Ich überwinde mich und gehe allein spazieren. Mein Körper ist träge, mein Kopf antriebslos. Doch ich spüre eine Unruhe in mir und kann nicht nur sitzen oder liegen. Die Tage zur Zeit gestalten wir uns überwiegend gemütlich und verbringen viel Zeit daheim. Ich mag diese Zeit sehr. Daheim ist es schön warm, die Lichter erschaffen eine wohlige Atmosphäre, während es draußen immer kälter und früher dunkel wird. Ich spüre aber auch, dass ich weniger Bewegung habe und ich diese doch gut gebrauchen kann.
Also überwinde ich mich, denn ich weiß, eine Runde an der eisigen Luft in straffem Tempo wird mir gut tun.
In den letzten Tage spürte ich schon, wie sich in mir eine schwere Stimmung breit machte. Die Tage vor den Tagen – sie zeigen sich jeden Monat mit depressiver Verstimmung. Ich bin nah am Wasser gebaut und merke deutlich, wie meine Gedanken in den Keller rutschen. Es fühlt sich wie Nebel im Kopf an. Ich kann mich kaum aufs Spiel mit meinem Herzenskind konzentrieren und einlassen. Die Tage sind zäh wie Kaugummi und mein einziges Ziel in dieser Zeit ist, abends schlafen gehen zu können. Ich weiß darum und nehme es für mich an. Dennoch ist es anstrengend und ich versuche gut für mich zu sorgen. Und heute wusste ich, dass ein Spaziergang schon einmal etwas Linderung bringen wird. Ich kommuniziere meinen beiden Herzmenschen gegenüber immer deutlicher, was ich für mich brauche und dass es mir Leid tut, gerade nicht ganz auf der Höhe zu sein.
Ich gehe meine Runde und schaue um mich herum. Alles ist in eisigem Frost verhüllt. Die Natur wirkt still, regungslos. Auf Pause gestellt. Und sie verkraftet das. Denn im Frühjahr wird sie wieder zu neuem Leben erblühen. Das ist gewiss.
Stillstand. So fühlte es sich auch immer wieder, phasenweise in meinem Leben an. Damals, als mein Sohn starb. Meine Welt stand still, doch alles um mich herum drehte sich weiter. Die Trauer fühlt sich für mich manchmal auch wie Frost an. Sie legt mich still, macht mich handlungsunfähig. Für Momente ist nichts möglich. In meiner akuten Trauerzeit, kurz nach dem Tod meines Sohnes, war oft tagelang nicht viel möglich. Ich war froh, dass ich Kraft fand, um aufzustehen und den Alltag zu schaffen. Heute, nach sieben Jahren sind es nur noch Momente. Dann bin ich kurz eingehüllt in meinen Frostmantel, der durch die heißen Tränen zu schmelzen beginnt.
Sieben Jahre. Für viele im Außen scheint das lange her zu sein und jetzt kann es ja nicht mehr ganz so schlimm sein mit der Trauer. Und ja, ich dachte auch, ich bin gut aufgestellt. Kann die Trauerwellen gut entlang surfen, da sie keine unbezwingbaren Höhen erreichen.
Und dann kommt da wieder so ein Gedenktag. Für verstorbene Kinder. Ich lese Beiträge von anderen verwaisten Eltern. Sehe Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber alle eines gemeinsam haben: Ein Kind ist gestorben. Da sind sensible Fotografien von verstorbenen Kindern in jedem Alter, die, dank wunderbarer Fotografen, für die Ewigkeit festgehalten wurden. Es bewegt mich enorm, momentan. Mal wieder.
Da kommt sie. Die Welle. Ich stelle mich auf mein Surfbrett und versuche das Gleichgewicht zu halten. Doch ich sehe schon – sie ist größer und kraftvoller, diese Welle. In letzter Zeit hatte ich nur kleine Wellen zu Besuch. Und ich merke – ich gerate ins Wanken. Mir fehlt die Übung für diese Höhen. Ich verliere das Gleichgewicht, falle vom Brett und die Welle zieht mich in die Tiefe. Für einen Moment ist alles dunkel, ich höre alles gedämpft, spüre das kalte Wasser am gesamten Körper, das mich kurz lähmt. Ich kann nicht atmen. Doch ich tauche wieder auf, schnappe nach Luft und halte mich mit meiner Kraft an der Oberfläche. Geschafft, denke ich so bei mir. Ich schwimme ein wenig im Wellengang und versuche langsam wieder das Ufer zu erreichen. Dann kommt die nächste hohe Welle. Ich habe sie nicht kommen sehen, werde untergetaucht und in die Tiefe gezogen. Wieder von vorn. Ich sammele meine Kräfte und versuche aufzutauchen. Mit jeder Welle schwinden die Kräfte. Irgendwann erreiche ich das Ufer. Keine Wellen mehr. Es ist vorbei. Zumindest für heute. Ich bin erschöpft.

An diesem Gedenktag brach die Trauer noch einmal sehr über mich herein. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass es sicher bewegend wird. Doch die Kombination aus den Berichten von anderen verwaisten Eltern, einer kleinen Gedenkveranstaltung für die verstorbenen Kinder im Internet und der emotionalen Grundverfassung vor meiner Periode brachte das Fass zum Überlaufen. Ich weinte Sturzbäche. Ließ die Trauer um meinen verstorbenen Sohn und die vier kleinen Seelen, die nur kurz in unserem Leben waren, einfach laufen. Es wollte raus. Der gesamte Tag verlief in Wellen und immer wieder übermannten mich die Tränen. So traurig war ich schon eine ganze Weile nicht mehr. Mein Herzmensch nahm mich zwischendurch in den Arm. Mein Herzenskind fragte mich, was los sei und ich erklärte ihm meine Trauer über seinen Bruder. Aber er ist doch im Himmel, das bringt doch nichts zu weinen, höre ich ihn mit seinen dreieinhalb Jahren fast abgeklärt sagen und frage mich für eine Moment, woher er diese Erklärung nimmt – ob ich ihm irgendwann in seinen starken Gefühlen einmal so begegnet bin. Aber nein, er wird es sich gerade einfach so zurecht gelegt haben im Kopf. Ich erkläre ihm nochmal, dass es immer gut und richtig ist, zu weinen, wenn wir traurig sind. Denn danach geht es meistens wieder gut.
Dieser Tag hat mich erschöpft. Es tat gut, noch einmal zu spüren, wieviel Liebe für meine verstorbenen Kinder da ist. Es erdet mich immer sehr, nochmal so mit der Trauer in Berührung zu kommen – denn es zeigt mir, dass diese Wunde eben da ist und sie weiterhin schmerzt. Dass ich nach sieben Jahren zwar gut zurecht komme mit dem Schmerz, es mich aber immer noch sehr umhauen kann. Dass ich mir selbst den größten Trost schenken darf, wenn es im Außen nur noch wenige tun.
Trauer verjährt nicht. Sie verliert nicht an Bedeutung. Meistens, gerade dann, wenn ich dachte, ich komme gut klar – steht sie wieder an der Tür und möchte ein Kaffeekränzchen abhalten. Und ich lasse sie rein, gebe ihr den Raum. Denn sie auszusperren würde nichts bringen. Und dann bin ich mal wieder mitten drin, im Kaffeekränzchen mit meiner Trauer. Aber ich weiß, sie geht auch irgendwann wieder. Bis zum nächsten Mal.
