Schulzeit

Ich denke immer mal wieder an meine Schulzeit zurück. Immerhin habe ich 13 Jahre meines jungen Lebens in schulischen Einrichtungen verbracht – wenn ich meine Ausbildung hinzuzähle, kommen noch drei weitere Jahre hinzu. Das ist eine so wahnsinnig lange Zeit, wenn ich darauf zurückblicke.

Ich habe bis jetzt also rund die Hälfte meines Lebens damit verbracht, in geschlossenen Räumen auf unbequemen Stühlen zu sitzen und mir das so hochgeschätzte Allgemeinwissen bei schlechter Beleuchtung erklären zu lassen. Die Qualität dieser Wissensvermittlung stieg und fiel mit den Lehrkräften, die da vorne um Aufmerksamkeit baten.

Aus jeder der Schulen, die ich besuchte, sind Erinnerungen an Räumlichkeiten, Personen und Situationen hängengeblieben. Immer mal wieder suchen mich diese Bilder in meinen Träumen heim und mein Unterbewusstsein erstellt daraus spannende neue Szenarien. Daran sehe ich, wie prägend diese Zeit für mich war. Doch vom Lehrstoff träume ich nicht. Die Menschen, mit denen ich damals diese Räumlichkeiten und Zeit teilte, haben Eindrücke bei mir hinterlassen. Besonders in meiner Gefühlswelt.

Wenn ich mit anderen Menschen über meine Schulzeit spreche, fällt die Beschreibung von mir meistens immer gleich aus: Ich war ziemlich gut in der Schule. Und ich wurde eigentlich meine gesamte Schullaufbahn gemobbt. Es war nicht einfach. Bereits in der Grundschule war ich das größte Mädchen, teilweise größer als andere Jungs in meiner Klasse, und konnte ziemlich gute Noten vorweisen. Ja, ich hatte wohl auch ein Stück – ich würde es nicht Vorteil nennen – Voraussicht auf das, was mich erwartet, weil meine ältere Schwester all das mit drei Jahren Vorsprung erlebt hat. Während ich wirklich wahnsinnig interessiert daran war, alles mögliche zu lernen, hatte ich aber auch noch einen weiteren Antrieb: Meine Eltern zu beeindrucken. Während sie mir zwar immer wieder suggerierten, dass ich nur für mich lerne und mich nicht unter Druck setzen sollte, sah ich aber gleichzeitig, wie sehr meine Schwester unter dem Druck von außen litt. Sie konnte vieles nicht so schnell erfassen, wie ihre jüngere Schwester und brauchte oft noch mehr Nachhilfe. Irgendwann ging dann bei allen Beteiligten die Geduld und das Verständnis verloren – und bei mir hat sich das Bild geformt: Ich muss gute Noten schreiben, damit es keinen Ärger gibt. Natürlich hat auch die Reaktion der Lehrer einen großen Einfluss gehabt. Die guten Schüler waren gern gesehen, machten ja keine Probleme oder unnötige Arbeit. Erwartung erfüllt, ganz einfach. Und natürlich wurde damit auch ganz klar das Selbstwertgefühl des Lehrers gefüttert – denn die haben ja offenbar einen guten Job gemacht, wenn die Kinder alles verstanden haben.

Da es mir ziemlich leicht von der Hand ging, den Lernstoff zu verinnerlichen, konnte ich mich nebenbei auch mit anderen Dingen in der Schule beschäftigen: Und das waren ganz klar die Menschen. Hätte es in meiner Kindheit schon das Wissen um Hochsensibilität gegeben, wäre ich wohl anders durch die Schulzeit gegangen. Denn ich habe ich schon damals so viel wahrgenommen, konnte mich manchmal kaum konzentrieren, bei all den Reizen, wenn ich sie nicht komplett verdrängte. Schon früh habe ich mich gefragt, warum sich Menschen wie verhalten. Bereits in der Grundschule habe ich nicht verstanden, warum meine Klassenlehrerin bestimmte Schüler mehr mochte, obwohl die doch auf dem ersten Blick schlechter in der Schule waren. Meine einfache Milchmädchenrechnung „guter Schüler = gutes Ansehen beim Lehrer “ ging ja demnach nicht auf. Doch ich sah schnell, dass es eine weitere treibende Kraft für gute menschliche Beziehungen gab: Geld. Die gutsituierten Kinder, deren Eltern selbständig waren, hatten eine etwas andere Position. Ich konnte eben nur mit guten Noten in der Schule glänzen.

Auch die weiterführenden Schulen stellte vorm Lerninhalt weniger Probleme für mich dar. Leistung abliefern konnte ich eigentlich immer. Was mich jedoch mit zunehmenden Alter beschäftigte, waren die Mitschüler. Ich spürte offenbar schon so viel – besonders, wenn ich mit anderen nicht harmonierte. Viele Kinder haben sich damals gemein mir gegenüber verhalten. Kinder sind nunmal so, würden jetzt viele sagen. Ja, viele Kinder sind so. Aber ich habe mich schon damals gefragt: Warum? Warum sind die so gemein? Warum muss mich dieser eine Junge ständig ärgern? Auf dem Schulweg, in den Pausen auf dem Schulhof, auf dem Heimweg? Warum kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen, denn ich habe ihm doch nichts getan? So oft vergoss ich Tränen, hatte Angst auf meinem Schul- und Heimweg. Besonders, als er sich mit älteren Freunden seines Bruder verbündete und mir einer davon in der Pause eine volle Cola-Dose an den Kopf warf. Ich sprach ihn sogar darauf an, warum er mich nicht in Ruhe lassen konnte. Doch es kam nur ein hämisches Gelächter und die Worte Weil´s Spaß macht. Ich fühlte mich hilflos. Mein Vater klärte es damals für mich – ein bisschen zu eindrucksvoll für meinen Geschmack – aber immerhin hatte ich dann meine Ruhe. Damals war ich froh, in dieser Zeit ein sehr liebe und einfühlsame Klassenlehrerin zu haben – die mich sah. Als kompletten Menschen. Die sah, wie sehr ich unter diesem Druck litt, den ich mir machte und wie schwer ich es mit den Mitschülern hatte. Sie empfahl mir damals, noch nicht ab Klasse 7 das Gymnasium zu besuchen, obwohl meine Noten absolut dafür sprachen – und es war eine so gute Entscheidung, denn sie war sich sicher, ich muss seelisch noch gefestigter sein.

Egal, auf welcher Schule ich war – überall gab es Menschen, mit denen ich meine Probleme hatte. Obwohl ich doch unbedingt mit allen gut Freund sein wollte. Ja, ich war schon immer harmoniebedürftig. Und es machte mich fertig, dass viele Mitschüler mich nicht mochten und mir dies auch deutlich zeigten. Ich hatte meine Freunde, mit denen ich die Zeit in den Pausen verbrachte. Ich hatte vor allem eine Freundin seit der Grundschule, die eigentlich immer neben mir saß. Sie war mir ungemein treu, egal welche Wandlungen ich durchzog. Doch ich hatte immer diesen Drang, alle möglichen Menschen kennenlernen zu wollen und freundete mich für gewisse Zeiträume mit einigen Mitschülern an. Meistens waren es Mädchen, denn klar: In der Pubertät gibt´s dann eben irgendwo bestimmte Themen, die man nur mit dem eigenen Geschlecht besprechen möchte. Ich kniete mich rein in diese Freundschaften, ohne dabei zu sehen, dass ich oft schamlos ausgenutzt wurde: Für Hausaufgaben, für Snacks in den Pausen, für die Ausreden, wenn man nach dem nachmittäglichen Treffen abends zu spät nach Hause kam. Und irgendwann verliefen all diese Freundschaften im Sande. Es schwamm zu sehr an der Oberfläche und war mir nicht tiefgründig genug.

Als ich dann meinen ersten Freund in der Realschulzeit hatte, änderte sich mein Stil: Ich trug nur noch schwarz, Totenköpfe und fiel enorm auf im damaligen Einheitsbrei. Ich hörte andere Musik und grenzte mich bewusst immer mehr von allen ab. Ich wollte nur noch meine Schule gut machen und habe die Zeit in den Pausen mit den anderen stillen Außenseitern verbracht. Sie waren einfach da und wir verstanden uns gut – doch niemand von ihnen hatte den Mut, für Ungerechtigkeit einzustehen. Täglich gingen irgendwelche Sprüche durch den Raum, Getuschel und Gelächter konnte ich kaum ausblenden – ich nahm einfach alles wahr. Mir wurden Zettel im Unterricht zugeschoben, auf denen schlimme Worte über meine Schulfreundin standen. Ich wollte bei all diesen Sachen nicht mitmachen und das stieß sauer auf. Ich habe immer auch bewusst den Kontakt zu Außenseitern gesucht, weil ich vermitteln wollte. Weil wenigstens ich zeigen wollte: Hey, du bist nicht allein damit. Doch Mobbing ist so eine starke, treibende Kraft und es ist schwer, all dem etwas entgegenzusetzen, wenn ein Großteil der Klasse nichts gegen die Anführer sagt. Es ist einfacher, still mit dem Strom zu schwimmen, als die Kraft aufzuwenden, sich dagegen zu bewegen.

Irgendwann verlor ich dann meine Beherrschung. Eine ganze Weile, es ging über Monate, gab es eine Gruppe von Jungen, die mich bei jeder Gelegenheit mit den Worten „Hexe“ begrüßten. Sie waren zwei Klassen unter mir, es war in meinem letzten Jahr auf der Realschule. Alle waren mindestens einen Kopf kleiner als ich. Mein Kleidungsstil veranlasste sie zu dieser netten Namensgebung und ich versuchte es, so gut es ging, im Schulalltag auszublenden. Doch irgendwann hörte ich diese Worte vor meiner Haustür. Morgens um sieben. Vor der Schule. Einige von ihnen wussten also offenbar, wo ich wohnte und sie riefen lauthals „Hexe“ auf unserer Straße. Da war es dann bei mir vorbei. Ich war wütend und voller Adrenalin, als ich mit dem Fahrrad in die Schule fuhr und schwor mir: Wenn ich einen von ihnen jetzt in die Finger bekomme, kann ich für nichts garantieren. Vor dem Unterricht konnte ich keinen von ihnen entdecken. Doch in der ersten großen Schulpause standen sie wieder da, in ihrer kleinen sicheren Gruppe und begrüßten mich mit diesem tollen Pseudonym, das sie sich für mich erdachten. Und dann brannte meine Sicherung durch: Wütend ging ich auf sie zu und schnappte mir einen von den Halbwüchsigen am Kragen, drückte ihn über meine Kopfhöhe und schrie ihn an, er und seine halbstarken Freunde sollen mich endlich in Ruhe lassen, sonst lernen sie mich besser kennen. Er winselte, rief um Hilfe, wollte runter. Seine Freunde standen hilflos und erschrocken daneben. Der ganze Schulhof stand still. Niemand hatte das von mir erwartet. Ich auch nicht. Doch nach jahrelanger Geduld und dem gut gemeinten Rat meiner Mutter, ich solle nicht hinhören, konnte ich einfach nicht mehr. Und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Natürlich verpetzten mich die Halbstarken bei ihrem Klassenlehrer und ein gemeinsames Gespräch fand statt. Ich stellte mich auf alles ein und wusste natürlich, dass Gewalt keine Lösung war. Doch dann passierte etwas, womit ich nicht rechnete: Der Klassenlehrer der Jungs, der auch mein Musiklehrer war, faltete die Halbstarken zusammen, was sie sich denn einbildeten, es mit mir aufnehmen zu wollen. Sie durften sich einen Vortrag anhören und ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Später sagte er mir noch, ich hätte ruhig noch mehr machen können – für mich hätte es keine Konsequenzen gegeben, weil ich mich endlich gewehrt hatte. Einen diesen Halbstarken traf ich später auf dem Gymnasium wieder. Während ich im Abiturstress war, kam er gerade auf der Schule neu an und suchte sich einen Verbündeten, mit dem er wieder die „Hexen-Nummer“ abziehen konnte. Mit etwas mehr Erfahrung im Gepäck, ging ich dann anders damit um: Ich ging zu ihm, legte meinen Arm um ihn, was ihn sichtlich erröten ließ und erzählte dem Jungen, der einen Kopf kleiner war als ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt andere Sorgen hatte, als mich mit dem Kinderkram herumzuärgern. Und er sollte das lieber auch tun, wenn er sein Abitur schaffen möchte. Wie ein kleiner, räudiger Hund knickte er ein, entschuldigte sich bei mir und zog davon. Ab diesem Tag grüßten wir uns freundlich in der Schule.

Ja, Mobbing und Ungerechtigkeiten erlebte ich viel in meiner Schulzeit. Meine Hochsensibilität machte es mir nicht leicht, denn so viel bekam ich mit, was ich lieber hätte ausblenden wollen. Dann wäre wohl vieles für mich einfacher gewesen. Doch ich konnte mir nur immer wieder mantramäßig die Worte meiner Mutter ins Gedächtnis rufen: Mach dir nicht über alles so viele Gedanken. Deine Mitschüler sind nur neidisch. Mein Gehirn war aber eben noch nie dafür konzipiert, sich keine Gedanken zu machen. Ich machte mich immer zu viel davon. Genau wie von Nudeln. Ich wollte immer verstehen, warum sich meine Mitschüler auf ihre Weisen verhielten. Das Zwischenmenschliche war für mich offenbar schon immer von größerem Belang. Ich versuchte meine Konzentration und Energie in den Unterrichtsstoff zu lenken, meine Noten so zu gestalten, dass ich am Ende mit einem guten Abschluss von der Schule gehen kann. Denn darum ging es ja schließlich: Mit einem guten Schulabschluss kannst du einen guten Job bekommen. Es war ein enormer Druck, von außen und von innen. Was zuerst und treibender war – ich weiß es nicht mehr. Doch es schaukelte sich hoch und ich weiß, wie verzweifelt ich vor meinen Abiturprüfungen war. Wie sehr ich Medizin studieren wollte und wusste, mein Abschluss würde nicht reichen. Wie oft ich in dieser Zeit umzog aufgrund privater Missstände und dass wir unser Leben damals noch mit einem Minijob über Wasser halten mussten. Ich musste mich neben der Schule mit so vielen „Erwachsenendingen“ beschäftigen, die eine Menge Energie und Konzentration von mir verbrauchten. Doch am Ende waren es eben genau diese Dinge, aus denen ich für mein Leben gelernt habe. Keine Wahrscheinlichkeitsrechnung oder chemische Reaktion habe ich in meinem späteren Leben nochmal gebraucht. Nix davon. Ich habe mich mit Lerninhalten befassen müssen, die mich in den Wahnsinn trieben, damit ich sie für Klausuren abrufbar hatte, um sie kurz darauf wieder zu vergessen – für die nächste 5-Minuten-Wissens-Terrine.

Heute blicke ich auf diese Zeit und erkenne, was mir schon immer wichtig war. Damals dachte ich, es kam mir auf die guten Noten an. Aber jetzt sehe ich, dass ich schon immer die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Gespräche, die Dynamiken unter den Menschen spannender fand. Ich wünschte mir dort Harmonie und Zusammenhalt, während bei uns daheim die Familie zerbrach. Ich versorgte meine Mitschüler mit selbstgebackenem Kuchen, gründete kleine Koch- und Fernsehgruppen. Ich wollte mit Menschen in Verbindung stehen und sie gut kennenlernen. Ich wollte alle mit dem anstecken, was jeder Mensch so gut gebrauchen kann, um es weiterzugeben: Liebe. Heute sehe ich es aus einem anderen Blickwinkel und muss damit leben, dass ich nicht mehr ändern kann, was ich damals gerne anders gemacht hätte. Diese Zeit hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich nun bin. Die Erkenntnisse aus meiner Schulzeit werden irgendwann für mein Herzenskind wichtig sein. Hinzu kommen dabei die Erfahrungen von meinem Herzmenschen, die ebenfalls sehr prägend für sein weiteres Leben waren. Wir haben unseren Blick und unsere Meinung von dem Schulsystem, das in unserem Land gelebt wird. Doch bei all den vielen Ansichten darüber, können sich wohl alle darüber einig sein: Gut und gesund ist es für die Kinder nicht. Doch jeder steht selbst in der Verantwortung, da für sein eigenes Kind zu sorgen und einen Weg zu finden. Wir haben noch Zeit, doch sind wir uns jetzt schon über vieles klar. Es wird anders sein – wie schon der bisherige Weg mit unserem Herzenskind.

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