Ich spreche mit meinem Herzmenschen darüber, wie sehr ich mich freue, dass das Band zwischen ihm und unserem Herzenskind immer fester wird. Wie toll die beiden miteinander harmonieren und wie sehr er in der Vaterrolle aufgeht, erhellt uns hier gerade sehr den grauen Winter. Und dass mir damit noch sehr ungewohnte Freiräume geschaffen werden. Innerlich bin ich hin- und hergerissen. War ich doch die letzten 1,5Jahre DIE Nummer eins für alles. Jetzt entwickelt sich langsam das Familienleben, was wir uns gewünscht haben. Von dem wir wussten, es würde irgendwann peu a peu realer werden, wenn unser Minimensch weiter heranreift.
So sehr ich mich darüber freue, so ungewohnt und wackelig fühle ich mich noch damit. Mein Herzmensch besänftigt mich mit verständnisvollen Worten, dass ich mich eben erstmal langsam daran gewöhnen muss. Richtig. Langsam. Schritt für Schritt. Das braucht unser Kind. Und offenbar brauche ich das genauso sehr. Denn mein kleines Herzenskind von heute auf morgen für so viele Stunden nicht mehr bei mir zu haben… der Gedanke macht was mit mir. Sehr viel sogar.
Denn ein Kind von heute auf morgen nicht mehr bei mir zu haben – das habe ich schon hinter mir. Wesentlich schmerzhafter. Und vor allem endgültiger.
Endgültig. Das denke ich, als ich meinen Minimenschlein so in den Schlaf begleite. Ich sitze mit ihm im Arm im gedämpften Licht des Zimmers, stille ihn und schenke uns beiden eine große Ladung Oxytocin. Entspannung. Mein Sohn schläft ein. Und bei mir kommen Erinnerungen auf. Völlig unverhofft.
Er hat es geschafft. Ich denke an das Telefonat mit meiner Mutter, nachdem mein Sohn vor über fünf Jahren gestorben war. Zwei Stunden zuvor machte er seine letzten Atemzüge in meinen Armen. Sie war einen Tag zuvor noch bei uns, sah ihn in seinen letzten Stunden. Als der Arzt noch einmal bei uns war und sagte Nun ja, es ist schon sehr endlich mit ihm. Er bereitete später im Hintergrund das Pflegepersonal des Palliativdienstes schon darauf vor, dass eventuell bereits in der Nacht ein Anruf von mir kommen könnte – so sagte er es mir am nächsten Tag. Als er nur eine Stunde nach dem Tod meines Sohnes mit dem Totenschein zu uns kam. Seine Erfahrung und Einschätzung war bemerkenswert – und vor allem die Ruhe, die er in der gesamten Therapiezeit meines Sohnes ausstrahlte.
Er hat es geschafft. Dieser Satz hatte so viel Wahrheit. So viel traurige Wahrheit. Dieser kleine Körper musste endlich nicht mehr kämpfen. Nicht mehr aushalten. Dieser kleine Mensch, der nur drei Jahre auf dieser Welt sein durfte, hatte nun hoffentlich endgültig seinen Frieden. Keine Schmerzen mehr. Es zerreißt mich, wenn ich daran denke.
Diese Bilder aus den letzten Momenten mit ihm sind an diesem Abend, mit seinem kleinen Bruder im Arm, plötzlich wieder so präsent. Unendliche Traurigkeit macht sich in mir breit. Er ist wirklich tot. Mein Kind ist wirklich gestorben. Als hätte ich es verdrängt oder doch noch nicht ganz verstanden.
Er hat es geschafft, höre ich mich meiner Mutter sagen, als ich kraftlos und dennoch halbwegs gefasst mit ihr telefoniere. Irgendwie hatten wir alle darauf gewartet, denn in der letzten Woche seines Lebens zeichnete sich zusehends ab, dass das Leben aus seinem kleinen Körper wich. Er schlief die meiste Zeit des Tages, dank starker Schmerzmittel schmerzfrei. Ich schlief mit ihm in unserem großen Bett. Sein Vater konnte dies nicht mehr – er konnte die verlangsamte Atmung unseres Kindes nicht aushalten. Ich wich nur kurze Momente von seiner Seite, denn er spürte schnell, dass ich nicht mehr bei ihm war und rief nach mir. Ich wollte noch so viel wie nur möglich von ihm haben. Denn ich wusste: Bald ist er einfach nicht mehr da. Unvorstellbar.
Die Leere in der Wohnung, nachdem die Bestatter unseren Sohn sorgsam mitnahmen, werde ich niemals vergessen. Wir hätten ihn laut Gesetz noch länger daheim behalten können, da wir den Totenschein bei uns hatten. Doch der heiße Sommer und das Wissen darüber, wie schnell ein toter Körper sich in dieser Zeit verändert, ließ die Entscheidung schnell fallen, dass er in einem Bestattungsinstitut bis zu seiner Beisetzung aufbewahrt würde.
Und nun war er einfach weg. Als hätte jemand den Lebenshauch uns unseren vier Wänden genommen. Wir fuhren umher, telefonierten mit Familie und informierten alle, dass er es nun geschafft hatte. Die schwersten Telefonate meines bisherigen Lebens.
Und plötzlich fällt mir wieder ein, dass wir rund zwei Wochen erstmal nicht in unserem Bett schlafen konnten. Dass sich so vieles nicht mehr richtig anfühlte, ohne ihn. Dass ich eine ganze Weile brauchte, bis ich seine Sachen waschen konnte. Bis ich sein Zimmer aufräumen konnte. Nichts war mehr wie vorher. Gar nichts.

Vor allem ich. Seit dem Tod meines Sohnes habe ich mich verändert.
Jetzt, mit seinem kleinen Bruder an meiner Seite. Mit meinem wundervollen Herzmenschen, den mir der Himmel geschickt hat.💜 Jetzt, wo ich, dank meiner Therapie immer mehr herausfinden konnte und kann, wer ich wirklich bin. Ja, da merke ich immer deutlicher, wie sehr mich der Tod meines Sohnes verändert hat. Aber eben genau da hin, wo ich sein soll.
Und dann war er einfach nicht mehr da. Aber ich bin es noch.
