„You were always on my mind„. Ich höre Elvis aus dem Radio in der Physiotherapiepraxis tönen. Immer, jedes Mal, wenn Elvis im Radio zu hören ist, denke ich an Dich. Da bist du also wieder, sag ich dann. Ich muss lächeln, während ich gerade auf einem Gerät stehe, um mein Gleichgewicht zu trainieren. Die Sonne bricht durch die schnell vorbeiziehenden Wolken und scheint direkt ins Fenster. Da bist du also wieder. Danke für Dein Zeichen.
In letzter Zeit habe ich das Gefühl, Du gehst sehr unter. Mit jedem Tag mehr ohne Dich und mit jedem Tag mehr, an dem Dein kleiner Bruder an meiner Seite heranwächst, verblassen Erinnerungen und Gefühle an Dich. Zumindest ist vieles nicht mehr so präsent, wie noch zu Beginn meiner Trauerzeit. Aber muss es das? Muss ich wirklich noch so viel Raum und Zeit in mir bereitstellen, um intensiv zu trauern? Meine Trauer ist noch da. Das Vermissen ist da. Erinnerungen kommen häppchenweise in mir hoch, aber sind nicht mehr dauerhaft präsent im Kopf. Ist es nur eine Ausrede, wenn ich sage, dass ich keine Zeit finde, zu trauern? Müsste ich mir dafür nur einfach mehr Zeit nehmen? Verleugne oder verdränge ich etwas?
Stopp.
Ich beginne schon wieder an mir zu zweifeln. Zu hinterfragen. Ob mein Weg, den ich gerade gehe, richtig ist. Warum sollte er das nicht sein? Warum nehme ich nicht einfach an, dass es alles gerade so genau richtig ist, wie es ist? Vermutlich, weil ich vergleiche. Weil ich sehe, dass andere mit ähnlichen Schicksalen noch mehr Zeit und Raum für ihre Trauer finden. Tägliche Rituale. Und bei mir? Ich kann es nicht mal genau sagen. Doch, manchmal habe ich das Gefühl, Deinen Namen einmal in der Woche zu erwähnen. Manchmal gibt es lange Phasen, wo ich nicht so viel an Dich denke – während Du vor Jahren noch mein erster Gedanke beim Aufstehen warst. Jetzt ist da Dein Bruder. Da ist mein Leben im Jetzt, in dem ich mitten drin bin. In dem ich manchmal fast untergehe vor Aufgaben und Präsentsein. So wie gestern, als ich den Weg zum Sport fand. Für mich. Ich brauchte das. Denn etwas in mir war im Mangel und ich habe für mich gesorgt, damit ich wieder für meine Familie sorgen kann. Meine Aufgabe im Jetzt, die mich sehr ausfüllt. So sehr, dass der Raum für Dich scheinbar kleiner wird. Dann war da wieder Raum für mich. Und scheinbar auch für Dich.
Ich denke an Dein Grab, das so weit weg ist. Es ist nur der Ort, an dem Deine körperliche Hülle begraben wurde. Und dennoch fühle ich mich manchmal schuldig, dass ich mich nicht darum kümmern kann. Dass ich nur alle paar Monate kommen und eine Kerze für Dich entzünden kann. Zu Beginn war es wichtig und heilsam für mich, regelmäßig zu Deinem Grab zu gehen. Es half mir, das Unbegreifliche begreiflich zu machen. Ich konnte noch was tun – Blumen mitbringen, Kerzen zünden, Grabpflege. Meine Pflege von Dir hat sich auf die Pflege Deines Grabes verlagert und war gut für mich, um mich nicht zu sehr im Schmerz zu verlieren. Jetzt kümmern sich hauptsächlich Deine Großeltern darum und ich bin überwiegend fein damit.
Ich frage mich so oft, wieviel Raum ich Dir geben darf, geben soll? Immerhin ist Dein irdisches Leben beendet und lebendig bist Du nur in meiner Erinnerung. Ab und an schaue ich mir gemeinsam mit Deinem Bruder Fotos und Videos von Dir an und ich spüre einerseits, wie schnell ich mich in gewisse Situationen wieder einfühlen kann – und andererseits, wie weit weg dieses Leben mit Dir schon ist. Wieviel in Vergessenheit geraten ist, was noch kurz nach Deinem Tod total präsent war. Manchmal erschreckt mich das. Wollte ich doch unbedingt soviele Erinnerungen von Dir festhalten und bloß nicht vergessen. Aber so ist es eben, das Leben. Altes macht Platz für Neues. Ich schaffe viele neue Erinnerungen mit Deinem Bruder und wir erleben Dinge, die Dir verwehrt geblieben sind. Es macht mich traurig und glücklich zugleich.
Gleichzeitigkeit.
Mit Dir, durch Dich, durfte ich das schon lernen. Dass alles gleichzeitig sein kann. Ein schwerkrankes Kind, am Bett gebunden, im Kampf mit dem Krebs – und gleichzeitig das blühende Leben, das lernen und wachsen will. Zu wissen, dass Du in geraumer Zeit nicht mehr leben wirst – und gleichzeitig das Leben noch voll auszukosten. Deinem alles erhellenden Lachen zuzuhören – während gleichzeitig der Tod seine Melodie in mein Ohr säuselt.
Was haben wir zusammen erlebt. Wow.
Vielleicht lassen mich diese kurzen Zweifel an meiner Trauer einfach nur noch mal achtsamer werden. Denn statt mich dafür zu rügen, dass ich mehr und intensiver trauern sollte, kann ich dankbar sein, dass ich gedanklich den Weg wieder zu Dir finde. Wenn ich von Dir erzähle, leuchten meine Augen und ich lächele viel – so melden es mir die Menschen zurück. Sie sehen, wie dankbar und stolz ich bin, Deine Mutter zu sein. Und das spüre ich auch, jedes Mal, wenn ich an Dich denke oder von Dir erzähle.
Kürzlich begab ich mich auf die Reise zu Dir. Im Traum. Ich konnte Dich sehen. Friedlich und glücklich. Du sagtest mir, auch ich soll glücklich sein. Einige Zeit danach weinte ich nochmal Sturzbäche. Seither hat sich wieder etwas in mir verändert – und vermutlich ist es eben das, was mich innerlich noch beschäftigt und hadern lässt. Es hat sich etwas gelöst seit unserer Begegnung im Traum. Ja, irgendwie ist es wohl sowas wie Frieden. Frieden mit dem Geschehenen, mit Deinem Verlust, mit der Vergangenheit – meinem alten Leben. Ich lebe dieses neue Leben, bin glücklich und dankbar – und weiß, dass mich all das mit Dir und dann auch ohne Dich hier her geführt hat.
Und wenn ich dann wieder mal an Deinem Grab stehe. Jetzt, wo langsam wieder Blümchen blühen. Wenn ich sehe, dass die Wiese um Dein Grab herum Blumen in Deiner Lieblingsfarbe hervorbringt. Dann, ja dann muss ich lächeln und sehe, wie schön das Leben doch sein kann – denn diese Zufälle sind heilsam und wunderschön. Dann ist der Tod für mich nicht mehr länger der große, allumfürchtete Endgegner – sondern nur ein Tor zu einer anderen Ebene. Es geht irgendwie weiter, denn seit Deinem Tod habe ich immer wieder das Gefühl, Du bist noch hier. Mal in den Elvis-Liedern, mal in den warmen Sonnenstrahlen oder in dem herzförmigen Pfützen. Du zeigst Dich. Nicht jeden Tag. Oder doch? Wenn ich Deinen Bruder ansehe und erlebe, gibt es Ähnlichkeiten, Parallelen. Aber ich erkläre es mir eben damit, dass ich der gemeinsame Nenner bin.
Doch vielleicht muss ich gar nicht aktiv auf die Suche nach Dir gehen und Dich irgendwo drin sehen wollen. Vielleicht lasse ich es einfach fließen, dieses Leben. Und nehme diese Momente dankbar an, in denen ich Dich spüre, mein Herz erwärmt, meine Augen mit Tränen gefüllt und mein Gesicht mit einem Lächeln versehen wird. Ich finde meinen Weg durch Deinen Verlust und die Trauer. Er verändert sich genauso, wie eben das Leben. Und das ist gut so.
