Ich nehme Abschied von Vorstellungen. Von Wünschen. Ich nehme Abschied davon, dass vieles nicht so sein kann oder sein wird, wie ich es mir wünschen würde. Das schmerzt, sehr sogar. Denke ich doch aus meiner Perspektive, dass bestimmte kleine Änderungen manchmal für alle Beteiligten besser sein könnten. Zumindest in der Theorie.
Fakt ist: Seit ich meine Therapie begonnen habe und ich vieles aufarbeiten konnte. Seit ich sehe, wie sich vieles aus meiner Kindheit in mir verankert hat und mir heute oft das Leben erschwert. Seitdem vermute ich auch häufig in meinem Umfeld, wo Bedarf wäre. Der Bedarf, Gespräche mit jemandem zu führen, der völlig unbefangen ist, ganz objektiv und professionell drauf schauen darf. Es könnte für viele eine Bereicherung sein. Denn ganz oft ist es doch so, dass die Liebsten mit ihrem Latein am Ende sind. Dass sie einfach nicht mehr wissen, was sie sagen oder wie sie sich verhalten sollen, wenn sich bestimmte Situationen im Zusammenleben immer und immer wiederholen.

Das ist der Knackpunkt, den ich bei mir erkannt habe. Einige Verhaltens- und Denkweisen, die sich bei mir abgespeichert haben, führen oft zu Kummer und Reibung. Meistens erstmal nur in mir selbst. Das Gedankenkarussell springt an und ich fahre manchmal so viele Runden, dass mir bereits übel davon wird. Meine Gedanken stehen mir oft im Weg. Ich könnte friedvoller und glücklicher leben, an so vielen Tagen. Sorgenfreier. Frustfreier. Und da ich keine Lust mehr auf diesen Mist habe, arbeite ich an mir. Verändere stets meine Denkweisen, verhalte mich in bestimmten Situationen anders. Und: Es funktioniert. Es ändert sich einiges dadurch. Vor allem in mir. Ich merke, dass ich mit jedem Mal innerlich mehr wachse und und fühle mich Stück für Stück befreiter – weil sich da einige Ketten lösen.
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Ich würde mir wünschen, dass auch andere diesen Weg einmal wagen würden. Diesen Schritt auf sich zu. Zu schauen, wo denn immer wieder Knackpunkte sind. Wo es immer wieder ruckelt mit den Mitmenschen. Wo Kummer, Frust und manchmal sogar Hass entsteht, die meiner Meinung nach nicht nötig sind. Das Leben ist einfach zu kurz, um sich immer und immer wieder mit dem ganzen Mist herumzuärgern.
Doch oft höre ich: So bin ich nunmal. Ich kann nicht aus meiner Haut. Ganz ehrlich? Verstehe ich. Es erfordert eine Menge Mut, da mal genauer hinzusehen – nicht nur die Fehler immer im Außen zu suchen und sich in die Opferrolle zu begeben. Sich einzugestehen, dass man etwas falsch macht – was doch vollkommen menschlich ist und dazugehört! Fehler sind der wunderbare Teil des Lebens, die uns zeigen, wo wir noch wachsen dürfen. Wo wir etwas anders machen dürfen. Ist es doch dann nichts verloren! Es ist eine Sache, erst einmal festzustellen, wo man selbst etwas verkehrt gemacht hat. Dann jedoch erfordert es nochmal einigen Aufwand und Umdrehungen, sich beim nächsten Mal anders zu verhalten. Veränderung … irgendwie wollen sie alle, aber oft ist keiner bereit dazu, selbst etwas dazu beizutragen.
So bin ich nunmal. Ganz ehrlich? In gewisser Weise – Ja! Natürlich darf jeder so sein, wie er ist. Doch wenn es im sozialen Gefüge ständig irgendwie Reibung gibt, die kein friedvolles Zusammenleben ermöglicht. Wo man eben nicht gemeinsam Wachsen kann, sondern alle nur Einzelkämpfer sein wollen. Dann, ja dann finde ich diese Aussage nicht mehr richtig. Wenn immer nur eine Seite gezwungen ist, sich anzupassen. Wenn die Elefanten im Raum nicht mal beim Namen genannt und gemeinsam herausgeschoben werden. Dann kommt irgendwann ein Punkt – und an diesem bin ich mittlerweile häufiger – an dem ich aufgebe. An dem ich mich verabschiede von der Vorstellung, wie die Beziehungen runder laufen könnten. Ich verabschiede mich von meiner alten Verhaltensweise, immer wieder alles schlichten zu wollen. Mich immer wieder zu verbiegen, damit es funktioniert. Damit dieser faule Friede aufrecht erhalten bleibt. Ich verabschiede mich von der Vorstellung, dass auch andere Menschen mal aus ihrer Haut fahren und andere Wege einschlagen – denn es wird oft einfach nicht eintreffen.

Und so versuche ich irgendwie meinen Frieden damit zu finden. Dass es mir mit meinen Veränderungen besser gehen wird. Weil ich auf mich achte und mich nicht mehr immerzu verbiege. Und da ich keine Erwartungen mehr an die Menschen haben möchte, ziehe ich mich vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zurück. Um mit diesem Gedanken in Einklang zu kommen. Dafür brauche ich Ruhe. Viel sogar.
