Es verblasst immer mehr. Einiges rückt in den Hintergrund. Und ich wollte das doch nicht, so sehr ich auch wusste, dass es passieren würde.
Mein Himmelskind, die Erinnerungen an die Zeit mit Dir werden weniger. Bilder und Videos helfen mir dabei, das Erlebte mit Dir noch einmal ans Tageslicht zu holen. Aus dem Verborgenen. Aus der Schatzkiste. Es fühlt sich immer mehr an wie Bruchstücke, kurze Sequenzen aus Deinem viel zu kurzen Leben. Dann erinnert mich etwas im Jetzt an etwas von früher mit Dir. An etwas, das vorbei ist und nicht wieder kommt. Nicht weitergeht.

Denn vor acht Jahren endete Dein Leben. Acht Jahre? Moment. War das nicht gerade erst? Wann sind diese acht Jahre eigentlich passiert? Ein gefühlte Ewigkeit und dennoch gleichzeitig das Gefühl von einem Fingerschnips. Dieser Tag hat sich eingebrannt in meinen Körper. In meine Seele. Da ist etwas in meiner Brust, das ich nicht beschreiben kann. Wie ein Loch, das nicht zu füllen ist. Als hättest Du mit Deinem Tod etwas von mir mitgenommen und es ist nun für immer weg.
Wie Du. Für immer weg. Oder doch nicht so ganz? Es gibt sie noch, diese Momente. In denen ich das Gefühl habe, Du bist ganz nah und zeigst es mir. Wie kürzlich, bei der Autofahrt. Plötzlich lief Elvis im Radio und vor uns fuhr ein Auto aus den Niederlanden. Auf dem Kennzeichen Deine Initialen, Dein Geburtsdatum. Ich musste lächeln. Frag mich immer wieder, wie Du das machst. Aber ein Zufall kann’s nicht sein.
Die Traurigkeit ist nicht mehr so oft präsent und manchmal denke ich, irgendwas stimmt nicht mit mir. Denn immerhin bist Du gestorben, an meiner Seite, nach schwerer Krankheit – mein Kind. Dich durfte ich in meinem Bauch spüren, Dich durfte ich nähren, tragen, begleiten. Dich habe ich leben und sterben sehen. Ich war bei Deinem ersten und bei Deinem letzten Atemzug dabei. Müsste ich nicht immer noch viel mehr und öfter traurig sein? Aber was ist da schon richtig oder normal? Richtig war es nicht, dass Du vor mir gegangen bist. Normal wird wohl sein, dass ich immer mal wieder sehr traurig deswegen sein werde und irgendwie auch jeden Tag ein kleines bisschen.
Irgendwie ist nicht mehr so viel Raum da zum Trauern. Dein kleiner Bruder, das blühende Leben, füllt den Tag aus. Füllt mich aus. Du wirst nicht vergessen, niemals. Jeden Tag schaust Du von Deinem Foto am Kühlschrank dabei zu, wie ich für meine Familie koche. Du lächelst, hälst dieses Frühstücksei in der Hand und ich blicke jeden Tag in Deine blauen Augen. Diese schönen Augen, die vor acht Jahren für immer geschlossen wurden. Ist das wirklich passiert? Ich kann’s manchmal immer noch nicht glauben. Wie der Alptraum, aus dem ich einfach nicht aufwache.
Ich bin Dir begegnet, im Traum. Auf einer Reise hin zu Dir. An diesem wunderschönen, friedlichen Ort durfte ich Dich wiedersehen. Du warst glücklich, Dir ging es gut. Du hast mir gesagt, dass ich glücklich sein soll und die Traurigkeit gehen darf. Das war vor über einem halben Jahr. Ich finde immer mehr Frieden mit Deinem Tod. Dass Dein Leben nur kurz war. Ich blicke anders auf das Leben, auf die Menschen – wie alles zusammenhängt, ob es wohl einer höheren Ordnung unterliegt. Aber weißt Du, nicht mit jedem kann ich darüber sprechen. Doch die Menschen, die dafür offen sind, wurden mir geschickt, haben meine Wege gekreuzt – und bereichern mein Leben auf eine ganz besondere Weise. Vielleicht hast Du da mitgewirkt, vielleicht auch nicht. Aber auch wenn Dein Tod für sich gesehen traurig und ungerecht ist, hat das Leben auch viele gute und schöne Seiten für mich eröffnet.
Mein Kind, wie mag das wohl sein, wenn man physisch nicht mehr da ist, aber auf eine andere Art doch noch in Verbindung zu den Hinterbliebenen steht? Immer mal wieder frage ich mich, wie Du gerade wohl in meiner Nähe bist. Ob ich Dich spüren kann. Und dann hoffe ich, dass Du es spüren kannst, wenn ich an Dich denke und dabei lächele.
Ich vermisse Dich. Ich vermisse den, der Du warst. Ich vermisse die Erinnerungen, die wir nicht mehr miteinander haben durften. Ich vermisse die Zukunft, die uns verwehrt geblieben ist. Ich vermisse es, Dich im Leben begleiten und ganz viel von Dir lernen zu dürfen – wie jetzt mit Deinem Bruder.
Heute vor acht Jahren endete Dein physisches Leben auf dieser Erde. Danke, dass ich Dich begleiten durfte durch all diese schweren Stunden von körperlichen Leid aber auch unsagbarer Freude – denn es machte mich stärker und weicher zugleich. Danke, dass ich mit Deinem Sterben und Deinem Tod das Leben noch einmal mehr begrüßen durfte – denn ich habe gesehen, wie schnell es vorbei sein kann. Dein kurzes Leben hat mir mehr Weisheit hinterlassen als so manch ein langes Leben.

Ich werde Dich nie vergessen. Vielleicht nur ein paar winzige Erinnerungsstücke an unsere gemeinsame Zeit. Nie aber das Gefühl, Dich auf meinem Schoß sitzen zu haben und in Deinem zarten blonden Haar zu schnuppern. Wie Du meine Haare durch Deine kleinen Finger drehst, um Dich zu beruhigen. Glaub mir – nicht nur Dich hat das beruhigt.
Ich vermisse Dich und das, was wir waren. Was wir hätten sein können. Mutter und Kind, gemeinsam am leben.
