Dein Platz

• Dein Name •

Momentan geht er wieder öfter über meine Lippen – der Name meines ersten Sohnes. Seitdem sein kleiner Bruder in unserer Mitte ist, gibt es Phasen, in denen er häufig, gar nicht oder auch einfach nur mal hier und da Erwähnung findet. Ganz normal, finde ich. Immerhin ist er ja nun mal mein Kind. Und Eltern sprechen gerne über ihre Kinder. Auch wenn sie tot sind.

Mir fiel nur in den letzten Tagen auf, dass sein Name wieder häufiger im Alltag zu hören ist. Dann, wenn ich mit seinem kleinen Bruder vor seinem Foto stehe und ihm erkläre, was darauf zu sehen ist. Dann, wenn mir doch wieder einfällt, wie das so mit meinem ersten Sohn damals war – im Vergleich zu seinem kleinen Bruder. Dann, wenn ich mein kleines Herzenskind doch mal mit dem Namen seines großen Bruders anspreche. Wenn auch nur kurz und nicht vollständig – weil mein müdes Gehirn doch bemerkt, wer da eigentlich vor mir sitzt. Doch besonders in diesen Momenten – da zieht sich noch mein Magen kurz zusammen. Denn auch wenn ich weiß und sage, dass es normal ist, die Namen seiner Kinder mal zu vertauschen -immerhin ging es mir und meiner Schwester auch oft so- ist da noch diese kleine Beklemmung in mir. Weil mein erster Sohn tot ist. Weil da vermutlich noch der Schmerz und die Wehmut mitschwingt, wenn mir das passiert.

Als ich nun meinen kleinen Sohn mit dem Namen seines Bruder ansprach, hatte ich plötzlich diesen verrückten, aber auch heilsamen Gedanken: Da ich davon ausgehe, dass mein erster Sohn immer noch irgendwie da ist und vielleicht eine gewisse Verbindung aufrecht halten möchte, könnte dies auch ein kleines Zeichen sein. Als hätte er mich angestupst, um sich bemerkbar zu machen. Hey Mama, ich bin auch noch da.

Denn ich glaube schon, dass es kein Zufall ist, dass er gerade wieder so präsent ist. Auch bei einer Behandlung meiner Heilpraktikerin war er da. In einem entspannten Moment. Nur wir beide. In meiner Vorstellung. Ich habe es genossen. Und war dankbar. Denn das zeigt mir, dass er einen Platz hat, auch wenn er die Aufmerksamkeit mit seinem kleinen Bruder teilen muss. Es ist also doch vergleichbar mit Eltern, die mehr als ein lebendes Kind bei sich haben.

• Deine Sachen •

Dass viele der Spielsachen und Kleidungsstücke meines ersten Sohnes nun noch Verwendung finden, finde ich so wundervoll. Es macht mich glücklich, dass mein kleines Herzenskind auch Freude daran haben kann. Und natürlich: Es hängen Erinnerungen an all diesen Stücken. Manches ist schon verblasst. Einiges dafür umso präsenter.

Kleine Figuren meines ersten Sohnes werden auch von seinem kleinen Bruder mit ins Spiel einbezogen. Und während ich bereits ihm und seinen Papa erzählte, welchen Ursprung diese Figuren haben – kommt an einem Tag plötzlich eine Erinnerung auf, die mir doch nochmal ein wenig Schmerz bereitete. Denn zwei dieser Figuren waren ein Geschenk für ihn – von einer Apothekerin. Während seiner Krebstherapie waren wir Stammkunden in der Apotheke um die Ecke und sie waren immer ausgesprochen bemüht, all die außergewöhnlichen Medikamente und Verbandsmaterialien zu beschaffen. Irgendwann kennt man sich dann eben und wird schon mit Namen begrüßt. Besonders die eine Apothekerin, ich sehe sie noch vor mir, war besonders liebenswert und schaute immer im Fundus ihrer Werbegeschenke, ob für meinen Sohn etwas dabei war.

In den letzten Wochen seines Lebens haben sie uns nur noch selten als Familie gesehen, da wir die Medikamente zu uns nach Hause senden ließen. Erst als mein Sohn gestorben war, gingen wir wieder dort hin. Ich weiß nicht mehr genau, welcher Anlass. Ob ich etwas für mich benötigte oder noch noch etwas Unbenutztes meines Sohnes wieder zurückbringen wollte. Jedenfalls stand sie da, diese nette Apothekerin und griff bereits automatisch in ihre Geschenkschublade. Noch eine Kleinigkeit für Ihren Sohn? Ich schaute sie an, mit Tränen in den Augen und sagte ihr: Wir brauchen das leider nicht mehr. Sie war sichtlich ergriffen und bekundete uns ihr aufrichtiges Beileid.

Diese Worte fielen mir nun also wieder ein. Wir brauchen das leider nicht mehr. Und damit die Erinnerung, wie unsagbar schwer und kaum auszuhalten diese erste Zeit nach seinem Tod war. In der ich immer wieder Menschen mitteilen musste, dass mein Kind nicht mehr am Leben ist. In der ein Schreiben der Kindergeldkasse nach Hause kam, in dem kondolierende Worte standen mit der angefügten Bitte, das zu viel gezahlte Kindergeld für einen Monat bitte zurückzuzahlen. Es war nicht immer nur Zeit zum Trauern. Die Realität hat mich pausenlos auf den Beinen gehalten. Rückblickend – gut so. Wer weiß, wie sehr ich sonst den Halt verloren hätte.

Auch jetzt, nach mehr als fünfeinhalb Jahren, ist die Realität, das Jetzt, mein Anker. Hält mich auf den Beinen und lässt mich so richtig am Leben teilhaben. Denn da sitzt dieser kleine Mensch, der aus dieser bedingungslosen Liebe zu meinem Herzmenschen hervorgegangen ist. Diese beiden Menschen, die mich noch einmal mit so viel Gefühl erfüllen, sodass ich genau weiß: Hier gehöre ich hin. Hier ist mein Platz. Und mein erster Sohn gehört einfach mit hinein – in dieses schöne neue Leben.

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