Dieser eine Tag

…vor genau fünf Jahren. Auch dort war es ein Montag. Ihm ging ein Wochenende voraus, an dem ich bemerkte, wie es Dir zunehmend schlechter ging.

Du hattest erst rund zwei Wochen zuvor Deinen letzten Krankenhausaufenthalt hinter Dich gebracht. Wir sind am Abend Deines 3.Geburtstag noch in die Klinik gefahren, da Du schon den ganzen Tag immer wieder gefiebert hast. Deine Party hast Du gut mitgemacht, obwohl Du angeschlagen warst. Das Fieber begann erst in der Nacht zu Deinem Geburtstag – wir hätten es nicht geschafft, den vielen Gästen rechtzeitig abzusagen. Du warst gut drauf und hast all Deine Geschenke mit Freude empfangen. Doch war ich immerzu dabei, Dich im Auge zu behalten. Wir fuhren also mit Dir am Abend in die Klinik und Du durftest das Zimmer für eine knappe Woche beziehen. Mit Antibiotika wurde direkt reagiert – bei Chemopatienten ist Fieber meist eine Reaktion auf eine Infektion, die sofort behandelt werden muss. Als sich noch Durchfall entwickelte und dieser positiv auf Clostridien getestet wurde, war die vermeintliche Erklärung für das Fieber gefunden. Doch die Stationsärztin war skeptisch – Clostridien brächen nur aus, wenn der Körper bereits durch eine andere Erkrankung geschwächt wäre. Wir vermuteten dabei Deinen zentralen Zugang, der eventuell infiziert sein könnte. Dieser sollte eh in die kommenden Wochen entfernt werden – so der Plan. Das Fieber ging runter, der Durchfall verschwand. Zu meinem 26.Geburtstag durften wir Dich wieder mit heim nehmen.

Doch an diesem besagten Wochenende. Da sah ich, wie es dir immer schlechter ging. Es war schwül-heißes Wetter und wir waren alle sehr träge. An diesem Sonntag hatte ich noch einen kurzen Ausflug vor mir: Probearbeit für meine geplante neue Arbeitsstelle. Denn alles stand in den Startlöchern: Dein Kindergartenplatz war gesichert – und Du hattest Dich schon so darauf gefreut. Ich wollte wieder einige Stunden arbeiten gehen, um unsere Familie zum Großteil finanziell zu tragen. Ich fuhr, mit komischem Gefühl über Dein Befinden, zu diesem Termin. Zwei Stunden war ich dort, um mir einen Einblick zu verschaffen. Als ich wieder nach Hause kam, sah ich deutlich, wie schlecht es Dir ging. Du hast schwer geatmet, wolltest nicht von meinem Schoß herunter und hattest kaum Kraft. Ich rief auf der Kinderstation an, schilderte Dein Befinden und wir durften umgehend mit Dir kommen.

Ich hatte bereits ein Gefühl, dass es nichts einfaches sein würde. Als Du vom Oberarzt abgehorcht wurdest, fiel ihm direkt auf, dass eine Deiner Lungen schlecht belüftet war. Er veranlasste sofort ein Röntgentermin. Ausnahmsweise durfte Dein Vater Dich bei der Behandlung unterstützen, da ich im Laufe Deiner Therapie bereits vielen Strahlungen ausgesetzt war. Ich stand also im Nebenraum und konnte sofort die Bilder Deiner Lunge sehen: Über die Hälfte Deines rechten Lungenflügels war schwarz. Ich wusste sofort: Du hast Flüssigkeit in der Lunge. Pleuraerguss. Der Oberarzt bestätigte dies kurze Zeit später. Wir werden heute noch punktieren. Wenn es Eiter ist, ist es gut. Wenn es Blut ist, dann ist das schlecht.

Es ging alles so rasant an diesem Sonntagnachmittag. Ich war erstaunt und so dankbar. Viele viele Wochenenden haben wir dort verbracht und manchmal fiel es schwer, die zähen Tage, an denen nicht viel passierte, herumzubekommen. Aber an diesem Sonntag ging alles Schlag auf Schlag. Ich war dem Oberarzt einfach nur dankbar, dass er Deinen Zustand so ernst nahm.

Die Punktion hast Du so tapfer gemeistert. Wieviel Erfahrung Du einfach schon mit diesen ganzen Nadeln sammeln musstest.. keine schöne Normalität für ein kleines Kind. Doch für Dich, für uns, war es das. Du hast Dich an mich gekuschelt, als der Oberarzt vorsichtig Deine Lunge punktierte. Und schon sahen wir es im Zylinder der Spritze: Blut. Nicht gut. Gar nicht gut.

Der Oberarzt sagte uns später noch, dass am nächsten Tag ein CT veranlasst wurde. Es fände direkt am Vormittag statt.

Ich kam wieder sehr früh in die Klinik. Du hattest eine recht gute Nacht mithilfe von Schmerzmitteln. Ich war so froh, dass Du die Nächte, nach einer gewissen Zeit der Therapie, allein auf Station ohne mich schaffen konntest. So ging ich heim, wenn Du eingeschlafen warst und kam am nächsten Morgen ausgeschlafen auf Station und war immer da, wenn du wieder aufwachtest. Dein Vater kam an diesem Morgen etwas später hinterher. Nach dem Frühstück ging es direkt zum CT. Auch dort hast Du gezeigt, wie routiniert und tapfer du mittlerweile diese Untersuchungen über Dich ergehen ließt. Allein lagst Du auf dieser großen Liege und ich wartete mit Deinem Eisbären vor der Tür. Ein großes Lob bekamst Du von den Mitarbeitern, weil Du so toll stillgehalten hast. Wir sollten noch einen Moment mit Dir dort warten, bis wir die Unterlagen mitbekämen.

Wir saßen also da. Inmitten von vielen anderen Patienten, die auf ihre Untersuchung warteten. Du kuscheltest Dich an mich und ich roch an Deinem Haar. Das weiche Haar, das nach einem halben Jahr schon wieder so schön nachgewachsen war. Ich sah die Chefärztin der Röntgenabteilung zum CT gehen. Sie ging in den Raum, in dem Du kurz zuvor warst.

Dann kam eine Situation, die ich wohl niemals vergessen werde: Sie kam mir ihrer Assistentin wieder heraus, ging wieder an uns vorbei und grüßte mich kopfnickend. Mit besorgtem Gesicht. Dort ahnte ich schlimmes.

Einige Stunden vergingen seit der Untersuchung. Wir warteten schon ungeduldig auf die Ergebnisse. Du hast nach dem Mittagessen noch ein Schläfchen gemacht. Gegen 14Uhr war immer die Dienstübergabe der Ärzte. Danach würde wohl jemand zu uns kommen, so meine Vermutung. Gegen halb vier kam der Oberarzt zu uns ins Zimmer. Er war immer ruhig und besonnen – dafür bewunderte ich ihn vom ersten Tag an. Doch da.. da spürte ich die Schwere, die er mit in den Raum brachte. Einen Moment stand er da, angelehnt an den Waschtisch, schaute zu Dir. Dann begann er zu sprechen: Ja, also der Tumor ist wieder da. …. Pause. …. Er ist enorm gewachsen. Durch das Zwerchfell, in den Brustraum hinein. Er hat offenbar die Pleura mit durchstoßen – daher das Blut. … Pause. … Auf dem Ultraschall vor zwei Wochen konnte ich davon nichts sehen, aber vermutlich war er dort schon wieder da.

Stille. Du hast gerade nebenbei gespielt – glaube ich. Ich weiß es nicht mehr genau, da plötzlich alles um mich herum verschwamm. Ich spürte die Schwere in meiner Brust. Für einen Moment konnte ich nichts sagen. Dann schluckte ich und fragte, halb naiv, halb hoffnungsvoll, mit der eigentlichen Gewissheit, was dies nun für Dich bedeuten würde. Ich wusste es im Grunde, doch hätte ich es mir anders gewünscht.

Nun ja. Wir haben alles gegen diesen Tumor eingesetzt, was nach heutigem Stand machbar ist. … Und das hat offensichtlich nicht dazu geführt, diesen Tumor zu beseitigen. …. Er wird voraussichtlich diese Therapie körperlich nicht nochmal schaffen. … Wir haben keine Möglichkeiten mehr, ihn zu heilen.

Mir schossen Tränen in die Augen. Die Gewissheit, dass Du diesen langen Kampf verloren hattest.. die Gewissheit, Du würdest nun sterben.. brach über mich hinein.

Dein Vater fragte noch, wie lange Du noch leben würdest. Der Oberarzt konnte keine genaue Angabe dazu machen, außer die vage Vermutung, dass es noch ein paar Wochen sein könnten, bei dem rasanten Wachstum dieses Tumors.

Ich sah Dich an. So klein. So unschuldig. So zart. So niedlich und liebenswert. Das konnte alles nicht wahr sein! Warum musst ausgerechnet Du diese Bürde tragen? Warum konnte ich sie Dir nicht abnehmen? Lieber wäre ich gegangen, damit Du leben darfst. Du saßt dort, ganz lebendig, nichtsahnend (oder vielleicht doch?).. dieser kleine lebende Körper, diese kleine Seele, sollte bald nicht mehr da sein? Ich verlor das Gefühl für Zeit und Raum.

Die kommenden Tage auf Station waren schwer. Ich konnte kaum schlafen, weil ich Angst hatte, der Anruf von Station würde kommen. Ich hatte keinerlei Gefühl dafür, wie lange wir Dich noch in unserer Mitte haben würden. Sehr früh waren wir immer da, bevor du aufgewacht bist. Sonst kam ich all die Monate allein so früh zu Dir – nun stand auch Dein Vater so früh mit auf. Dir ging es insgesamt in den nächsten Tagen besser, hattest Kraft schöpfen können. Und einfach nur Wahnsinn, wie Du Dich mit all diesen Beschwerden in Deinem Körper arrangiert hattest. Immer wieder schossen mir die Tränen in die Augen, weil ich einfach nicht fassen könnte, dass Dein kleiner, warmer, weicher Körper irgendwann erkalten würde. Dass ich Dich nicht mehr so nah an mir dran haben könnte. Dich nicht mehr lachen, nicht mehr sprechen, nicht mehr aufwachsen sehen würde..

Die Ärzte boten noch eine Option an, um eventuell Dein Leben zu verlängern. Antikörper Therapie. Experimentell. Über 500km weit weg. Die Klinik hätte uns aufgenommen. Doch wir wollten das nicht. In Deinem Zustand so weit zu fahren. Die ganze Zeit in einer weit entfernten Klinik zu bleiben.. um vielleicht noch etwas Lebenszeit herauszubekommen. Nein, das war keine Option mehr für uns. Du solltest die letzte Zeit so verbringen, wie Du sie Dir vorstellst. Frei von Klinikumgebung. Daheim, im gewohnten Umfeld, mit allem was Dir lieb war. Denn du hattest so viel Zeit in Kliniken verbracht, das sollte Dir nun noch erspart bleiben.

Der Oberarzt vermittelte uns an die ambulante Palliativpflege, in der er selbst tätig war. Einmal die Woche kamen sie zur Visite zu uns nach Hause, versorgten Deinen Zugang und stellten Rezepte aus. Es lief reibungslos und wir fühlten uns gut unterstützt.

Dieser Sommer vor fünf Jahren war so unsagbar heiß. Tagsüber blieben wir überwiegend in der abgedunkelten Wohnung, trauten uns nur bei halbwegs milden Temperaturen oder abends mit Dir heraus. Unsere Routine, unser Alltag – wir ließen alles irgendwie schleifen und gestalteten es uns locker.

Denn nur eins war wichtig: Dass du glücklich sein durftest. Dass es Dir an nichts fehlte. Dass du geborgen warst. Bis zu Deinem letzten Atemzug.

Seitdem stehe ich diesen heißen Sommertagen noch kritischer gegenüber. Diese warme Luft.. der Geruch von heißen Fassaden und Straßen.. es versetzt mich immer noch ab und an in diese Zeit vor fünf Jahren. In die Zeit des für mich schlimmsten Sommers in meinem bisherigen Leben. Denn dort ging Deine Sonne unter. Und mit ihr wohl auch ein Stück Licht in meinem Herzen.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.