Es tut mir Leid

Es tut mir Leid, mein Kind, dass ich manchmal nicht die Mutter bin ich, die ich gerne wäre. Entspannt, geduldig, ausgeglichen, gut gelaunt. Nein, so bin ich nicht immer. Und das muss ich auch nicht. Dafür trage ich noch viel zu viel Ballast in meinem Rucksack mit mir herum. Ich (er-)kenne schon viele von diesen schweren Brocken, bin mir dessen bewusst, doch im Laufe meiner Arbeit an mir selbst, kommen immer wieder neue zum Vorschein. Die Trauer um Deinen großen Bruder wird immer ein Teil von mir sein. Die Spuren meiner eigenen Kindheit werden immer sichtbarer, mit jedem weiteren Tag an Deiner Seite.

All das wühlt mich auf. All das lässt mich manchmal nicht klar denken und handeln, weil es so viel Platz in meinem Kopf einnimmt. Und der Platz ist ja eigentlich schon ordentlich mit Dir gefüllt.

Es tut mir Leid, mein Kind. Ich arbeite an mir, immer weiter. Versprochen. Aber eins möchte ich immer für Dich sein: Authentisch.

Es tut mir Leid, meine Eltern, dass ich nicht die Tochter bin und sein kann, die ihr euch vielleicht vorgestellt habt. Ich kann nicht mehr die Tochter sein, die ich bisher war. So viel ist in meinem jungen Leben passiert, das mich bewegt und verändert hat. Jetzt, wo ich wieder Mutter bin, haben sich noch einmal Meilensteine in mir verrückt und ihr erkennt mich vielleicht oft nicht mehr wieder. Jetzt, wo ich mithilfe meiner Therapie immer mehr erkenne, warum ich so war, wie ich bisher war – da brauche ich meinen Raum, um all das zu verarbeiten. Ich muss mich noch einmal finden, denn ich habe mich irgendwo verloren. In einer Rolle, die mir nicht mehr passt. Ich schreibe mein Drehbuch nun selbst. Vielleicht gefällt euch diese Rolle nicht mehr so. Und das ist okay. Ihr müsst nicht alles gut finden, was ich tue. Genau das darf ich jetzt nun auch lernen – euch nicht mehr auf Biegen und Brechen zu gefallen. Denn davon hing mein Selbstwert ab. Davon befreie ich mich nun.

Es tut mir Leid, meine Freunde, wenn ich manchmal zu viel bin. Oder zu wenig. Oder anders, als ihr es bisher gewohnt wart. Viele von Euch sind schon lange an meiner Seite, haben viele Veränderungen, Höhen und Tiefen mit mir erlebt. Einige sind noch recht frisch in meinem Leben und kennen (noch)nicht alles von mir. Müsst ihr auch nicht. Werdet ihr wohl auch nicht. Denn ich habe verstanden, dass nicht alle Freunde den gleichen Wert haben. Jeder auf seine Weise hat seinen eigenen Wert – doch nicht mit allen kann ich bis in die Tiefe tauchen. Jetzt, wo ich weiß, dass ich hochsensibel bin, weiß ich endlich, was mir wichtig ist an Menschen. Aber eben auch, dass nicht alle dies erfüllen können. Früher habe ich mich mit vollstem Enthusiasmus in Freundschaften reingehängt und mich dabei leider völlig verausgabt. Falsche Erwartungen gehegt, um am Ende enttäuscht zu werden. Ich darf nun endlich erkennen, dass ich nicht alles geben muss. Und dass mich Menschen nur wegen meiner selbst schätzen – nicht wegen der Dinge, die ich für sie tue.

Es tut mir Leid, meine Seele, dass ich Dir bisher soviel zugemutet habe in meinem Leben. Oder hast Du mir das alles so in meinem Leben ausgesucht, um mit Dir daran zu wachsen? Jetzt, immer mehr, habe ich das Gefühl, zu Dir vorzudringen. Ich habe das Gefühl, mit jedem weiteren Schritt zu erkennen, welche Aufgabe(n) Du für mich auf dieser Welt vorgesehen hast. Dass ich all die Hürden und Herausforderungen meistern werde, die Du noch so für mich bereit hältst. Denn das, was wir bisher zusammen erlebt haben, hat mich so sehr reifen lassen. So viel lernen lassen. Wohl weiß ich, dass ich bis zu meinem Lebensende lernen werde. Dass ich mit all den Jahren mehr auf dieser Welt herausfinden werde, wer ich wirklich bin. Vieles wird sich noch verändern. Immer und immer wieder werden sich Veränderungen einfinden, denn sie sind die verlässliche Konstante in diesem Leben. Darauf zu vertrauen, fällt mir oft noch sehr schwer – bin ich doch gezeichnet von Unsicherheiten und Ängsten. Doch der Blick auf die bewältigten Herausforderungen meines bisherigen Lebens, der Blick auf dieses wundervolle Kind neben mir und auf der Wolke – das sollte immer wieder meine Auszeichung an mich selbst sein. Denn verdammt, bei all meinen Zweifeln und Ängsten, reiht sich auch enorm viel Stärke und Geduld ein. Und nicht zu vergessen: Mut. Denn ich bin noch da. Habe den Mut nicht verloren oder aufgegeben. Auch wenn mir so oft danach war und ist. Doch Du gibst die Hoffnung nicht in mich auf. Also sollte ich das auch nicht.

Es tut mir Leid. Ehrlich. Ich entschuldige mich heute anders, als zuvor. Während ich mich immer bei anderen dafür entschuldigt habe, ihnen gerade nicht gerecht geworden zu sein, sie vielleicht vor den Kopf gestoßen oder gar enttäuscht zu haben – wandelt sich nun etwas in mir. Ich entschuldige mich, weil mir meine Bedürfnisse, mein Leben, mein Sein, immer wichtiger werden. Und dies vielleicht nicht immer mit dem der anderen kompatibel ist. Das muss es auch nicht. Nicht mehr. Denn das habe ich so viele Jahre bis zum Umfallen getan. Und mich dabei fast vergessen.

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