Grenzen geht und erst wach wird, wenn es weh tut oder fast zu spät ist.

Der gesunde Menschenverstand.. davon ist immer wieder die Rede. Sicher haben ihn viele noch. Doch er ist einem großen Teil leider abhanden gekommen – so mein Gefühl. Sonst gäbe es wohl diese ganzen Probleme auf der Welt nicht.

Nun gehe ich mit Dir, eingekuschelt in der Trage, auf das Feld gegenüber. Es ist merkwürdig. Zu wissen, was gerade in unserem Land passiert. Denn hier ist es ruhig. Ich fühle den weichen Boden unter meinen Füßen, rieche das feuchte Gras. Höre die Vögel zwitschern. Der Bach mitten auf dem Feld plätschert sanft vor sich hin. Zwei Enten begrüßen wir. Ich sehe Menschen. Gehetzt in ihrem Auto, wie sie sich wieder nicht an die Geschwindigkeitsvorgabe auf unserer Straße halten. Einige spazieren, fahren Fahrrad. Ob alle gerade an diesen Virus denken? An das fehlende Toilettenpapier oder das ausverkaufte Mehl? Ich merke, dass ich den Abstand zu ihnen halte. Deswegen bin ich auch auf dem Feld – und nicht erst durchs Wohngebiet und die gewohnte Strecke am Feld entlang. Es bewegt mich. Dieses ganze Thema. Zu wissen, dass wir diesen Virus wohl auch bekommen werden. Und ich hoffe, es zu überstehen. Bin ich doch anfälliger für Infekte. Doch irgendwie werde ich dennoch das Gefühl nicht los, dass alles mehr dramatisiert wird. Dass es von etwas anderem ablenken soll. Dass diese Krise einen Grund hat.

Wie gerne würde ich aktiv helfen. Nachbarschaftlich den älteren Mitmenschen Gutes tun. Doch ich kann nur daheim bleiben. Abstand halten. Hygiene beachten – wie sonst auch. Denn das ist schon seit Jahren ins Blut übergegangen. Als Krankenschwester. Als Mutter eines krebskranken Kindes. Für mich ist das kein Neuland. Auch nicht die Zeit zuhause. Oder Isolation. Erinnerungen kommen auf. Gefühle, wie es damals mit meinen Sohn in den Kliniken war. Manchmal einsam, da kein Besuch kommen konnte. Doch ingesamt hat mich diese intensive Zeit mit ihm noch mehr verbunden.

Und wenn ich den Blick auf diesen friedliche Feld richte. Auf dich kleines Wunder in meiner Trage. Auf die Blumen, die nun langsam beginnen zu blühen. Zur Sonne hinauf blicke, die sich durch die Wolken kämpft. Dann bin ich zufrieden. Denn da ist ganz viel Leben, Glück und Hoffnung. Dass wir das alles überstehen werden. Dass wir daran wachsen werden. Dann hoffe ich, dass die vielen Menschen da draußen wach werden und erkennen, wofür es sich wirklich zu leben lohnt und was es zu schützen gilt.

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