Für mein Leben hatte ich mal eine ganz klare Vorstellung (in meiner jugendlichen Naivität): Ich studiere Medizin, erreiche mein Berufsziel der Rechtsmedizin, habe einen tollen Partner an meiner Seite, der humorvoll, hilfsbereit und liebevoll ist, mit dem ich mit genau 26 mein erstes Kind haben werde. Egal, mit welchen Mädels ich damals gesprochen habe.. 26 ist so das Alter gewesen, das sich alle für ihr erstes Kind gewünscht haben. Fand ich schon sehr spannend. Dazu wünschte ich mir natürlich ein Haus mit schönem Garten, einem Hobbyraum, in dem ich meiner Malerei und Musik nachgehen könnte. Hach ja. Ich würde immer frisch und gesund kochen mit selbst angebauten Lebensmitteln. Würde den Haushalt neben all der Arbeit und den Kindern locker flockig bewerkstelligen. Meine Haare säßen Drei-Wetter-Taft-mäßig immer super, egal bei welchem Wetter. Ach ja.. und Sport. Natürlich, den würde ich ganz sicher auch noch mit einbauen. Neben all der ehrenamtlichen Arbeit, die mich zusätzlich persönlich so erfüllen würde. Hab ich was vergessen? Ach ja: Alle haben sich selbstverständlich immer lieb und sind immer gut gelaunt.
So.. dann schalte ich mal die Rama-Werbung aus im Kopf und komme wieder in mein erwachsenes Gehirn. Hallo Realität.
Nun denn. Es kam ja eben doch alles anders. Kaum die Ausbildung beendet, kuschelte sich unerwartet mein erster Sohn bei mir ein. Mit 22 Jahren. Ich fühlte mich damals bereit dazu, hoffte darauf, dass wir das als Paar total gut meistern würden. Dass mein Partner ein fürsorglicher und liebevoller Papa werden würde, obwohl er so war, wie er war. Rückblickend hatte auch er mit seinen kindlichen Programmen zu tun. Ich hatte die Vorstellung, dass unser Sohn in den Kindergarten und ich wieder arbeiten gehen würde, damit mein Partner sein Studium beenden könnte. Danach würde ich Medizin studieren. Wird schon alles machbar sein mit Kind. Pustekuchen. Was war ich blauäugig, was war ich unerfahren, was war ich jung. Die meiste Betreuung des Kindes lag in meiner Verantwortung, wie auch die Care-Arbeit daheim. Gnadenloser Selbstanspruch, alles perfekt unter einen Hut zu bringen und auf die Reihe zu kriegen hat mich in permanente Erschöpfung befördert. Und dann wurde unser Sohn schwer krank. Der Funktionsmodus lief ohne Pause. Arbeiten gehen? Studieren? Kindergarten? Alles in ganz weiter Ferne. Das Leben hat mir deutlich gezeigt, dass ich meine Pläne nochmal durchdenken darf. Letztlich habe ich mich von der Vorstellung, irgendwann einmal als Rechtsmedizinerin arbeiten zu können, verabschiedet. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, würde mein Sohn geheilt und am Leben bleiben. Ich hätte es nicht geschafft, auf so vielen Ebenen. War ich vor meinem Sohn und seiner Erkrankung schon tiefgründig und in Gedanken verloren.. so hatte ich seither das Gefühl, noch mehr Tiefe in meinem Leben zu erkennen. Den eigentlich Sinn meines Lebens immer deutlicher vor Augen zu haben.
Auch nach dem Tod meines Sohnes hatte ich die Vorstellung, wir würden als Paar diesen Verlust gemeinsam schaffen. Unsere Zukunft familiär und beruflich noch einmal neu strukturieren. Trotz der tiefen Trauer und der damit verbunden Sinnlosigkeit meines Daseins, die in dieser Zeit oft über mir hereinbrach. Tja.. die Realität sah dann wieder anders aus. Ich entfernte mich immer mehr von meinem Partner bis hin zur Trennung. Schmerzhaft, aber befreiend. Wollte ich zwar unbedingt alles behalten, was nach dem Tod meines Sohnes noch da war (Hallo Verlustangst!), konnte ich dieses andere Gefühl kaum unterdrücken: Ich muss weg. Ich muss für mich sein. Ich muss mich neu finden. Ich brauche etwas Positives in meinem Leben.
Meine Arbeitsstelle gab mir wieder Selbstbewusstsein und Antrieb. Meine eigene Wohnung war nach jahrelanger, nie dagewesener Privatsphäre, eine Freiheit, die ich kaum beschreiben konnte. Ich blühte wieder auf und nahm am Leben teil. Etwas, das ich mir unmittelbar nach dem Tod meines Sohnes nur schwer vorstellen konnte, wenn auch die Hoffnung dafür präsent war. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dieses Leben so erst einmal eine ganze Weile zu leben.
Dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Ganz unverhofft und ohne zu suchen, war er einfach da. Das Leben hat mir diesen Menschen geschenkt. Um mit und an ihm zu wachsen. Ich durfte mich fallen lassen, wie noch nie zuvor. Und während ich das Gefühl hatte, alles wird endlich richtig gut, brach noch einmal die Trauer über mich herein. Und das immer und immer wieder. Er trug alles mit, bedingungslos und einfühlsam. Er blieb. Nahm mich zu seiner Frau. Nahm mich mit allem an, was ich mitbrachte. Für mich kaum vorstellbar, dass mich jemand so bedingungslos lieben könnte. Doch tat ich es gleich.
Meine damalige und heutige Vorstellung von Ehe wurde durch die Beziehung meiner Eltern geprägt. Das weiß ich heute, dank meiner Therapie. Es hat sich ein Rollenbild in mir entwickelt, dass ich nicht leben kann und möchte. Ich spüre, dass ich eine andere Vorstellung von Ehe und Familie habe. Und doch handele ich oft nach dem alten Muster. Denke, alle Verantwortung obliegt mir. Dabei möchte ich im tiefsten Herzen, dass es „gerecht“ verteilt ist. Dass jeder seinen Anteil einbringt. Und da macht es mir mein Mann so einfach. Denn er bringt sich ein, als Mann, als Vater. Ganz selbstverständlich, weil er es anders vorgelebt bekam und sich ein anderes Bild entwickelt hat. Eines, das mit meiner Vorstellung übereinstimmt. Sicher, läuft es nicht immer rund. Doch wir arbeiten daran. Besonders ich, mit meinen ganzen Gedanken und vor allem Ängsten (Hallo Verlustangst!).
Im Familienalltag hatte ich, nach all den Erfahrungen meines bisherigen Lebens, die Vorstellung, ich könnte die Verantwortung immer mehr aufteilen. Sicher, es geht auch an vielen Stellen. Doch nicht ganz in Bezug auf unser Minimenschlein. Er ist high need.. das lässt sich nicht leugnen. Er braucht mich so viel, so sehr.. dass an manchen Tag -gefühlt- nichts mehr von mir übrig bleibt. Es ist okay für mich. Es ist anstrengend. Manchmal kann ich nicht mehr. Und doch mache ich immer weiter. Ganz selbstverständlich. Denn diese unendliche Liebe zu diesem Minimenschen ist der größte Antrieb. Schon Wahnsinn. Ich hatte die vorsichtige Vorstellung, neben meinem Kind und Haushalt ein Fernstudium zu bestreiten. Gesund kochen. Alles ordentlich halten. Und das ganze Gedöns. Ja.. klappt halt wieder nicht. Finde ich das schlimm? An manchen Tagen schon. Bekommen es andere doch locker hin. Glaube ich. Eigentlich auch egal. Sie haben andere Kinder. Andere Konstitutionen. Ich mache es so gut, wie ich kann. Und was ich liegen lasse, wartet eben auf mich. Mein Kind wartet nicht. Es braucht mich jetzt. Ich versuche mich damit zu arrangieren, auch wenn es mir oft noch schwer fällt. Ich versuche mir immer wieder aufzuzeigen, was ich alles am Tag schaffe mit meinem High-need-Mäuschen. Und das ist eine ganze Menge.
Die Vorstellung für einen Tag sieht letztlich auch anders aus, als das, was wirklich passiert. Ich komme also von der Vorstellung für großzügige Zeiträume immer mehr im Kleinen, im Jetzt an. Denn so weit voraus kann ich tatsächlich nicht planen. Ist doch ganz gut so.
Danke Leben. Danke Realität.
