
Himmelfahrt. Das Wetter ist wundervoll. Die Sonne lässt alles im frühsommerlichen Licht erstrahlen, das Grün der Natur springt einem nur so ins Auge. Ich lüfte die Wohnung und atme die angenehme Luft des Morgens ein.
Gerne würde ich heute einen ausgiebigen Spaziergang mit dem Mini-Menschlein machen. Immer, wenn das Wetter sich so präsentiert, möchte ich raus aus unserer Familienhöhle. Das schlechte Gewissen nagt ein wenig an mir – eine große Runde wird es wohl nicht. Vielleicht nur ein wenig auf die Terrasse, Sonne tanken.
Denn ich befinde mich in einem Wochenbett. Nach einer kleinen Geburt gestern. Der GEBURTstag unseres Minimenschleins jährt sich in ein paar Tagen zum ersten Mal. Eine Geburt, die uns dieses zauberhafte Menschenkind schenkte. Doch dieses Mal ging aus der Geburt leider kein Kind hervor. Ein komisches Gefühl.
Ich hatte mir nach meinem Arztbesuch vorgenommen, meinem Körper Zeit zu geben, diese Schwangerschaft selbst zu beenden und gehen zu lassen. Glücklicherweise hat sich drei Tage nach dem Kontrolltermin bereits gezeigt, dass mein Körper verstanden hat, dass dort kein Leben mehr in mir heranwachsen darf und bereitete allmählich den Weg vor.
Vorgestern Nacht wachte ich auf und spürte dieses starke Ziehen. Die Gebärmutter arbeitet nachts am aktivsten – hörte ich meine Hebamme wieder sagen, die mir im letzten Jahr vor der Geburt noch nützliches Wissen vermittelte. Auf dem Weg ins Bad bemerkte ich direkt, dass sich dort enorme Mengen bewegten und ich konnte sie nicht aufhalten. Ich verlor Blut und Gewebe auf meinem Weg – es war unfassbar. Ziemlich schnell entwickelten sich wehenartige Schmerzen – es ist nun also soweit, dachte ich.
Mein Herzmensch befand sich im Nachtdienst. Unser Kindchen schlief gerade glücklicherweise ruhig. Eine ganze Weile verbrachte ich damit, meinen Körper bei dieser Geburt zu unterstützen. Musste noch einiges reinigen. Ich legte mich wieder zu Bett und konnte noch etwas weiterschlafen.
Am frühen Morgen, noch bevor mein Herzmensch nach Hause kam, spürte ich die nächsten Wehen. Diese hatten es in sich. Ohne Pause verkrampfte mein Unterleib und ich war intensiv damit beschäftigt, diese Wehen zu veratmen. Hoffentlich wird das kleine Menschlein jetzt nicht wach, bevor sein Papa kommt. Krampflösende Schmerzmittel sollten mir irgendwann Erleichterung bringen – meine Gynäkologin hatte mir das noch einmal empfohlen. Doch bis diese Wirkung eintrat, war ich so sehr in dieser schmerzhaften kleinen Geburt gefangen. Doch ich wusste: Es würde bald vorüber sein. Ich habe die wunderbare Möglichkeit, meinem Körper vertrauensvoll diese Aufgabe zu überlassen – hatte er es doch im letzten Jahr auch so toll gemeistert.
Der hohe Blutverlust ließ meine Kreislauf etwas schwächeln und ich nahm das Telefon in jedem Raum mit. Das kleine Menschlein wurde natürlich vor Ankunft des Papas wach und wurde unter Tönen meinerseits morgendlich halbwegs versorgt. Er amüsierte sich ein wenig über die Geräusche, die da aus mir herauskamen und imitierte sie sogar ein wenig. Das wiederum amüsierte mich sehr. Du kleiner Mensch hast einfach noch keine Vorstellung, was hier gerade passiert. Gut so.
Ich begann zwischendurch großen Respekt zu entwickeln, ob ich mir zu viel zugemutet habe mit dieser kleinen Geburt. So viel Blut verlor ich. Eine Periode war ein Witz dagegen.
Doch irgendwann, nach drei Stunden in der Früh, kehrte langsam Ruhe in meinem Körper ein. Die Wehen waren erst einmal vorüber. Die Blutung überschaubarer. Ich hatte das Gefühl, das Gröbste überstanden zu haben. Der Herzmensch konnte sich endlich zur Ruhe begeben, nachdem er so tapfer für mich und seinen Sohn wach geblieben war.
Was für ein Morgen. Die morgendliche Routine, ja sogar die gesamte Routine für diesen Tag, war völlig hinfällig. Und das war absolut in Ordnung. Denn eine Geburt ist eine außergewöhnliche Situation – im Großen und im Kleinen.
Ich spürte eine große Erleichterung. So schmerzvoll es auch war und so sehr ich zwischendurch verstehen konnte, dass sich viele Frauen wohl für einen Eingriff entscheiden würden – es tat meiner Seele sehr gut. Mein Körper ist in der Lage, dies selbst zu regeln. Was für ein kraftvolles Wunderwerk. Ich bin froh und dankbar, dass ich nun nicht mehrere Wochen darauf warten musste. Jetzt hoffe ich, dass sich alles irgendwann beruhigt, dass die nächste Blutkontrolle das entsprechende Ergebnis bringt. Was für ein schmerzhaftes, emotionales, aber dennoch befreiendes Ereignis.
