Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sehr ich in meine alten Muster verfalle – und das, obwohl ich mich seit vielen Jahren ständig mit psychischer Gesundheit und meiner Heilung beschäftige. Aber statt mich dafür zu rügen oder einen viel zu hohen Anspruch an mich zu stellen, das schon alles richtig gut können zu müssen, bin ich nachsichtig und mitfühlend mit mir. Und versuche, die Erfolge zu sehen. Denn immerhin kriege ich ja die Kurve. Oft auch schon deutlich schneller, als früher.
Die letzten Monate waren deutlich inaktiver, als der Sommer. Mit Beginn der dunklen Jahreszeit war mein Herzenskind kaum noch vor die Tür zu kriegen. Mit Müh und Not konnte ich ihn an wenigen Tagen dazu bewegen. Er war und ist scheinbar sehr zufrieden hier daheim und braucht die Welt da draußen nicht so oft. Doch ich brauche frische Luft und am besten Bewegung. Kein großes Sportprogramm. Aber ich spüre, wie sehr mein Körper und meine Psyche darunter leiden, wenn ich wenig Bewegung habe. „Regelmäßig“ war irgendwie nicht drin – denn einer von uns dreien war immer etwas out of order. Seit Weihnachten pendelte ich mich Stück für Stück in eine depressive Verstimmung ein. Die Erkältung, die ich an Weihnachten geschenkt bekam, tat dann ihr übriges. Ich fühlte mich matt und war genervt von den Erkältungssymptomen. Ich konnte nicht so, wie ich gerne wollte. Dann erwischte ich mich dabei, wie ich mich immer weiter in meiner Unzufriedenheit verlor. Die Gedanken wurden destruktiver und ich hatte nicht mal mehr Lust, mit irgendjemanden darüber zu reden – denn am Ende empfand ich mich als Zumutung mit meiner Traurigkeit. Meine ganzen Programme sprangen nochmal an. All die Sätze kamen mir in den Kopf, die mich aus dieser Abwärtsspirale herausholen könnten – aber irgendwie hat nix so richtig geholfen. Ich habe deutlich gespürt, wo meine Bedürfnisse im Mangel sind und ich hatte keine Idee, wie ich mich darum kümmern kann. Mir fehlte der Antrieb. Ich spürte nur noch Leere. Mir machte nichts Freude – nicht mal das ausgiebige Lachen meines Herzenskindes konnte mich anstecken.
Und so sollte also mein neues Jahr beginnen. Krank und mit dunkelstem Mindset. Frohes neues Jahr.
Da lese ich viele gute Ansätze, wie man das neue Jahr angehen kann. Keine Vorsätze schmieden – weil wird eh nix. Lieber grundsätzliche Entscheidungen treffen. Gehe ich mit. Mein Kopf hatte viele Informationen zu verarbeiten. Ich verlor mich in den letzten Woche im sozialen Netzwerk, las und las, unterhielt mich online mit Menschen, die ich persönlich nicht kenne – weil mir im richtigen Leben die Kontakte fehlten. Doch ich merkte, dass es eben nicht das Gleiche ist. Dass es mir nur für kurze Momente ein bisschen Gefühl von Glück gibt – und dadurch wollte ich öfter auf die Plattform. Das vergangene Jahr zeigte mir noch einmal deutlich, was mir in zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig ist. Dass mir das nicht immer alle geben können und sollen, ist mir klar. Doch es gibt sie, diese Menschen, mit denen es einfach ist. Die mir Raum geben und ich ihnen – wo es für keinen Anstrengung bedeutet. Dennoch blieb bei der einen oder anderen beendeten Begegnung noch so ein fader Nachgeschmack bei mir hängen. Sie haben glücklicherweise noch einmal meine Programme angeworfen, sodass ich hinschauen durfte. Ja, ich gehe so oft durch den Schmerz, bis ich es endlich begriffen habe. Ich durfte nochmal hinterfragen. Und am Ende war es wieder für etwas gut: Es brachte mich noch näher zu mir.
Ja, die letzten Tage in meinem dunklen Oberstübchen waren schmerzhaft und ätzend. Dann will ich einfach nicht mehr. Nicht mehr denken, nicht mehr fühlen, nicht mehr wach sein. Gar nichts.
Doch dann kommt wieder ein neuer Tag. An diesem Tag erscheint mir der Spruch, dass es nur meine Gedanken sind, die mich bremsen und ich für mein Glück verantwortlich bin, wieder absolut umsetzbar – während ich die Tage zuvor irgendwo darauf wartete, dass mich jemand rettet. Dass ich mich mal fallen lassen kann und mir jemand die Hand reicht. Ich war so verwoben mit meinen negativen Gedanken, dass nix durch ging. Aber jetzt spürte ich, wie ich mich selbst innerlich aufrichtete. Ich reichte mir selbst wieder die Hand und zog mich aus dem dunklen Loch. Hatte Ideen. Telefonierte. Machte Termine. Hatte Anschwung und zog mein Herzenskind mit. Mit einmal ging es so leicht.
Ich erkenne mittlerweile viel schneller, wenn Bedürfnisse bei mir im Mangel sind. Ich bin gereizter, habe weniger Geduld und bin nicht mehr die, die ich sein möchte. Meine Grenzen werden seit über drei Jahren permanent überschritten und ich kann mir in unserem kleinen Familiensystem Stück für Stück immer mehr Freiräume ermöglichen. Ich wachse da hinein. Wir wachsen da hinein. Und nun habe ich wieder die nächsten Schritte getan, damit mehr Raum und Zeit für mich drin ist. Damit ich mich körperlich und seelisch dauerhaft besser fühlen werde.
So werden die Karten hier immer wieder neu gemischt.
