Du drückst Dein kleines, weiches Gesicht an meins. Unsere Wangen berühren sich. Deine kleinen Arme legen sich um meinen Hals. Wir genießen diese Umarmung. Atmen durch. Tanken auf. Du richtest Dich auf, spitzt Deine Lippen und gibst mir einen Kuss. Wer hätte gedacht, dass diese Geste noch einmal ganz anders im Körper wirkt, wenn sie von einem kleinen Menschen kommt?
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Mich überkommt tiefe Dankbarkeit. Mutter sein zu dürfen. Dass dieser kleine Mensch so gesund ist, ich ihm beim Aufwachsen zusehen darf. Dass wir jeden Tag immer mehr miteinander sprechen und ich manchmal darüber staune, was in so einem Menschenkind mit viereinhalb Jahren vor sich gehen kann.

Denn ich weiß darum, wie es ist, all das zu verlieren. Wenn diese kleine, zarte, warme Wange kalt wird und bleibt. Wenn die Arme sich nicht mehr regen und ich nicht wusste, dass es bereits die letzte Umarmung war. Wenn der Kuss keine Erwiderung mehr findet. Ich sah, wie mein Kind starb. Ich sah, wie es sein halbes Leben mit Verbänden und Schläuchen verbunden war. Ich sah, wie mein Kind unter den hochtoxischen Medikamenten litt, die eigentlich sein Leben retten sollten.
Das Schwere aus der Zeit mit meinem ersten Sohn rückt immer mehr in den Hintergrund. Es gibt keine Berührungspunkte mit dem Thema – was gut ist! Ich bin sensibilisiert für Krebs bei Kindern und habe keine Hemmungen, ganz offen darüber zu sprechen. Es ist sehr wichtig, sich all das mal bewusst zu machen. Doch ich möchte nicht mehr, dass es mein Leben bestimmt. Wenn ich an meinen ersten Sohn denke, dann war da auch ganz viel Leben! Freude, Humor, Liebe. Dankbare Momente der Leichtigkeit.
Und dann kommen diese Momente. Ein Lied. Ein Geruch. Ein Wort. Das Lachen meines Herzkindes. Und es erinnert mich schlagartig an meinen ersten Sohn. Es schüttelt mich. Manchmal erschüttert es mich. Denn es kommt diese bittere Erkenntnis, dass er wirklich tot ist. Dass wir das alles wirklich zusammen erlebt haben – diese ganze Krebstherapie, das Sterben. Unbegreiflich, dass ich das überlebt habe, während dieser kleine Mensch einfach keine Chance hatte. Es war sein Weg und ich bin so ehrfürchtig, dass ich ihn dabei begleiten durfte. Ach mein Kind, wie sehr ich das alles vermisse – Dich aufwachsen zu sehen, Deinen Gedanken lauschen zu dürfen, Dich in den Armen zu halten. Dein Bruder hätte so gerne mit Dir gespielt, das sagt er mir oft.
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Mitten drin im Leben. Im Alltag. Ich habe mich mit den Verlusten in meinem Leben arrangiert. Meistens komme ich gut damit zurecht. Denn da ist wieder so viel Schönes in meinem Leben, in mir. Wie hart ich an mir gearbeitet habe, wie sehr ich auf meinem Weg zu mir vorangekommen bin – ich darf jetzt Früchte ernten. Spüre mehr Frieden in mir. Doch die Traurigkeit darf sein, hat ihre Berechtigung, bekommt ihren Raum.
Dann ist da dieser Geruch. Auf dem Weg zum Spielplatz mit dem Herzenskind an der Hand, nehme ich es wahr: Parfüm. Eau de Toilette. Du hast es immer getragen. Trägst Du es noch? Ich weiß es nicht, denn ich sehe Dich kaum noch. Höre nur selten etwas von Dir. Du bist da und irgendwie auch nicht. Feiertagsbeziehung. Ich habe mich damit arrangiert. Habe es akzeptiert. Habe meinen Frieden damit, dass unsere Beziehung nicht so ist, wie ich es mir wünschen würde. Zu verschieden sind wir, nur wenige Schnittstellen und Gemeinsamkeiten. Dennoch bin ich auch mal wieder traurig darum. Gleichzeitigkeit, sie darf sein.
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Dieses Jahr neigt sich langsam dem Ende entgegen. So viel Positives hat sich in den letzten Wochen und Monaten für uns ergeben und ich platze vor lauter Dankbarkeit darüber. Wenn dann mal wieder die Traurigkeit, die Fassungslosigkeit und Demut anklopft, zieht es mich nicht so sehr in die Tiefe, wie noch vor einem halben Jahr. Ich bin glücklich und gelöst, wie schon lange nicht mehr. Ich genieße das, tanke auf, konserviere alles in mir, um schwierigere Zeiten damit wieder gut überstehen zu können. Alles, was jetzt ist, hat Platz bekommen, von dem, was mal war. Manchmal tut der Verlust, der Abschied von Etwas immer noch etwas weh – doch diese Klarheit, die Freude und die unbändige Liebe, die mich zur Zeit durchströmt, nimmt wesentlich mehr Raum ein.
