Schritt nach vorn und wieder zurück

Es geht immer vor und zurück. Ständig. Manchmal bin ich müde von dieser Arbeit an mir. Mein Inneres aufzuräumen ist so mühselig. Ja, ich habe dank der gemeinsamen Arbeit mit meiner Therapeutin schon so viele Dinge erkannt und benennen können. Verhaltens- und Denkweisen von mir, die immer und immer wieder auftreten und die ich seit so vielen Jahren nicht gelöst bekomme. Denn das möchte ich – sie auflösen. Diese Programme, die da abgespeichert wurden. Die mein bisheriges Leben bestimmt haben. Die immer und immer wieder abgespielt wurden und letztlich zu nichts führten – außer Kummer. Selbstgemachtes Leid. So gern ich selbstgemacht liebe – vor allem beim Essen – kann ich in dieser Hinsicht aber gern darauf verzichten. Denn am Ende ist nur einer dafür verantwortlich, dieses Leid zu beenden: Und das bin ich. Und genau an diesem Punkt ist es oft so schwer.

Denn es ist doch so viel einfacher jemandem anderes die Verantwortung zu übertragen. Mach mich glücklich – wie schön das wäre. Natürlich machen mich Dinge von außen glücklich. Was bin ich dankbar für mein jetziges Leben. Jeden Tag halte ich mir vor Augen, wofür ich dankbar bin. Jeden Tag also Thanksgiving in meinem Kopf. Ich habe einen wunderbaren Mann an meiner Seite, der mich mit meinem schweren Päckchen und meinem ganzen Sein angenommen hat und den Rest seines Lebens mit mir verbringen möchte. Wir haben diesem wundervollen Kind das Leben schenken dürfen und es erfüllt uns mit so viel Leben zugleich. Wir leben nun in einem schönen Umfeld in einer tollen Wohnung. Wir haben Essen auf dem Tisch. Kleidung. Ein Dach über dem Kopf. Und all die Dinge, die unser Zuhause füllen, sind nicht selbstverständlich. Ich sehe das. Jeden Tag. Und bin dankbar. Unendlich.

Denn ich kenne schwere Zeiten. Wo das alles nicht selbstverständlich war. Zeiten, in denen ich mir so ein Leben gewünscht habe. Wieder Mutter sein zu dürfen. Einen Mann an meiner Seite haben zu dürfen, der für uns sorgt und das gerne. Dieses Glück haben zu dürfen, daheim zu sein und sich um Haushalt und Kind kümmern zu dürfen. Ohne den Druck, wieder zu einer von drei Schichten zu müssen. Ohne den Druck, jeden Cent zwei Mal umzudrehen. Es geht mir gut. Es geht uns gut. Auch in der derzeitigen Lage. Das müssen wir uns immer wieder sagen.

Doch natürlich drückt diese Zeit in unserem Land auch auf unsere Stimmung. Manchmal geht die Leichtigkeit verloren bei all den teilweise verwirrenden Nachrichten und Maßnahmen, bei denen wir nicht mehr genau wissen, wie wir uns verhalten sollen. Ob alles so wahr ist, fragen wir uns. Letztlich müssen wir das Beste daraus machen. Gemeinsam, als Paar, als Familie. Zusammenhalten und uns nicht verlieren – sonst ist alles verloren.

Und genau an dieser Stelle bewege ich mich in meinen vielen kleinen Fortschritten während meiner inneren Arbeit wieder ein Stück zurück. Verlustangst. Großes Thema bei mir. Heute wurde es mir wieder bewusst. Als mein Herzmensch mir ein paar Worte sagte, die mich erschütterten und wachrüttelten. Mir wurde wieder klar, wie sehr ich, nach all diesen Verlusten in meinem Leben, von Angst durchzogen bin. Sie sitzt mir nicht einfach nur auf der Schulter und flüstert mir ins Ohr. Nein.. den abschütteln kann ich sie nicht. Sie sitzt an manchen Tagen -gefühlt- in jeder Zelle meines Körpers. „Jede Zelle meines Körpers ist ängstlich“ .. könnte ich wohl so singen.

Ich habe Angst, diese ganzen guten Dinge in meinem Leben wieder zu verlieren. Ich habe oft solche Angst, dass sie mich zwischenzeitlich daran hindert, das ganze Glück doch einfach zu genießen. Ich lenke meinen Blick auf das mögliche Verderben, das sehr wahrscheinlich nicht eintreten wird, wenn ich mich der guten Hoffnung hingebe. Das Doofe: Ich erkenne diese Krux und schaffe es noch nicht, die Kurve der Angst zu umfahren. Ich lasse dieses Programm einfach ablaufen. Weil ich es gewohnt bin. Doch immer mehr erkenne ich, wie sehr es mich herunterzieht und es am Ende nichts bringt – außer eben Kummer, Schmerz und Tränen.

Ja, Gewohnheit ist schon manchmal gefährlich. Das merke ich Hinblick auf diese Programme nun deutlich. Ich möchte diese Gewohnheit durchbrechen. Denn sie steht meinem Glück, dem Genießen vom Hier und Jetzt, absolut im Wege. Meine Verlustangst werde ich nicht los – da bin ich realistisch. Sie gehört zu mir, wie meine Feinfühligkeit und mein Humor. Doch ich möchte ihr nicht mehr so eine laute Stimme geben. Ich möchte sie anhören und auf sie eingehen. Ihr einen Platz anbieten. Denn sie hat ja ihre Daseinsberechtigung nach all meinen Verlusten. Doch sie wird nicht die Oberhand im Gespräch bekommen und mir meine Standpunkte madig reden. Sie darf mich nicht mehr verunsichern. Puhh.. da liegt noch viel Arbeit vor mir.

Doch wenn ich eine Sache wieder einmal begreifen lerne durch dieses kleine Menschenkind: Egal, wie oft ich hinfalle, ich stehe immer wieder auf. Ich werde es immer weiter versuchen. Denn auf dem Weg liegt noch so viel verborgen, was es zu entdecken gilt. Und das sind ganz sicher sehr viele schöne, abenteuerliche und wunderbare Dinge, die ich trotz der Steine, über die ich stolpern werde, genießen möchte.

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