Deine Schatzkiste

Kurz nach Deinem Tod, mein Kind, war für mich klar, dass ich einige Deiner persönlichen Dinge gerne aufheben möchte. Anfangs konnte ich mich kaum von irgendetwas trennen, das einmal in Berührung mit Dir stand. Jedes noch so kleinste Teil wollte ich am liebsten aufheben. Als würde noch etwas von Dir daran hängen. Diese ganz akute Zeit, direkt nach Deinem Tod, war höchst emotional. Das gesamte erste Jahr danach war eine der schwerste Zeiten meines bisherigen Lebens.

Ich wollte gerne eine Art Schatzkiste für Dich füllen. Sie sollte aus Holz sein und viel Platz bieten, damit ich so viel wie nur möglich von Dir darin verstauen kann. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass irgendwann vielleicht nur noch diese Kiste von Dir übrig bleiben würde – denn alles von Dir aufzuheben, hätte mich irgendwann platztechnisch herausgefordert.

Bei einem Besuch in einem Möbelgeschäft fand ich sie dann. Deine Kiste. Es war rund vier Wochen nach Deinem Tod. Mit der Befüllung ließ ich mir noch etwas Zeit. Ich wollte in meiner Trauerarbeit nichts erzwingen. Alles sollte aus inneren Impulsen heraus erfolgen – dann fühlte es sich richtig an. Und dann war es auch richtig für mich. Die ersten Wochen konnte ich Deine Sachen noch nicht berühren. Alles blieb unangetastet, seitdem Du gestorben warst. In Deinem Zimmer legte sich allmählich immer mehr Staub auf die Möbel und Spielsachen. Nur zum Lüften gingen wir hinein. Deine Zimmertür stand immer offen – ich konnte jeder Zeit hineinblicken. Sie zu schließen, fühlte sich einfach nicht richtig an. Es war unsagbar schwer zu realisieren, dass Dein Platz an unserem Tisch und neben mir im Bett nun für immer leer bleiben würde. Diese Endgültigkeit, diese Leere – sie rissen mich mit, in ihre schmerzhafte Tiefe.

Ich weiß nicht mehr, wann genau es war. Ich glaube, rund zwei Monate nach Deinem Tod, spürte ich den Impuls, Deine Kleidung verwahren zu wollen. Im Gespräch mit der Psychologin Deiner Station kam die Idee, etwas aufzubewahren, das noch den Geruch des Verstorbenen trägt. Denn gerade dieser Sinneseindruck geht in der Erinnerung schnell verloren. Und besonders bei uns beiden – die so eng miteinander waren – war dieser Eindruck stets sehr präsent. Ich besorgte mir also Tüten, die ich halbwegs luftdicht verschließen konnte und setzte mich dran. An die Kleidungsstücke, die Du zuletzt getragen hattest. Ein süßlicher Duft stieg in meine Nase, denn ich konnte darin erkennen, wie sehr sich Dein kleiner Körper schon vom Leben verabschiedet hatte. Während ich die Stoffe unter meine Nase hielt, schossen Tränen in meine Augen und Bilder in den Kopf. Ich sah Dich wieder in Deinen letzten lebendigen Momenten. Ich hatte die Bilder vor Augen, wie Du friedlich in diesem kleinen Sarg gebettet warst. Du warst wirklich gegangen. Du warst tot. Du bist tot, mein Kind. Unfassbar, immer noch.

Nach und nach packte ich immer mehr in diese Schatzkiste, das Dir und auch mir lieb und heilig war. Es wurde allmählich eng. Ich musste Prioritäten setzen. Besonders als ich Deinen Vater verließ, mussten Prioritäten her. Ich ließ ihm den Vorrang zu entscheiden, was er gerne von Dir behalten möchte – denn letztlich hatte ich zu allen Gegenständen und Kleidungsstücken von Dir einen Bezug. In meiner eigenen Wohnung nahmen Deine Sachen noch sehr viel Platz ein, denn ich wollte Dich bei meinem Neuanfang irgendwie dabei haben. Auch wenn ich mir immer wieder sagte, dass Du auf eine andere Weise noch da bist und Deine Seele nicht an irgendwelche Gegenstände aus Deinem Leben gebunden sind, brauchte ich noch etwas Greifbares. Dinge, die ich berühren konnte und mir zeigten: Es hat Dich gegeben. Denn Dein Tod war so unbegreiflich. Manchmal ist er das für mich heute noch.

Deine Gegenstände und Habseligkeiten waren ein fester Bestandteil in meiner neuen Wohnung, in meinem neuen Leben. Ich ging offen damit um, wenn Kinder zu Besuch waren und sie damit spielen wollten. Einzig Deine Gitarre – diese hatte ich auf einem Regal platziert und sollte unberührt bleiben. Sie war zum Schluss Dein ständiger Begleiter. Anfangs war ich noch etwas angespannt und wies darauf hin, dass die Kinder mit Deinen Spielsachen vorsichtig umgehen mögen. Ich wollte auf keinen Fall, dass etwas davon kaputt ging. Auf die Frage eines Siebenjährigen Warum muss ich aufpassen? Er ist doch tot, das stört ihn doch nicht mehr – entgegnete ich erstaunlich gelassen, dass mir die Sachen wichtig sind und ich nicht möchte, dass sie beschädigt werden.

Eine ganze Weile später, als mein nächster großer Umzug zu meinem Herzmenschen bevorstand, fand noch einmal ein kleiner Umbruch in mir statt. Das war knapp zwei Jahre nach Deinem Tod, mein Kind. Während ich damit beschäftigt war, nach und nach meine Habseligkeiten zu verpacken, spürte ich diesen Impuls, einiges von Dir abzugeben. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, noch einmal all diese vielen Sachen von Dir mitzunehmen und Ihnen einen Raum zu geben. Ich empfand den Gedanken sehr heilsam, dass es Kinder gab, die diese Dinge gerade gut gebrauchen könnten – während sie bei mir im Regal nur verstauben. Einiges verkaufte ich. Vieles spendete und verschenkte ich. Sogar Deine Kinderstation bekam einen großen Teil davon und nahm es dankend an. So fühlte es sich gut für mich an. Denn insgeheim wusste ich: Es wird mich in meiner Trauer um Dich voran bringen, wenn ich mich von materiellen Dingen trennen kann. Etwas befreiendes hatte es jedes Mal.

Deine Schatztruhe bekam immer einen festen Platz in meiner neuen Wohnumgebung. Irgendwie mitten drin, aber auch nicht zu präsent. Nach und nach rückten Deine Sachen mehr in den Hintergrund und ließen Platz für Neues. Immer wieder folgte ich den inneren Impulsen, etwas davon auszusortieren und gab mich diesen Prozessen ganz bewusst hin. Meistens unter Tränen, denn mit jedem Teil, das durch meine Hände ging, wurde Dein Tod wieder greifbar. Aber eben auch Dein kurzes und wundervolles Leben, dass wir zusammen teilen durften.

Ich konnte mir eine ganze Zeit nicht vorstellen, dass diese übrigen Gegenstände in Deiner Schatzkiste noch einmal verwendet würden. Immerhin gehören sie zu Dir und ich hatte viel zu große Bedenken, was das in mir auslösen würde, wären sie wieder richtig in Gebrauch, richtig in den Alltag integriert.

Und dann kam Dein kleiner Bruder. Schon bei einigen Deiner Kleidungsstücke hatte ich vor einiger Zeit absolut keinen Zweifel, dass es wundervoll wäre, wenn er sie noch auftragen könnte. Im Gegenteil – es erfreute mich sogar und machte mich ein Stück weit stolz. Auch im Umgang mit Deinen übrigen Spielsachen war ich überraschend locker. Als er vor einigen Monaten Deine Gitarre entdeckte, war er Feuer und Flamme. Nun zupft er regelmäßig daran herum und tanzt damit zur Musik – fast, wie Du. Denn er macht es auf seine Art, zu anderer Musik. Und der einzige Gedanke, der mir dabei aufkommt: Ich gebe wohl etwas sehr musikalisches an meine Kinder weiter – wie schön.

Immer mehr von Deinen Spielsachen und Habseligkeiten finden hier ihren Platz in unserem Alltag. Sie liegen nicht mehr verstaut in einer Kiste als Erinnerungsstück. Sie dürfen noch einmal für weitere Erinnerungen sorgen. Dein kleiner Bruder erkundet zur Zeit sehr gerne Deine Schatzkiste. An einem Tag nahm ich dann Deine eingetüteten Kleidungsstücke heraus. Auch die Bettwäsche, auf der Du zum Schluss geschlafen hattest, war dabei. Ich hatte all das nicht mehr gewaschen – wollte ich doch irgendwie Deinen Geruch erhalten. Als ich die Tüte öffnete, spürte ich dieses mulmige Gefühl in meinem Bauch, denn ich hatte etwas Angst, was das nun mit mir machen würde. Und dann roch ich nur eines: Waschmittel. Dieser Duft legte sich über die Zeit auf all die Plüschtiere und Spielsachen in der Kiste. Irgendein Teil davon hatte ich wohl mal gewaschen und nun kroch der Duft in jeden Gegenstand. Auch durch die Tüten – leider. Von Deinem ganz persönlichen Geruch ist nichts mehr übrig.

Es ernüchterte mich ein wenig, doch es ist okay. Denn es zeigt mir wieder einmal, dass in dieser Trauerarbeit auch Erinnerungen endlich sein können. Dass alles irgendwann verblasst und nicht mehr ganz so greifbar ist. Dass nicht alle Sinneseindrücke konserviert werden können. Aber dafür entsteht Raum für neue Erinnerungen. Und diese darf ich – was für ein großes Glück – mit Deinem kleinen Bruder schaffen. Darum schnuppere ich das ein oder andere Mal mehr an seinem zarten blonden Haar, genau, wie ich es bei Dir tat. Denn dieser Geruch wird sich verändern. Aber das Gefühl wird wohl das gleiche bleiben.

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