Mein kompetentes Kind

Was andere sehen: Das Kind stillt häufig, hängt ständig an der Brust. „Der ist ja ein richtiges Mama-Kind.“ …“Wie unnormal, dass sie ihr Kleinkind noch stillt.“

Was ich sehe: Mein Kind weiß, wo sein sicherer Hafen ist, wo er sich regulieren kann, wenn so viel Neues auf ihn einströmt. „Mein Kind ist clever und lässt sich nicht mit einem Schnuller hinhalten.“ … „Schade, dass so wenige Menschen in unserer Gesellschaft wirklich Ahnung vom Stillen haben.“

Was andere sehen: Das Kind ist nicht in der Kita. Der verpasst doch was. Der muss doch unter Kinder, sonst findet er keinen Anschluss. Sonst lernt er nichts.

Was ich sehe: Wir haben die wunderbare Möglichkeit, unserem Kind die Welt in einem kleinen Rahmen zu zeigen. Im eigenen Tempo. Ohne Bestimmung von außen. Wir bauen eine enge und sichere Bindung zu ihm auf, werden als Familie stark und vertrauensvoll miteinander. Es gibt keine Kita-Pflicht. Nur weil alle es so machen, muss es nicht richtig sein.

Was andere sehen: Der guckt aber böse. „Guck doch nicht so böse!“

Was ich sehe: Mein Kind schaut skeptisch. „Ich finde eine gesunde Skepsis besser, als das mein Kleinkind bereitwillig und offen mit jedem Fremden mitläuft.“

Was andere sehen: Wie, der schläft noch nicht durch? Das muss aber langsam mal klappen. Und der braucht doch nachts keine Nahrung mehr! Wieso stillt der noch nachts?

Was ich sehe: Mein kleines Steinzeitkind folgt seinen natürlichen Instinkten. Seine Vorfahren vor Millionen von Jahren wären wohl nachts aufgefuttert worden, hätten sie in ihrer Höhle einfach durchgeschlafen. Auch wenn wir diese Gefahren heute nicht mehr haben – mein Kind weiß das nicht. Und darum versichert er sich eben noch gerne nachts, dass ich da bin. Und für mich ist das ABSOLUT in Ordnung! Letztlich ist Stillen so viel mehr als Nahrung – wissen nur so wenige.

Was andere sehen: Der ist aber trotzig. Der testet aber seine Grenzen aus! Der will seinen Willen durchsetzen. Der tanzt euch aber auf der Nase rum. Der braucht mal eine ordentliche Erziehung und Grenzen.

Was ich sehe: Mein Kind hat einen starken Willen – das ist großartig! Mein Kind möchte gerne mit Entscheidungen treffen und sich selbstwirksam einbringen – das ist toll. Und natürlich setzen wir ihm sinnvolle Grenzen. Wir sind ein Team, versuchen immer so gut es geht Kompromisse zu finden. Die Bedürfnisse und Wünsche unseres Kindes sind genauso viel Wert, wie die seiner Eltern.

Ja, jeder hat seine eigene Meinung über etwas. Vor allem über Menschen und die Dinge, die sie tun. Das ist auch in Ordnung und soll so sein.

Oft sehen wir Situationen, die nur eine Momentaufnahme sind. Nur ein kurzer Moment aus einem so komplexen Tag von anderen Menschen. Schnell werden Urteile gefällt, schnell werden Schubladen geöffnet. Ist auch okay – wir wollen es uns ja einfach machen. Doch ganz oft werden wir den anderen dabei nicht gerecht.

Ich würde mir sehr wünschen, wenn wir den Menschen ihren Weg lassen. Nicht ungefragt unsere Meinung kundtun und vielleicht öfter mal still bleiben, statt direkt mit unserer Sicht der Dinge drauf los zu schießen. Wir haben das ja so und so gemacht. Ja, das ist schön und interessant zu wissen.

Ich, mit meinen hochsensiblen Antennen höre nicht nur die Worte. Ich spüre auch, welche Haltung mir dabei gegenüber eingenommen wird. Und ganz häufig spüre ich eben die Diskrepanz in dem, was Menschen sagen und ob sie es auch wirklich so meinen, ob sie wirklich überzeugt davon sind. Vor allem aber: Ob sie mich dabei wirklich sehen oder nur ihre eigene Geschichte.

Scheinbar sind wir oft darauf getrimmt, in uns und uns nahestehenden Menschen vorschnell die Opferrolle zu sehen. Natürlich, wir wollen dass es uns und unseren Lieben gut geht. Dass sie im besten Fall keine Schwierigkeiten haben. Doch häufig habe ich gemerkt, dass besonders in Bezug auf ein Kind ganz schnell eine Position eingenommen wird. Wenn ich von den unruhigen Nächten spreche, ist ja mit dem Kind irgendwas nicht richtig. Es ärgert mich und lässt mich nicht schlafen. Die arme Mutter! Ja, natürlich ist das auch anstrengend und Schlafmangel macht irgendwann mürbe. Aber: Statt mit allen möglichen Tipps und gut gemeinten Ratschlägen zu kommen oder mir davon zu erzählen, wie es mit den eigenen Kindern lief (und da schien es früher ja offenbar immer ganz einfach geklappt zu haben mit dem Durchschlafen und allen anderen Sachen), könnte man da auch anders rangehen.

Das stelle ich mir wirklich anstrengend vor. Aber ich finde es toll, dass du das so schaffst. Geht es euch gut damit?

Sicher, dass wir uns über unsere eigenen Erfahrungen austauschen wollen, ist auch normal. Nur sind wir dann eben in erster Linie bei uns und nicht bei dem anderen. Wir mussten da auch durch. Wir mussten ja sogar.. Das weiß ich. Da habe ich auch meinen größten Respekt vor. Und sicher hatten es andere auch schwer, hatten auch anstrengende Zeiten und haben es geschafft. Und es kann motivierend sein. Das mildert aber nicht meine eigene Erfahrung, die mich gerade herausfordert. Zuspruch, Lob, Mut machen – das hilft in solchen Momenten mehr.

Vermutlich bin ich an einigen Stellen empfindsamer für Worte. Vielleicht lege ich vieles zu sehr auf die berühmte Goldwaage. So funktioniert mein hochsensibles Gehirn. Ich arbeite an mir, nicht immer alles ernst zu nehmen, was mir Menschen sagen und wie sie mir begegnen. Das ist mein Part. Dennoch bin ich der Meinung, dass vieles unüberlegt gesagt wird und viele sich der Wirkung ihrer Worte manchmal nicht bewusst sind. Vor allem vor Kindern. Die noch alles glauben, wenn wir ihnen etwas sagen.

Und wenn ich eines nicht möchte: Dass mein Kind abwertende Worte über sich hört – und sei es nur aus Spaß – die er irgendwann immer besser versteht und plötzlich zu seiner inneren Stimme werden. Kein Kind ist ein Problem! Kein Kind ist anstrengend oder will uns willentlich ärgern. Wenn ich mit dieser Einstellung einem kleinen (oder großen Menschen) begegne, bin ich voreingenommen – ob ich will oder nicht. Denn es legt sich ein Filter über unsere Wahrnehmung und schon kann mein Gegenüber machen, was er will – ich werde wohl irgendwas an ihm finden, was anstrengend ist.

Es gibt herausfordernde Situationen, anstrengende Zeiten. Probleme, die es zu lösen gilt. Es hört sich in meinen Ohren ganz anders an, wenn ich sage Ich habe ein Problem damit.. anstatt Du bist das Problem.

Jedes Kind ist genau richtig, wie es zu uns kommt. So, wie es ist. Wir haben die große und oft schwierige Aufgabe, diesen kleinen Menschen verstehen zu lernen. Und das ist anstrengend, herausfordernd und vor allem therapeutisch. Denn wir werden dabei so oft mit unserer eigenen Kindheit konfrontiert und spüren vielleicht die ein oder andere Wunde, die wir zuvor noch nicht gesehen haben. Doch das ist unsere Aufgabe! Hinzuschauen, wenn etwas nicht rund läuft, wenn Situationen immer wieder eskalieren.

Aber kein Kind ist ein Problem. Nie.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.