Ich sehe zwei abenteuerlustige Jungen mit dem Fahrrad auf dem Feldweg entlang fahren – und frage mich, was ihre Mütter wohl zu ihnen sagten, als sie das Haus verließen.
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Ich sehe ein jugendliches Mädchen auf der Landstraße joggen – und frage mich, ob ihre Eltern sich dies für sie vorstellten oder sie ihren eigenen Kopf hat.
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Ich sehe eine Mutter, vermutlich in meinem Alter, mit zwei Kleinkind-Jungs und ihrem Hund spazieren gehen – und frage mich, wie sie diesen sichtbar kurzen Altersabstand und ihren Alltag gemeistert bekommt.
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Ich sehe eine Lebensmittelladen-Besitzerin, die ihren Traum, mit zwei kleinen Kindern daheim, verwirklicht hat – und frage mich, wie wohl der Alltag in dieser Familie aussieht, wenn sie im Laden steht.
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Ich sehe eine große Schwester, die ihren kleinen Bruder im Kinderwagen vor sich herschiebt – und frage mich, mit welchem Auftrag ihre Eltern die beiden losgeschickt haben.
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Ich sehe Kinder, in verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen. Ich sehe verschiedenste Familienkonstellationen für kleine Momente. Ich sehe nur einen klitzekleinen Ausschnitt aus ihrem Alltag. Ich kann mir kein komplettes Bild machen. Und dennoch frage ich mich solche Dinge oft. Wie es wohl daheim bei vielen läuft. Ich sehe Familien mit mehreren Kindern, ich sehe Geschwister – und ich fühle mich zerrissen.

Meine anhaltende Erschöpfung füttert meine innere Zerrissenheit. Hochsensible Mama. Und offenbar ein sehr sensibles Kind – high need. Diese Konstellation. Mit einem Papa im täglich wechselnden Dreischichtsystem. Ohne das Dorf um uns herum. An manchen Tagen kann ich kaum klar denken. Doch denke ich weiter und mein Kopf gibt keine Ruhe. Er möchte sich ab und an mit etwas anderem beschäftigen, als 24/7 Kind. Doch dann kommt die nächste Zerrissenheit. Ich schaffe es schlichtweg nicht, mich auf etwas anderes so richtig zu konzentrieren. Ich warte darauf, dass mir Menschen eine kleine Nachricht schicken, ihr Interesse für unser Befinden bekunden. Ich warte auf Gespräche, die mich mal kurz aus diesem Alltag herausholen. Und dann spüre ich schnell – es ist mir zu viel. Zerrissen. Ich weiß nicht genau, was ich will. Ich bin erschöpft. Ich bräuchte mehr Auszeiten für mich, doch ist dies nur schwer umsetzbar. Wir wollen es versuchen, doch ist es von so vielen Faktoren abhängig. Und letztlich stelle ich mich hinten an. Damit mein Sohn zufrieden ist. Damit mein Mann nicht überlastet ist. Und meine Stimmung sinkt immer mehr in den Keller. Diese beeinflusst scheinbar sehr unser Familienleben, was mich zusätzlich unter Druck setzt.
Und dann denke ich an diese Menschen, die mir begegnen. An meine Freunde und Bekannte mit Kindern. Und ich frage mich, wie sie das alles hinbekommen. Frage mich, ob sie auch so überfordert sind an manchen Tagen. Frage mich, ob ich jemals in der Lage sein werde, noch ein weiteres Kind in unserer Familie begleiten zu können.
Doch es bringt mich nicht weiter. Denn der Vergleich mit anderen ist ein gefundenes Fressen für meinen inneren Kritiker. Der sagt mir dann nämlich mit erhobenem Zeigefinger, wo meine Defizite liegen. Der sagt mir völlig unverfroren, dass eigentlich nur ich das Problem bin. Zu sensibel. Zu wenig belastbar. Zu chaotisch. Zu irgendwas. Glaub ich dann natürlich alles, weil das ja nur richtig sein kann. Schließlich sehe ich ja deutlich, wo es mangelt.
Die Kraft aufzubringen, diesen lauten Kritiker über alle Berge zu verjagen, fehlt mir derzeit. Es ist für mich gefühlt ein riesiger Aufwand, die dunklen Wolken in meinem Kopf mit dem locker-leichten, positivbesetzten Wind zu vertreiben. So gebe ich mich an manchen Tagen diesen ganzen schlechten Gedanken über mich hin und es wird immer dunkler.
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Doch auch nach den dunkelsten Regentagen kommt irgendwann wieder Sonnenschein. Dann sehe ich es wieder. Ich sehe, wie gut ich versuche, mit all meinen ganzen Päckchen im Rucksack, dieses ausgesprochen sensible und bindungsbedürftige Kind bedürfnisorientiert durch den Alltag zu begleiten. Wie gut ich es manchmal alles unter einen Hut bekomme, obwohl mein Körper und mein Geist so unendlich müde sind. Wie gut ich es organisiert bekomme, mit einem Mann in einem so chaotischen Schichtdienst. Wie flexibel ich dennoch sein kann. Und vor allem: Wie gut ich es immer mehr hinbekomme, all meine Emotionen anzunehmen und zu leben.

Mich ganz anzunehmen, wie ich bin. Mit meiner Hochsensibilität, die mich tagelang über Dinge grübeln lässt, die mich alles ausgesprochen ernst nehmen lässt, die mir die schärfsten Sinne bereitet – was nicht immer einfach ist zu kompensieren. Mit meinem offenbar viel zu großen Herzen und dem Weltschmerz, der mich immer mal wieder einholt. Mit diesen ganzen vielen Gedanken, die ich mir immer wieder mache. Ich bin eben so. Doch muss ich schauen, dass ich mich damit nicht dauerhaft erschöpfe. Ich muss mehr für mich sorgen, das steht fest.
Denn diese vielen Gedanken, was die Zukunft bringen könnte. Ob und wie ich das alles schaffen kann.. das bringt mich momentan nicht weiter. Ich bewerte es aus meinem derzeitigen Befinden heraus – und das ist nicht dafür ausgelegt, sich noch mehr aufzubrummen.
Ich versuche, das Vertrauen wiederzufinden, dass alles so kommen wird, wie es kommen soll. Dass ich mich freimachen darf von Plänen und konkreten Vorstellungen. Alles ist im Fluss und verändert sich stetig. Die große Welt. Und auch unsere kleine Welt daheim. Dieser kleine Mensch rüttelt so viel in mir wach. Allem voran mein Bauchgefühl. Das ganz nah bei meinem Urvertrauen sitzt. Das scheint sehr angeknackst zu sein.. doch werde ich es irgendwie schon schaffen, ein bisschen frisches Vertrauen anzubauen.
