Leidensweg

In der Psychotherapie wird oft von einem Leidensweg gesprochen, den die Betroffenen hinter sich haben, sobald sie den Weg in die Behandlung finden. Ein bewegtes Leben hat wohl jeder Mensch, denn Stillstand ist meistens nicht von Dauer. Die einen haben – von außen betrachtet – ein wohl eher unspektakuläres Leben, vieles läuft in geraden und geordneten Bahnen und schwere Schicksalsschläge sind nur selten zu finden. Verluste sind auch da gewiss, denn der Tod ist ja allgegenwärtig. Nur hat der Betroffene scheinbar eine gute Resilienz entwickelt und kann die Herausforderungen in seinem Leben recht gut verkraften, sodass kein Leiden bei ihm entsteht. Kurz gefasst. Und dann gibt es die anderen und die anderen und die anderen. Menschen, die durch Herausforderungen etwas ins Wanken geraten, aber mit etwas Unterstützung wieder gut zurechtkommen. Menschen, die von Beginn ihres Lebens kämpfen müssen und viele schwere Schicksalsschläge aushalten müssen. Die, von außen betrachtet, eigentlich schon längst aufgeben müssten, weil das doch eine Seele alles gar nicht aushalten kann. Die Unterstützung brauchen, ihr gesamtes Leben, weil es allein kaum zu ertragen ist. Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eine eigene Resilienz, also eine Fähigkeit, mit Stress und Herausforderungen angemessen umgehen zu können. Aber was ist schon angemessen? In unserer Gesellschaft würde ich wohl davon sprechen, dass die Ansicht besteht, der Mensch kann – trotz schwerer Schicksalsschläge oder enormer Belastung – noch seinen täglichen Pflichten und Aufgaben nachgehen. Die siehen, je nach Alter, natürlich anders aus. Er wird nicht handlungsunfähig und gegebenfalls behandlungsbedürftig, wenn eine gute Resilienz vorliegt. Er steckt das gut weg, könnte man sagen.

Zur Zeit begegnet mir häufig der Begriff Neurodiversität. Was ist neurotypisch, was nicht. Ein großes Spektrum. Und dahinter stehen oft Menschen, die eben diesen besagten Leidensweg hinter sich haben. Die gewisse neurologische Ausprägungen haben, die von einer gesunden Norm abweichen. Ob diese Norm wirklich gesund ist, stelle ich mittlerweile sehr infrage. Denn in einer leistungs- und gewinnorientierten Gesellschaft kann die Norm nicht gesund sein. Nicht für den einzelnen Menschen. Oft können die neurodiversen Menschen mit dieser Norm eben nicht mithalten. Sie fallen auf. Sie fallen raus. Aus dem Raster. Oft sind die Ausprägungen schon von klein auf da und ganz oft wurden und werden diese aber erst ganz spät entdeckt. Meistens dann, wenn der Leidensweg eben schon recht lang ist und der Betroffene dringend Unterstützung braucht. Denn dann bemerken viele, dass sie an dieser Norm fast zerbrechen, weil sie einfach nicht hineinpassen. Die Seele hatte dann bereits vieles zu verkraften. Häufig hat sich daraus noch eine zusätzliche psychiatrische Störung entwickelt. Wer nicht der Norm entspricht, stört das System. Man eckt an, da, wo alles rundgeschliffen wurde. Ecken und Kanten sind unangenehm und nicht gern gesehen. Wir alle werden dem Schleifprozess der Konditionierung unterzogen, so subtil, dass wir es oft kaum bemerken. Aber er ist da, von Beginn an unseres Lebens.

Ich ging durch diesen Schleifprozess. In meinem familiären Umfeld, Kindergarten, Schule, Ausbildung. Überall wurde ich sozialisiert. So, wie alle anderen vor mir und um mich herum auch. Seit langer Zeit gibt es Richtwerte als Orientierung, wie ein Leben in unserer Gesellschaft verlaufen sollte. Bereits mit Eintreten einer Schwangerschaft befindet man sich in einem Strudel, einem Sog aus vermeintlichen Regeln, Pflichten und Verboten. Alles zum eigenen Wohl natürlich. Es wird von der natürlichsten Sache der Welt gesprochen und am Ende befindet man sich in einer regelrechten Maschinerie aus Untersuchungen. Oft wird der Blick nur noch auf das Abweichen der Norm gerichtet und man wird immer weiter in den Sog hineingerissen. Geburten werden schon seit langer Zeit nur noch mit Krankenhaus verbunden. Kinder kommen am besten mit einem Jahr in eine Betreuung. Vorschule. Schule. Abitur. Ausbildung. Studium. Führerschein. Arbeit. Haus. Hochzeit. Kinder. Haustier. Zwei Autos. Urlaub. Rente. Pflegeheim. Urne. Kurzabriss der Norm, der Richtwerte. In welcher Reihenfolge – egal. Aber gut für Dich wäre es, wenn Du all das erreichen kannst – dann wirst Du sicher glücklich.

Und dann steht man da. Fühlt sich nicht ganz normal. Zerbricht innerlich an diesen Richtwerten und den Schablonen. Weil sie auch Druck machen. Wenn man nicht in seinem Bauchgefühl und seiner Intuition bleibt. Oft wird einem das bereits von klein auf abgesprochen und am Ende weiß man oft nicht mehr, was für einen selbst noch richtig und stimmig ist. Denn da ist dieses Gefühl, dass man einfach nicht richtig ist, nicht reinpasst in all das, was doch als richtig und erstrebenswert gilt.

Vieles hinterfrage ich seit dem Tod meines ersten Sohnes. Doch seitdem mein Herzenskind in mir heranwuchs, hat all das nochmal an Intensität gewonnen. Ich rekapituliere fortwährend mein Leben, wie ich aufgewachsen bin und wonach ich gelebt habe. Wie kaputt ich mich eigentlich die Norm gemacht hat. Denn irgendwie passte ich nie ganz hinein. Ich ging meinen Weg. Aber es war oft einfach nur herausfordernd und anstrengend. Jahrelang, von Kindesbeinen an, begleiteten mich körperliche Beschwerden – die mir eigentlich nur immer wieder deutlich zeigten, dass ich ständig meine Grenzen überschritten habe. Mit dem Wissen um meine Hochsensibilität habe ich alles anders betrachtet. Hätte man es in meiner Kindheit bereits gewusst, wäre vielleicht auch vieles anders verlaufen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn vieles war noch nicht so aufgeklärt und in aller Munde, wie heute. Doch auch wenn heute viel mehr Menschen über psychische Erkrankungen oder Neurodiversität aufgeklärt sind, ist unser System noch lange nicht so entwickelt, dass Betroffene darin einen guten Platz finden. Stigmatisierung und Ausgrenzung ist weiterhin überall spürbar. Zugehörigkeit findet man dann oft nur unter anderem Betroffenen. Das ist vielleicht auch alles etwas dramatisch formuliert und aus meiner Sicht heraus – dennoch steckt da leider viel Wahrheit drin.

Dass ich für mich herausfand, dass ich neuronal anders aufgestellt bin und äußerst sensibel auf das Leben reagiere, hat mir einen neuen Umgang mit mir selbst und mit dem Leben ermöglicht. Ich erkenne schneller meine Grenzen, auch wenn ich sie aus Gewohnheit ab und an nochmal überschreite. Dann meldet sich mein Körper und ich verstehe sofort: Es war mal wieder zu viel. Ich versuche mein Leben nun also viel mehr danach auszurichten, damit mir Leiden erspart bleibt. Damit ich endlich überwiegend glücklich mit mir und dem Leben sein kann. Doch einfach ist das nicht – denn bisher lebte ich eigentlich gegen meine Natur und habe mich daran gewöhnt. Gewohnheiten abzulegen ist doch recht knifflig.

Unser Herzenskind war von Beginn an bereits reizoffen und sensibel. Von dem Wissen um meine Hochsensibilität hat er profitieren können – denn ich konnte feinfühlig auf seine Bedürfnisse eingehen und Signale entsprechend deuten. Und nein, ich habe meine Sensibilität nicht zu seiner gemacht. Denn aus meiner Komfortzone bin ich immer wieder herausgekommen und habe ihn mitgenommen. Mit dem Ergebnis: Das was als Norm und Richtwert vermittelt wird, passt zu ihm, zu uns einfach nicht. Wir erschaffen und eine eigene Normalität. Und ecken an. Wenn wir nicht anecken, sind wir oft (noch) recht allein mit unserer Normalität – auch wenn wir schon einige Menschen kennenlernen durften, die ähnlich leben und empfinden. Doch warum ich so auf mein Kind eingehe, warum wir es so anders machen, hat für mich viele Gründe. Zum einen möchte ich meinem Herzenskind sein Bauchgefühl und all seine Gefühle nicht absprechen – denn sie sind seine Wahrheit. Er zeigt mir von Anfang an und schon sehr deutlich, was er braucht und was nicht. Jetzt sagt er mir das immer genauer und ich respektiere das, gehe darauf ein und nehme Rücksicht. Er soll glücklich sein und im besten Fall nicht so einen Leidensweg haben, wie wir. Ich bereite ihn auf die Welt vor, indem ich versuche, all das erhalten, was er bereits mitbringt. Ich möchte sein Urvertrauen in sich selbst und in uns, als sein sicherer Hafen, stärken. Um in der Welt klarzukommen, muss ich ihn nicht abhärten – im Gegenteil. Diese Welt hat die sensiblen und empathischen Menschen dringend nötig – denn mit Abhärtung kommen wir dort hin, wo wir heute stehen.

Mein Kind ist gerade mal dreieinhalb. Er kann super für sich einstehen und deutlicher sagen, was er braucht, als wir. Ich verlange nichts von ihm. Ich möchte für ihn, dass er glücklich ist. Ich möchte für ihn, dass er er selbst sein kann. Dafür gehe ich so sehr auf ihn ein, weil er es braucht und einfordert. Und das ist sein gutes Recht mit dreieinhalb Jahren.

Damit passt er nicht in die Norm. Damit ecken wir an.

Aber das ist okay. Denn davon gibt’s schon genug.

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