
Ich stehe am Fenster und blicke hinaus auf das Feld gegenüber. In der Ferne sehe ich bereits dunkle Wolken aufziehen. Der Baum am Rand des Feldes bewegt sich hektisch mit dem aufkommenden Wind. Die langen Gräser des Feldes tanzen im rhythmischen Durcheinander. Ich höre, wie die Kraft des Windes gegen die Scheiben drückt, wie die Rahmen beginnen zu knacken. Irgendwo in der Wohnung ist ein Fenster leicht geöffnet und ich lausche den Windgeräuschen, die durch den Spalt ihren Weg in die Räume suchen.
Ich liebe das. Drinnen, in Sicherheit, in der Wärme zu stehen, während draußen ein Sturm aufzieht. Ich kann minütlich sehen, wie sich die Regenwolken nähern und langsam über dem Feld ergießen, bis sie letztlich an meine Scheiben klopfen. Diese düstere Stimmung, mitten am Tag. Dieses Wechselspiel zwischen Helligkeit und Dunkelheit. Dieses Wissen, dass nach einer dicken Regenfront irgendwo wieder Sonnenschein wartet. So etwas zu beobachten ist einfach. So etwas zu fühlen hingegen eher schwer.

Auch in mir waren in letzter Zeit einige Stürme unterwegs. Seit der Fehlgeburt vor einigen Wochen, die körperlich noch nicht komplett abgeschlossen ist, ist auch in mir wieder einiges geboren wurden. Allem voran: Erkenntnis. Schon nach meiner ersten Fehlgeburt ist so viel frei geworden, was ich glaubte, bereits verarbeitet zu haben. Auch dieses Mal sehe ich wieder einmal, dass solch ein trauriges Erlebnis gleichzeitig etwas Gutes mit sich bringt. Das Gute folgt zwar erst nach einer gewissen Zeit des Schmerzes – doch manchmal muss ich offenbar nochmal so richtig durch ein dunkles Tal wandern.
Mit jeder Geburt eines Kindes wird auch die Mutter (neu) geboren. So oder so ähnlich. Auch wenn aus dieser Schwangerschaft kein Kind hervorging – dennoch ist etwas in mir geboren. Schon mit meinem ersten Sohn hat sich vieles in mir verändert. Mit der Schwangerschaft meines zweiten Sohnes entwickelte ich noch einmal andere Sichtweisen, als damals bei meinem ersten Sohn, die letztlich nun im Alltag mit dem kleinen Minimenschlein Früchte tragen. Einen anderen Weg in der Begleitung dieses kleinen Menschleins zu gehen, als ich es selbst erfuhr, als es der Großteil der Gesellschaft macht.. damit habe ich mir einen herausfordernden, spannenden, aber auch so bereichernden Weg ausgesucht. Mein Bauchgefühl, meine Intuition leiten mich – ich verlasse mich immer mehr darauf, als auf all die gut gemeinten Ratgeber. Hier und da schnappe ich ein paar nette Impulse auf, mit denen ich mich identifizieren kann. Doch sträubt sich schon beim ersten Eindruck etwas in mir, lasse ich es vorerst sein. Denn mein Energielevel, meine Belastbarkeit muss gegeben sein, um neue Wege zu beschreiten. Und das hält sich ja momentan gerade so über Wasser. Ich muss mir meine Kräfte gut einteilen – was noch nicht immer so gut gelingt.
Doch die Erkenntnis ist nun so richtig richtig richtig geboren in mir: Ich bin wichtig. Mit meinen Bedürfnissen, Wünschen, Werten und Ansichten. Ich muss mich nicht ständig hinten anstellen. Ich darf für mein Wohlbefinden einstehen – egal, wie es aussehen mag. Ich darf mir Raum für mich einfordern. Und somit lerne ich -gefühlt im Schnellverfahren- gerade, wo ich mir im Familienalltag Raum für mich schaffen kann. Klar, mein altes Paar Schuhe mit den emphatischen Sohlen und den rücksichtsvollen Schnürsenkeln, die ich jahrelang für andere heruntergelatscht habe, sind verlockend und wer trägt nicht lieber die gewohnten und eingetragenen Schuhe? Die neuen Schuhe drücken hier und da noch etwas: Ich merke, dass ich zunehmend ungeduldiger werde? Schneller wütend? Schneller genervt bin und meinen verständnisvollen Blick für meine Familie verliere? Dann bin ich wohl im Defizit. Dann muss ich mal wieder mehr für mich sorgen. Kleine Freiräume, schonend für alle Beteiligten, fordere ich mir nun immer mehr ein. Und ich spüre direkt, wie sich meine Akkus etwas aufladen. Die volle Leistung erreiche ich noch nicht – aber das ist okay und momentan auch noch unrealistisch. Gewisse Grundbedürfnisse sind eben im Mangel und werden es wohl noch ein Weilchen bleiben. Allem voran der nächtliche Schlaf. Doch hier und da kann ich mich aus meinem 24/7-Gewusel mit diesem kleinen Menschen auch mal herausnehmen, Verantwortung abgeben. Denn auch in einem Job außerhalb des Familienalltags hat man irgendwann mal frei und Urlaub. Daheim muss ich mir das eben irgendwie selbst ermöglichen.
Neben dieser erhellenden Erkenntnis brodelte noch etwas tief Verborgenes in mir, was ich dachte, längst bearbeitet und abgehakt zu haben. Doch es machte sich bemerkbar, dieses schwere Thema aus meiner Vergangenheit, das auch in der Gegenwart immer wieder sichtbar wird. Es wollte noch einmal angesehen werden. Dieses Mal mit einem anderen Blick als vor einigen Jahren, wo ich diesen großen, dunklen und schweren Haufen aus meiner Vergangenheit versuchte aus meinem Rucksack zu schaufeln. Ich hatte noch nicht damit abgeschlossen. In den letzten Wochen und Monaten zeigte sich dieses Thema immer mal wieder und ich versuchte einen neuen Weg damit zu finden, denn jedes Mal wühlte es mich auf und ich wollte diesen Schmerz, diese Enttäuschung darüber einfach nicht mehr mit mir herumtragen. Und dann kam ein kleiner Auslöser. Eine kurze Unterhaltung mit der Person, die meine Vergangenheit so prägte. Es wollte alles raus, ich konnte es kaum aufhalten. In meinen Stillpausen mit dem Minimenschlein tippte ich mir die Finger wund. 6300 Worte später spürte ich es: Die Last der Vergangenheit steckt in einem Text. Es sind Knoten geplatzt, es haben sich Fesseln gelöst.. ich spürte, wie ich mit jedem Absatz freier wurde. Ich ging durch so viel Wut, Schmerz und Enttäuschung beim Schreiben. Doch dann spürte ich die Leichtigkeit, die Freiheit in meiner Brust.
Ich blickte aus dem Fenster und sah wieder dem stürmischen Wetter zu. Die dunklen Wolken aus meinem Kopf, aus meinem Herzen, hatten sich nun verzogen. Ich sah vor meinem inneren Auge die vielen Seiten, die ich nun geschrieben hatte. Wie ich sie einfach mit dem Wind davonwehte. Wie all die Last von mir weggetragen wurde, die ich seit so vielen Jahren mit mir herumschleppte. So viel Wut spürte ich noch in mir, in meinem Alltag, ganz unterschwellig. Jahrelang hatte ich nicht die Möglichkeit, auch mal meine Sicht der Dinge darzustellen. Sicher, schreiben hätte ich schon immer können. Wie gerne hätte ich all das der Person mitgeteilt, mit der ich das alles erlebte. Ob ich es jetzt tun werde, weiß ich noch nicht. Für mich war es in erster Linie heilsam, diese ganzen Erfahrungen mit dem verbundenen Schmerz, der ganzen Wut und Enttäuschung noch einmal schwarz auf weiß vor mir zu sehen. Es ist für mich ein therapeutischer Weg geworden, dieses Schreiben. Mein Ventil. Und eine meiner größten Stärken. Mittlerweile kann ich das für mich tatsächlich auch immer mehr so sehen – eine Sache, die ich also wirklich gut kann.

Der Sturm draußen wütet noch. Seit einigen Tagen. Der Sommer kehrt zur Zeit nicht so recht ein. Schlimm finde ich das nicht – habe ich ja nunmal keine Vorliebe für diese heißen Tage. Doch die Sonne da draußen fehlt etwas. Da der Sturm in mir nun aber erst einmal verzogen ist, genieße ich die Ruhe danach. Die aufkommende Sonne, die mich wohlig wärmt. Und dann sitzt da ja meine ganz persönliche kleine Sonne jeden Tag vor mir.

Eine Antwort zu “Ein Sturm zieht auf”
Einfach wunderschön wo man zur Ruhe kommt.
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