Ich habe schon so viel gesagt und geschrieben. Zu Deinem Leben und zu Deinem Tod. Es fühlt sich so an, als hätte ich schon alles gesagt. Als gäbe es nichts mehr dazu zu sagen. Doch irgendwo finde ich doch noch ein paar Worte. Für Dich. Über Dich. Über mich.

Mein Kind, da oben auf Deiner Wolke. Kannst Du mich hören? Kannst Du mich sehen?
Kannst Du hören, wie ich in meinen Gedanken manchmal zu Dir spreche? Wie ich zu Dir sage, wie sehr ich Dich vermisse und dass ich manchmal gerne bei Dir wäre. Manchmal, wenn der Schmerz über alles so groß ist, dass ich mir wünschte, ich wäre mit Dir gegangen. Doch ich weiß, dass es so nicht vorgesehen war für mich. Dass ich noch eine Aufgabe habe.
Kannst Du sehen, wie es mir hier unten geht? So ohne Dich? Wie sich gute und schwierige Tage abwechseln. Wie Stürme wüten und danach der Sonnenschein folgt. Wie am Ende der Dunkelheit doch irgendwo wieder ein Licht zu sehen ist.
Seitdem Du tot bist, lebe ich das alles bewusster. Intensiver. Dein Verlust hat mich erwachen lassen, auf so vielen Ebenen.

Sechs Jahre bist Du nun also nicht mehr auf dieser Welt. Meistens ist der Sommer für mich schwierig. Besonders, wenn er so heiß ist, wie vor sechs Jahren. Die Sinneseindrücke triggern mich dann sehr und oft fühle ich mich an Tagen, an denen es nach warmen Asphalt und Sommerluft riecht, wieder in die Zeit zurückversetzt. In die schwerste Zeit meines bisherigen Lebens. Ich musste mich von Dir verabschieden, jeden Tag mehr. Jeder Tag, an dem Dein kleiner Körper mehr und mehr gezeichnet wurde von dieser Erkrankung, führte mir vor Augen, dass ich Dich bald gehen lassen muss. Dabei hatte ich Dich doch -gefühlt- gerade erst auf diese Welt gebracht. Drei Jahre sind einfach keine Zeit für ein Leben. Zu kurz. Und manch ein Leben endet noch schneller – das weiß ich, seitdem ich zwei weitere Seelen früh gehen lassen musste.
Wo etwas endet, darf auch wieder etwas beginnen. Mit dem Ende Deines jungen Lebens, unseres gemeinsamen Lebensweges, eröffnete sich für mich ein neuer Weg, ein neues Leben. Nach einer langen, dunklen Regenzeit, in der ich viel und intensiv um Dich trauerte, folgte Licht. Die Wolkendecke lockerte sich und ließ wieder Sonnenstrahlen hindurch. Schon kurz nach Deinem Tod war ich mir sicher, dass es auch wieder besser werden würde. Dass es nicht ewig so schwer und düster sein würde. Denn diese Gesetzmäßigkeit im Leben tritt doch immer wieder ein. Nach Regen kommt Sonnenschein. Ich muss nur vertrauen, dass nach schweren Zeiten auch wieder gute kommen werden. Dass mein Leben schon weiß, wie lang ich etwas aushalten kann.
Nun halte ich es also schon sechs Jahre aus. Ohne Dich. Und die Zeit vergeht irgendwie immer schneller. Dein kleiner Bruder ist nun in dem Alter, als bei Dir vor sieben Jahren Deine riesige Operation bevorstand. Dein kleiner Bruder ist das blühende Leben. Er hat seine ganz eigene Persönlichkeit. Doch wenn ihr eines gemeinsam habt, dann ist es wohl ein starker Wille. Ihr kleinen Menschen wisst noch ganz genau, was richtig und wichtig für euch ist. Schon Dir durfte ich vertrauen, dass Du für Dich einstehen kannst und Deine Grenzen zeigst. Das habe ich im Alltag auf der Kinderkrebsstation täglich sehen dürfen. Und Dein kleiner Bruder ist ebenso in der Lage, für sich einzustehen. Er zeigt mir, was er braucht und was er nicht will. Ich darf vertrauen. Heute schaffe ich das immer besser und immer mehr, als ich es bei Dir konnte. Es tut mir Leid, dass ich damals noch eine andere Mutter war, als heute. Gerne hätte ich vieles anders gemacht. Doch ich weiß, ich habe mein Bestes gegeben zu dieser Zeit.
Dieser Sommer ist so anders, als die letzten Jahre. Kühler, dunkler. Viel öfter haben wir Regen und Stürme. Die große, lange Hitze blieb uns bisher erspart. Und ich finde es gut. Denn so fällt es mir nicht schwer, am Leben da draußen teilzunehmen. Auch für Deinen Bruder. Denn an den heißen Tagen habe ich mich oft lieber daheim eingeigelt, was die Erinnerungen an die letzte Zeit mit Dir noch präsenter machte. Da dieser Sommer also viel aktiver ist, als die letzten, komme ich gut zurecht mit den Gedanken an Dich.
Und dennoch: Der Sturm, der gerade da draußen wütet, wühlt auch in mir einiges auf. Ich spüre den Impuls, zu Deinem Grab zu müssen. Über ein Jahr war ich nicht mehr dort. Ob Du mir deswegen böse bist? Ein komischer Gedanke, ich weiß. Eigentlich ist es doch nur der Ort, an dem Deine sterblichen Überreste liegen. Das, was ich sehen und anfassen konnte. Und manchmal frage ich mich, was davon wohl noch übrig ist, nach sechs Jahren.
Etwas von Dir ist geblieben, das spüre ich. Manchmal mehr, manchmal weniger. Oft habe ich das Gefühl, die Verbindung zu Dir zu verlieren. Und genau dann zeigst Du mir, dass Du irgendwie noch da bist. Aber es fühlt sich nicht greifbar an. Nur spürbar. Doch genau das ist es, was ich durch Deinen Tod lernen durfte: Spüren, fühlen, ganz tief hinein. Dort liegt alles verborgen, was wichtig ist. All das, was mich auf meinen Weg bringt, was für mich richtig und gut ist.

Der Tag, an dem Du gegangen bist, vorausgegangen bist, wird nie leicht sein. Die Zeit vor diesem Tag wird wohl auch noch eine ganze Weile, jedes Jahr, immer mal wieder schwierig sein. Dieser Tag zeigt mir jedes Jahr wieder deutlicher, was ich bereits verloren und aufgegeben habe. Aber dennoch sehe ich auch, was mir wieder vom Leben geschenkt wurde und wirklich wichtig in meinem Leben ist.
