Unvorhersehbare Wege

Der Sommer zeigt sich doch noch in diesem Jahr. Bisher nicht so heiß und trocken, wie die letzten Jahre. Mich stört es nicht, auch wenn ab und an gern öfter die Sonne herauskommen darf – einfach so für’s Gemüt, für Vitamin D und so.

Wir drehen eine Runde in der Natur. Der Geruch von warmen Asphalt und Gehwegen steigt mir in die Nase. Die Sonne heizt uns gut ein, wenn sie ungefiltert auf uns scheint. Der Duft von Sonnencreme erfüllt die Luft. Das Lachen von spielenden Kindern in den Gärten ist zu hören.

Viele Eindrücke, die bei mir Erinnerungen freisetzen. Momente aus den Sommern der letzten Jahre, die jeweils nicht unterschiedlicher hätten sein können. Die so viel verändert, so viel bewegt haben. Da haben sich mir jedes Mal Wege eröffnet, die ich im Jahr zuvor nicht für möglich gehalten hätte.

Allem voran der Sommer vor fünf Jahren. Der schlimmste Sommer meines bisherigen Lebens. Er war so heiß, dass sich mir der Geruch von aufgeheizten Beton und das brennende Gefühl der Sonne auf der Haut absolut in meinem Gedächtnis verankert haben. Damit verknüpft: Die Bilder meines Sohnes, wie er sich langsam von diesem Leben verabschiedete. Von Tag zu Tag. Wie sein kleiner Körper immer sichtbarer unter diesem schrecklichen Tumor zerfiel. Trotz allem hatte er noch so viel Leben an und in sich. Er trug mich an manchen Tagen mit seiner kindlichen Leichtigkeit durch diese heiße, erdrückende und innerlich zutiefst traurige Zeit. Am Tag, als er neben mir seine letzten Atemzüge machte, ging für mich die Sonne unter. Obwohl draußen der heiße Sommer brütete. Für viele andere Menschen war an diesem Tag wohl der Gedanke an Abkühlung im Freibad oder bei einem Eis sehr gegenwärtig. Ich sah mein Kind sterben, machte es noch einmal in aller Ruhe frisch – so wie ich es immer tat – und zog ihm seine Lieblingskleidung an. Er sollte doch genauso so aussehen, wie immer, als er von den Bestattern abgeholt wurde. Wie friedlich er mit seinem Eisbären in diesem winzigen Sarg lag, als wir uns von ihm verabschiedeten, werde ich niemals vergessen.

Dieser Sommer war für mich kaum auszuhalten. Wie gerne wäre ich dort das erste Mal seit seiner Therapie mit ihm schwimmen gegangen. Wie gerne hätte ich noch mindestens 200 Softeis mit ihm an der Promenade gegessen. Nein. Ich musste ihn beerdigen. Und mit ihm die gemeinsame Zukunft. Dennoch begrub ich meine Hoffnung nicht. Die Hoffnung darauf, dass das Leben ohne ihn weitergehen würde. Vielleicht irgendwann auch irgendwie wieder gut werden würde. Auch wenn ich viele Tage dazwischen hatte, wo ich selbst nicht mehr daran glaubte und keinen Sinn mehr für mein Leben sah.

Der Sommer darauf, vor vier Jahren, eröffnete mir wieder einen Weg, den ich im Jahr zuvor niemals für möglich gehalten hätte. Ich verließ meinen Mann nach langer Bedenkzeit. Ich wagte einen Neustart. Umzug. Eigene Wohnung. Neue Arbeit. Neues Leben. Der Sommer war so enorm aktiv. Wieviel ich dort Auto gefahren bin. Bewerbungen, Kartons packen, Wohnungen besichtigen. Immer wieder im Freibad zur Abkühlung und als sportlicher Ausgleich. Der Duft von Sonnencreme begleitete mich täglich. Dabei Menschen um mich herum, die mich so tatkräftig und emotional unterstützten. Ich blühte wieder auf, obwohl ein Jahr zuvor mein Sohn starb. Hätte ich nicht für möglich gehalten. Nicht so schnell. Doch für mich fühlte es sich alles richtig und gut an, auch wenn ich oft mit meinem Gewissen haderte. Hab ich doch immerhin den trauernden Vater meines Sohnes zurück gelassen. Doch ich blieb dabei und kann rückblickend sagen: Es war für mich gut so! Es war der Beginn meines Weges, auf dem ich mich selbst finden durfte (und immer noch darf). Wenn ich darauf zurückblicke, kann ich kaum glauben, was ich in diesem Sommer alles bewegt habe. Woher ich die Energie dafür hatte. Während ich ein halbes Jahr zuvor teilweise noch antriebslos und schwer trauernd kaum aus dem Bett kam.

Auch der Sommer vor drei Jahren brachte eine weitere große Veränderung. Wieder ein Umzug. Diesmal zu meinem Herzmenschen. 350km weit weg von meiner Heimat. Es war ein großer Schritt, der mich dennoch leicht fiel – denn dieser Mensch kam nicht zufällig in mein Leben. So sicher, wie da, war ich mir schon lange nicht mehr. Neben der Schichtarbeit renovierten wir an unseren freien Tagen in der gemeinsamen Wohnung. Viele viele Kilometer fuhr ich in diesem Sommer. Viel viel Arbeit und gefühlt wenig Schlaf. Es war körperlich anstrengend, aber die Vorfreude auf dieses gemeinsame Leben trieb uns an. Bereut habe ich es keinen Tag. Abstand von den ganzen Erinnerungen in der Heimat gewinnen zu können, war enorm heilsam.

Vor zwei Jahren ebnete sich mein Weg zu mir selbst immer mehr. Nachdem ich im vorangegangen Winter eine Fehlgeburt hatte, brach noch einmal enorm viel in mir zusammen und aus mir heraus. Nach einer Reha entschloss ich mich, in meiner neuen Wahlheimat wieder eine Therapie bei einer neuen Therapeutin zu beginnen. Es war mit meiner vorherigen netten Psychotherapeutin einfach organisatorisch nicht mehr machbar. Auch den Weg zu einer Heilpraktikerin fand ich nebenbei. Diese beiden Frauen haben mir dabei geholfen, in diesem Sommer ein völlig neues Körpergefühl zu entwickeln. Ich durfte mich aufräumen. Das spürte ich auch. Es löste sich so viel, was mich zeitweise auch überforderte. Vor allem die heißen Tage triggerten mich sehr – doch durfte ich mit einem anderen Blick darauf schauen. Da ich mich mit meiner Hochsensibilität immer mehr beschäftigte, konnte ich täglich deutlicher sehen und spüren, wo meine Grenzen eigentlich lagen. Und tatsächlich – kaum verwunderlich- habe ich sie jahrelang rigoros überschritten und mich damit ständig überfordert. Ich begann nun also mehr auf mich zu achten, auf so vielen Ebenen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich mich doch einmal auf diesem Weg zu mir selbst befinden würde, von dem alle immer so sprechen.

Der letzte Sommer war ebenfalls heiß. Körperlich anstrengend. Emotional. Wochenbett. Der kleine Herzmensch erblickte das Licht der Welt und stellte unsere erstmal richtig auf den Kopf. So gut wir uns auch darauf vorbereiteten: Gerade mich, mit diesem postpartalen Hormoncocktail im hochsensiblen Körper, bewegte da einiges. Mein erstes Kind nach meinem verstorbenen Sohn. Mein erste spontane Geburt. Ein Mann an meiner Seite, der so richtig gerne Papa sein möchte. Ich war dadurch schon emotionaler Wackelpudding – aber die Hormone, die Hitze, der Schlafmangel. Da war gefühlt nur noch Brei im Kopf. Doch auch dieser Sommer ging vorüber. Wir wuchsen täglich mehr als Familie zusammen. Lernten unser Kind immer mehr kennen. Lernten uns als Paar neu kennen. Wir entdeckten Seiten aneinander, die wir zuvor noch nicht sehen durften. Herausfordernd, aber bereichernd. Denn besonders die abenteuerlichen und schweren Momente unseres gemeinsamen Weges haben uns immer tiefer verbunden.

Tiefe Verbundenheit. Das ist auch in diesem Sommer Thema. Wir wachsen täglich weiter als Familie zusammen, festigen unser Band. Es ruckelt immer mal wieder mehr. Durch Entwicklungsschübe. Durch Schlafmangel. Durch emotionale Achterbahnfahrten. Die letzten Wochen waren zeitweise so regnerisch, so stürmisch – das Wetter brachte offenbar Klärung mit ins Haus. Mit der Fehlgeburt vor zwei Monaten arbeitete noch einmal sehr viel in mir. Da lösen sich langsam alte Gewohnheiten, alte Programme bei mir auf, die so viele Jahre -vor allem mir- am Ende Kummer bereitet haben. Auch wenn ich mich momentan oft für meinen Sohn hinten anstelle in meinen Bedürfnissen, habe ich erkannt, dass ich dennoch versuchen darf, für mich zu sorgen. Dass ich es mir einfordern muss. Erwartungen an mein Umfeld ablegen muss. Gefühlt geht das gerade im Schnellverfahren. Da bröckeln große Steine von mir herab, die ich seit Jahren herumgeschleppt habe. Und zum Vorschein kommt nach und nach mein wahres Ich. Das sich nicht für alle verbiegen muss. Das sich nicht immer hinten anstellen muss. Das aber vor allem sagen muss, wenn es etwas braucht oder nicht möchte. Selbstwert. Großes Thema gerade.

Es verändert sich so viel. Seit dem Tod meines Sohnes für mich bewusster und sichtbarer. Es haben sich Wege für mich geebnet, die ich bisher nicht für möglich hielt. Ich bin achtsamer geworden auf diesem Weg zu mir selbst. Ich verändere mich, Stück für Stück. Und damit auch mein Umfeld. Vieles bleibt dabei an meiner Seite, geht diesen Weg immer weiter mit mir. Doch einiges bleibt eben auch zurück, verabschiedet sich. Und das ist in Ordnung.

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