Das gebrannte Kind

Ich denke daran, wie alles begann.

Als es Dir zunehmend schlechter ging. Das Fieber wollte nicht sinken. Du warst schlapp und hattest Schmerzen. Du warst so blass.

Ich denke an den ersten Klinikaufenthalt. Die vielen Versuche, Dir einen Zugang zu legen. Wie sehr Du geweint hast. Du hast in diesen Tagen auf mir gewohnt.

Ich denke an die erste Nacht auf der Kinderonkologie und wie wir vom Chefarzt begrüßt wurden. Als am nächsten Morgen der Ultraschall von Deinem Bauch gemacht wurde und Du die ganze Zeit bitterlich geweint hast, weil Du Schmerzen hattest. Weil Du all das nicht wolltest. Und es war so notwendig in diesem Moment.

Ich denke daran, wie sich von einem Moment zum nächsten alles für uns geändert hat. Krebs. Tumor. Neuroblastom. Chemo. So viele Unterlagen und Aufklärungsbögen, Einverständniserklärungen und Untersuchungen. Du kleiner Mensch musstest so viel über Dich ergehen lassen. Alle wollten Dir helfen. Alle wollten Dein Leben retten.

Ich denke an den ersten Chemoblock. Das ganze Unbekannte. Die Unwissenheit, wie es Dir damit gehen wird. Die vielen Medizingeräte und Infusionsschläuche um Dich herum. Das ständige Piepen in der Nacht. Wie groß Dein Bauch war. Wie groß meine Sorge um Dich war. Wie schnell Deine Haare ausfielen und wir Dir Deinen Kopf rasierten, damit Deine feinen blonden Haare nicht überall an Dir hängen blieben.

Ich denke an die vielen weiteren Chemoblöcke, die Dein kleiner Körper aushalten musste. Die Spritzen, die ich Dir daheim geben musste – unter Tränen von uns beiden. Dein Wickeltisch voller Verbandsmaterialien und Medikamenten. Die Magensonde, die nach dem dritten Chemoblock Dein ständiger Begleiter wurde, weil die Übelkeit und das Erbrechen Deinen Körper zu sehr auszehrten.

Ich denke an die warmen Sommertage in der Klinik. Unser zweites Zuhause. Dein zweiter Geburtstag, an dem Du wieder einen Chemoblock starten musstest. Wir machten es zu unserer Normalität.

Ich denke an die lange Autoreise, über 500km zur auserwählten Klinik für Deine Operation. Nur der beste Chirurg sollte an Dich heran. Die Nervosität am Morgen Deiner Operation. Der Moment, als Du in meinen Armen in der Op-Schleuse in die leichte Narkose gelegt wurdest. Zehn Stunden warten, bis wir endlich Bescheid bekamen, dass Du alles überstanden hattest. Dein Anblick auf der Intensivstation – Du warst kaum wiederzuerkennen. Und dann: Deine schnelle Genesung. Mit einer riesigen Narbe auf dem Bauch. Wahnsinn.

Ich denke an all die Menschen, die wir kennenlernten. All die Schicksale, die verschiedensten Erkrankungen, die kleine Kinder bereits haben können. Zu viel Wissen. Zu viel gesehen.

Ich denke an die weiteren Therapieeinheiten Deines umfangreichen Protokolls. Alles diente dazu, diesem großen und bösartigen Tumor in Deinem Bauch den Kampf anzusagen. Ein Jahr voller Klinikaufenthalte, mit wenig Privatsphäre, unbequemen Betten, piependen Geräten und massenweise Desinfektionsmitteln. Ich habe Dich in Zuständen sehen müssen, die ich Dir und mir so gerne erspart hätte. Du hast gelitten, Du hast gekämpft, Du hast geweint und dennoch so viel gelacht. So viel Leben, so viel Freude. So viel Kind! Du hattest eine andere Kindheit, eine andere Normalität als Altersgenossen – doch Du durftest Kind sein. Mit einem Superhelden-Umhang. Denn Du warst so unmenschlich stark. Du hast mir gezeigt, dass noch ganz viel Gutes und Schönes in so einer schweren Zeit liegen kann.

Dein kleiner Bruder zeigt mir eine kleine Auffälligkeit. Ich beobachte es ein wenig, erkläre es mir einfach. Ich versuche es. Innerlich spüre ich diesen Druck. Wie all das, all diese Erinnerungen, gepaart mit den Emotionen, im Zeitraffer vor meinem inneren Auge ablaufen. Ein Daumenkino aus Bildern aus der schwersten, aber auch lehrreichsten Zeit meines bisherigen Lebens. Und ich bin kurz wie gelähmt. Spüre, wie mein Herz für einen kleinen Augenblick beginnt zu rasen und ich schwer Luft bekomme. Weil da einfach diese Angst aufflackert. So etwas, vielleicht in einer anderen Form nochmal zu erleben. Mit Deinem kleinen Bruder.

Zu viel gesehen, zu viel miterlebt. Du bist eben ein gebranntes Kind, höre ich meinen Herzmenschen sagen, als ich ihm erzähle, wie sehr mich das doch immer mal bewegt, wenn unser Herzenskind irgendetwas auffälliges zeigt. Nicht dass ich danach suche oder alles pathologisiere. Nein. Ich bleibe bodenständig und rational, drehe nicht komplett durch. Doch diese innere Dynamik jedes Mal zu spüren und auszuhalten, ist erschöpfend.

Dann wünschte ich mir, es wäre alles nur ein böser Traum, den ich ganz schnell wieder vergessen kann.

Aber genau dann zeigt mir Dein kleiner Bruder, was ich tun muss: Vertrauen. In meinen Instinkt. In die Kraft der Natur und des Lebens. Denn bisher hat sich alles schnell wieder von allein gelegt oder geklärt. Weil er ganz sicher genauso viel Stärke besitzt, wie Du. Und Du eben auf ihn aufpasst.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.