
5.
Fünf Jahre ist es nun bereits her, seitdem Du über die Regenbogenbrücke gegangen bist. Schon? Erst? An manchen Tagen fühlt es sich so, an anderen wieder so an. Was an all diesen Tagen immer gleich ist: Die Sehnsucht. Das Vermissen. Die traurige Gewissheit, dass Du nur noch in meiner Erinnerung weiterleben wirst – nicht mehr so richtig an meiner Seite.
Traurig bin ich in diesem Jahr wieder etwas mehr. Irgendwie anders, als noch in den ersten drei Jahren, aber sie ist da. Die Trauer. Sie reißt mich zwar nicht zu Boden, aber dennoch erschüttert sie noch sanft meinen Alltag. Der Alltag, der bis in die letzte Ecke gefüllt ist mit Deinem Bruder. Der noch so viel mehr von mir braucht, als Du damals. Vielleicht weiß ich es aber auch gar nicht mehr so genau. Schließlich warst und bist Du mein erstes Kind. Ich hatte keinen Vergleich. So viel intensive Zeit mit Dir zu verbringen, war für mich damals normal. Dort hatte ich noch nicht diesen superschweren Rucksack auf, voll mit den ganzen Erfahrungen rund um Deine Therapie und Deinen Tod. Sicher, er ist jetzt, nach fünf Jahren, irgendwie etwas leichter geworden. Und das war harte Arbeit! Die, die niemand von außen so richtig sehen kann. Nicht sofort. Erst nach einer gewissen Zeit. Denn nun trägt die viele Arbeit an mir selbst immer mehr sicht- und fühlbare Früchte.
Dein Tod hat so viel verändert. So, so viel. Hätte mich jemand vor fünf Jahren gefragt, wie ich mir mein Leben vorstellen würde – dieser berühmte Fünf-Jahres-Plan… ich hätte mir kein Bild machen können. Denn ein Leben ohne Dich war für mich damals kaum vorstellbar. So groß war der Schmerz, so groß die Lücke, die Du hinterlassen hast. Mein Fulltime-Job, meine Lebensaufgabe zu dieser Zeit – von einem auf den anderen Tag einfach weg. Arbeitslos. Freudlos.
…
Doch jetzt. Heute. Hier. Wahnsinn. Wer hätte gedacht, dass ich nochmal so viel Glück, so viel Freude haben darf. Ich spüre zwar, dass mir oft auch die Leichtigkeit fehlt. Dass dieser Trauer wie Kaugummi an meinem Schuh klebt und ich ab und an sehr zäh durch den Tag komme. Aber ich versuche diese Traurigkeit um Deinen Tod auch immer mehr als meinen Anker zu sehen. Der mich bodenständig bleiben lässt. Einfach den Fokus darauf zu verändern und es nicht mehr so sehr als Last zu sehen. Denn wo Trauer ist, ist auch Liebe. Und davon habe ich so viel für Dich! Mein Herz platzt an manchen Tagen, wenn ich daran denke, dass ich zwei wunderbaren Söhnen das Leben schenken durfte. Dass ich diesen sagenhaft liebenswerten und kostbaren Herzmenschen heiraten durfte. Ich teile meine Liebe nicht – sie vermehrt sich immer mehr!

Jetzt, wenn ich mir Bilder von Dir anschaue. Wenn ich mal Elvis höre. Wenn ich einen Bagger sehe. Ja, da kribbelt es in mir. Weiterhin. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen, während sich meine Augen mit Tränen füllen. Dankbarkeit für die wunderschönen Erinnerungen, die wir gemeinsam schaffen durften. Aber eben auch Wehmut, weil es keine neue Erinnerungen mehr sein werden.
Doch dafür hast Du uns ja sehr wahrscheinlich Deinen kleinen Bruder geschickt. Der all das Vermissen erträglicher macht. Der mich in manchen Blickwinkeln immer mal wieder sehr an Dich erinnert. Mit dem wir hoffentlich viele viele Abenteuer erleben dürfen. Und dem ich bald immer mehr von Dir erzählen kann. Deine Videos fand er schon unterhaltsam – genauso, wie Deine kleine Gitarre. Er lächelt Dein Foto am Kühlschrank an. Genau wie ich. Denn auch, wenn ich so oft so traurig bin, weil Du nicht bei uns hier unten bist – genauso oft lächele ich auch zu Dir hinauf. Ich hoffe, du siehst es.
Du fehlst mir. Immer.
