Ich denke an Dich

(Foto: hietnatz)

In den letzten Tagen denke ich wieder öfter an Dich. Mein kleiner großer Sohn, da oben auf Deiner Wolke. So oft scheint derzeit die Sonne – was so gut tut. Und wenn ich so im Zimmer Deines kleinen Bruders sitze und aus dem Fenster in den Himmel schaue, sehe ich die weißen, flauschigen Wolken vorbeiziehen.. und frage mich manchmal, ob Du vielleicht auf einer sitzt und uns zuwinkst.

So viele Momente, die mich zur Zeit an Dich erinnern.

Wie Dein Bruder so in Deinen Unterhosen vor mir steht. Seine Statur gleicht Deiner, als Du in diesem Alter warst. Auch Du warst ein starkes Baby. Es erinnert mich an die Zeit mit Dir.. als Du so klein warst. Einiges war ähnlich. Doch vieles auch anders. Du warst mein erstes Kind. Ich war noch recht jung. Und unerfahren. Wusste noch nicht so viel über mich. Dinge, die ich heute anders sehe. Dinge, die mir helfen, mich besser zu verstehen. Und auch Deinen Bruder. Ich erinnere mich nicht mehr an alles aus Deiner Babyzeit. Ich weiß nur: Auch da habe ich wenig Schlaf abbekommen. Auch da habe ich mich ganz schön hinten angestellt und oft ziemlich vergessen. Musste mit Müh und Not mein Gewicht halten. So sensible Kinder zu haben, die mich so sehr brauchen, zerrt enorm an meinem Körper. Nun weiß ich: Ich muss mehr auf mich achten. Doch es umzusetzen, fällt mir dennoch sehr schwer.

Mein Körper sendet auch heute wieder eindeutige Signale. Wie damals bei Dir. Mein Magen streikt immer wieder. Ich habe mit Bauchschmerzen zu tun. Mein Rücken und meine Knie tun weh. Ich trage viel. Verantwortung. Liebe. Erinnerungen. Ängste.

Ich blicke in den Spiegel. Sehe müde Augen. Dunkle Ringe darunter. Blasse, unreine Haut im Gesicht. Wüstes Haar. Meine Haut ist trocken und juckt – eine Herausforderung mit Hochsensibilität. Ich fühle mich unwohl. Wie schon lange nicht mehr. Ich habe keine Zeit, mich in Ruhe zu pflegen. Sie kommt wieder, die Zeit dafür – denke ich. Vielleicht ist das alles nicht so wichtig.

Ich schaue in die Wohnung. Sehe die Unordnung. Das schmutzige Geschirr. Das Spielzeug und die Kartons überall. Mein hochsensibler Blick kann das manchmal nicht ertragen. Wie gerne, würde ich alles mal wieder in Ruhe aufräumen und saubermachen. Es fällt mir noch oft schwer, das alles so auszuhalten und zu relativieren. Mit Dir, damals, habe ich mir so viel Stress gemacht. Musste alles noch genauso laufen, wie vorher, als Du noch nicht da warst. Diese Einsicht zu haben, dass das eben alles nicht mehr so geht – und auch eigentlich nicht wichtig ist – die hatte ich damals noch nicht. Jetzt schon. Immer mehr. Denn Deinem kleinen Bruder ist es egal, ob es ordentlich und sauber ist. Doch an mir nagt das Selbstwertgefühl. Das kriege ich also auch nicht hin.

Genau so waren die Gedanken auch gestern wieder. Mein Blick war nur auf das gerichtet, was nicht klappt. Was ich nicht hinbekomme und gut mache. Die Nacht zuvor war sehr anstrengend für mich und ich hatte eigentlich kaum Energie für den Tag. Dennoch wollte ich mal wieder backen. Hefezopf. Den habe ich immer gut hinbekommen. Doch seitdem Dein Bruder da ist, werden Hefe und ich offenbar keine Freunde mehr. Kurzum: Es ist nix geworden. Und das hat mich enorm heruntergezogen. Gerade in der aktuellen Situation – wo Mehl und Hefe ständig vergriffen sind – und mit dem schmerzlichen Blick, dass wir da nun zwei Hefezöpfe für den Müll produziert haben.. da konnte ich mich kaum noch an etwas erfreuen. Immer nur dachte ich daran, dass ich nicht mal mehr das hinbekomme. Etwas zu backen. Was mir doch sonst so leicht von der Hand ging. Auch die Worte vom Herzmenschen, dass ich mit diesem Schlafmangel aber nicht mehr das Pensum halten kann, wie zuvor.. besänftigten mich nur wenig. Ich habe versagt – drehte es sich in meinem Kopf. Der gestrige Tag war durch und durch.. doof. Gut, gehört eben dazu.

Kenne ich ja auch noch aus der Zeit mit Dir. Auch Du hattest schlechte Tage, die ich versuchte, so gut es ging zu begleiten und auszuhalten. Jeder hat eben mal schlechte Laune oder einen doofen Tag, wo nix funktionieren will. Vor allem in Deiner Therapiezeit, unter so harten Medikamenten, waren viele viele durchwachsene Tage dabei, die an Deinen und meinen Nerven zerrten.

Auch Dein kleiner Bruder hat solche Tage. Zur Zeit mal wieder mehr. Vermutlich entwickelt er sich weiter. Das sehe ich daran, was er nun alles neu kann. Wo er immer mehr versteht und direkter kommuniziert. Das alles bewegt diesen kleinen Menschen und macht unsicher. Er ist oft überfordert mit den ganzen Eindrücken und braucht die Regulation durch mich und seinen Papa. Und wenn ich dann diese Wut, die Trauer, den Schmerz, die da so durch seinen Körper fließt, einfach nur mit trage. Ohne viel zu sagen oder zu tun. Und er sich mit einmal beruhigt.. weil er alles rauslassen durfte. Dann bin ich froh und stolz. Wenn auch erschöpft. Da es viel von mir abverlangt. Denn es sind nicht meine Emotionen – das muss ich mir Hochsensibelchen in solchen Momenten immer wieder sagen.

Und dann ist wieder alles gut. Und wir laufen durch die Wohnung. Dein kleiner Bruder hat den Staubsauger für sich entdeckt. Du mochtest ihn auch gerne. Hast Dir sogar zum 3.Geburtstag ganz bewusst selbst einen gewünscht. Da denke ich kurz daran. Und wie Dein Bruder so mit dem großen Staubsaugerschlauch loszieht, ich mit dem schweren Teil hinterherlaufe.. da sehe ich Dich wieder. Wie Du auf der Kinderstation mit dem Puppenwagen über den Flur eilst. Ich hinterher, mit Deinen Infusionsständer im Schlepptau.

Dann werde ich traurig. Wehmütig. Du fehlst. Wie schön wäre es, Dich hier zu haben. Dich mit Deinem Bruder spielen zu sehen. Du hättest Dich sicher toll um ihn gekümmert. Doch ich bin auch dankbar. Dass ich diese Zeit mit Dir hatte. Die sich irgendwie, in anderer Form, wiederholt. Die mich zwar fordert und an mir zweifeln lässt – Tag und Nacht. Doch die mich auch erfüllt und glücklich macht. Denn sie ist kostbar. So so kostbar. Und kommt nicht wieder. Das weiß ich, dank Dir, noch mehr.

Dann sind die Unordnung und die zauseligen Haare auch nicht mehr wichtig.

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