Versagerin. Immer und immer wieder spult es in meinem Kopf ab.
Dieser Tag war mal wieder einer dieserjenerwelcher Tage, an dem es kaum Lichtblicke in meinem Kopf gab.
Ich liege hier. Neben mir mein schlafendes Minimenschlein, das sich gerade nach diesem langen Tag sanft in den Schlaf gestillt hat. Heute schlief er schnell ein, war gut erschöpft von der vielen Aktivität. Erschöpft, das bin ich auch. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht zwischendurch mit der Müdigkeit kämpfe. An manchen Tagen komme ich ganz gut zurecht, wenn denn die Nacht zuvor halbwegs passabel verlief. Die letzte Nacht war wieder sehr kräftezehrend. Mit bleiernder Müdigkeit schleppte ich mich durch den Vormittag, an dem ich allein die Fürsorge für den kleinen Menschen hatte.
Da dieses kleine Wunder täglich neue Dinge dazu lernt und entdeckt, braucht es immer wieder sehr stark den sicheren Hafen. Ich bin sehr gefragt, mehr als sein Papa – so gut wir auch immer wieder versuchen, mir kurze Verschnaufpausen zu schaffen. Doch da der kleine Mensch eben noch nicht so die Zusammenhänge und Erklärungen versteht, muss ich immer wieder abwägen. Wenn ich spüre, dass er meine ungeteilte Aufmerksamkeit braucht, lasse ich immer mehr Dinge im Haushalt liegen. Entweder sie werden später von mir gemacht oder ich delegiere. Ich habe schlichtweg nicht die Energie, alles allein daheim zu wuppen – so sehr ich es mir von mir selbst wünschen würde.
Selbstanspruch. Hach ja. Stand mir schon so oft im Weg. Spornte mich schon so oft zu Höchstleistung an. Fluch und Segen. Den Haushalt mal eben so zu machen – klappt einfach nicht mit einem kleinen Menschen, der sehr viel Zuwendung benötigt. Ich balanciere täglich so gut ich kann. Beziehe ihn schon so gut es geht mit ein, lasse ihn vieles mitmachen. Ich muss enorme Kreativität aufbringen, um den kleinen Kerl bei Laune zu halten. Gut, ich weiß, er darf sich auch langweilen und selbst etwas finden – macht er auch. Diese Momente gibt es auch täglich und ich bin dann immer so fasziniert, wie toll er sich für kurze Momente schon allein beschäftigen kann. Aber wenn da so viel los ist in diesem kleinen Körper, wenn da so viel Neues hinzukommt und die kleine Welt wieder so auf den Kopf stellt – dann braucht er Rückhalt. Und den gebe ich ihm. Dann geht eben mal nix anderes nebenher, so sehr es meinem Anspruch an mich auch missfällt.
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Dieser kleine Mensch rüttelt ordentlich mein Innenleben wach. Noch nie habe ich so sehr an mir gezweifelt, wie in diesem Jahr, seit er unser Leben bereichert. Es ist enorm aufwühlend an manchen Tagen. So auch heute. Wo Erinnerungen wach wurden. Urplötzlich, Knall auf Fall. Und sie haben mich dermaßen erwischt, obwohl ich dachte, ich sei mit vielem ganz gut aufgestellt. Pustekuchen.

So schön die Erinnerungen an meinen ersten Sohn auch oft sind – so schmerzhaft können sie aber gleichzeitig eben auch sein. Heute erinnerte mich mein Minimenschlein dann doch mal sehr stark an seinen großen Bruder. Und dann kam sie: Die Flutwelle von Trauer. Ich erstarrte und spürte die Enge in der Brust. Die Tränen liefen und liefen. Da sehe ich einerseits dieses kleine Leben, so wach, so fidel, so gesund. Andererseits ploppt im gleichen Moment dieser Schmerz auf, dass da schon mal so ein Leben war. Und nicht mehr ist. Bald schon fünf Jahre nicht mehr. Es tat einfach nur weh. Dieser Schmerz, diese Trauer – sie wollten gefühlt werden. Sie wollten raus. Mit den Tränen fanden sie ihren Weg hinaus.
Mein kleiner Mensch lief mir in die Arme, spiegelte mir in seinem Gesicht, wie er mich gerade sah. Schon verrückt und verblüffend – wie er offenbar spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Mein Herzmensch nahm mich in den Arm und ich konnte mich fallen lassen. Ließ alles raus, was gefühlt werden wollte. Ich spürte wieder diese Panik in mir aufkommen. Versuchte ruhig zu atmen.
Angst machte sich breit. Mein treuer Begleiter. Angst davor, dass dieses kleine Leben neben mir auch so schnell vorbei sein könnte. Dass ihm etwas zustoßen könnte. Dass ich etwas übersehe. Dass er später mit etwas zu kämpfen hätte, wofür ich vermutlich verantwortlich bin. Angst, dass ich auf ganzer Linie versagen würde. Ob da meine Erfahrung mit meinem ersten Sohn mit hineinspielt? Mit Sicherheit. Obwohl ich mir sicher bin, dass ich versucht hatte, dieses Leben zu schützen – schon im Mutterleib – und ich offensichtlich nicht die Schuld dafür trage, dass er diese schwere Erkrankung bekam… fühle ich mich trotzdem an manchen Tagen furchtbar. Weil er diese schwere Bürde tragen musste – so gern ich es ihm abgenommen hätte, damit er am Leben geblieben wäre. Diese Angst, sein Kind zu verlieren, ist natürlich normal. Doch mit solch einem Verlust im Rucksack muss ich schon ein wenig auf mich achten, um eben nicht zu ängstlich zu werden. Eigentlich gelingt es mir überwiegend gut. Doch sobald meine Erschöpfung zu groß wird, die Chemie in meinem Kopf irgendwie wieder nur Nebel produziert – dann ist die Angst sehr präsent. Wie an einem grauen, verregneten und nebeligen Herbsttag, der kaum die Hoffnung auf ein paar Sonnenstrahlen aufkommen lässt. Da will dann eben einfach mal nur die Stimmung gefühlt und wahrgenommen werden. Es darf auch zwischendurch so sein und ich gebe dem Ganzen so viel Raum, wie ich aufbringen kann. Leider oft zu wenig, da ich so gefordert bin im Alltag. Vielleicht ist das gut so, damit ich mich nicht darin verliere.
Doch diese abrupte Wendung in den Gefühlen, hervorgerufen durch ein kleines Menschlein, das jetzt gerne gerade etwas mit mir entdecken möchte.. die ist manchmal schwer auszuhalten. Es fühlt sich wie aufschieben an. Doch: Aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben. Passt so enorm gut für die seelische Aufräumarbeit, wie auch für andere Bereiche des Lebens. Denn wenn ich mir jetzt nicht die Zeit dafür nehme, wird sich all das irgendwann melden, wenn das gesehen und bearbeitet werden will. Und ich bin mit meiner Trauer und den Ängsten nicht durch. Das werde ich auch nie sein – da bin ich realistisch. Mein Ziel ist es, mit meinen treuen Begleitern einen guten Weg zu finden, auf dem wir alle gesehen und gehört werden, gerecht verteilt. Denn wenn einer davon zu viel Raum bekommt, wird der andere sich später noch lauter melden.
Alles unter einen Hut bringen. Ob mit meinen Begleitern im Rucksack, mit meinen Herzmenschen daheim, mit den Aufgaben und Pflichten, mit allen anderen Menschen um uns herum. Ich möchte so gerne allem gerecht werden. Schaffe ich dies nicht, spult der innere Kritiker wieder die Versager-Kassette ab. Dabei kann ich diese alte Leier nicht mehr hören.

Ich hab da so eine neue Kassette, die ich enorm gerne mit positiven Affirmationen bespielen möchte. Du bist gut, wie du bist. Du machst das alles großartig mit diesem schweren Rucksack aus der Vergangenheit. Du bist mutig. Du bist wundervoll. All die lieben Worte, die ich zB für meinen Sohn wähle – die sollte ich auch mir zusprechen. Damit ich immer mehr in der Liebe zu mir selbst ankomme. Damit meine Begleiter nicht mehr all zu schwer auf mir lasten. Damit diesejenewelche Tage eben nicht mit dem schlechten Gefühl enden, dass ich nichts hinbekommen habe.
