Loslassen, sagen sie. Ich muss loslassen.
Jetzt. Mal wieder.
Genau zehn Jahre nach Deinem Tod.
Zufall?
Ist es Zufall, dass Dein Bruder genau dann seinen neuen Lebensabschnitt beginnt, als Dein Leben vor zehn Jahren vom Tod abgeschnitten wurde?
Ach mein Himmelskind. Schon irre, dieses Leben.Und Du konntest das irgendwie nur so kurz füllen.
Weißt Du. In den vergangenen Tagen war ich emotionaler Wackelpudding. Ich will all das fühlen, was da gerade so aufkommt. Ich will sprechen, über all das, was mich gleichzeitig beschäftigt. Und dann schlich sich so ein doofes Gefühl, so ein komischer Gedanke mit ein: Darf ich überhaupt noch so viel über Dich reden? Du bist Vergangenheit. Erinnerung. Ein Teil von mir, der im Jetzt kaum noch Platz findet.
Alle sagen immer: Lebe im Jetzt! Vergangenheit ist vorbei. Und: Da ist ein lebendes Kind, das Dich braucht. Das es verdient hat, eine Mutter an der Seite zu haben, die sich mit auf diesen neuen Lebensabschnitt freut. Eine Mutter, die ihren Kram unter Kontrolle hat und damit nicht den Erfahrungen ihres Kindes im Weg steht.
Vertrauen soll ich. In all das, was da jetzt kommt. Sie sagen mir, dass es gut wird – wenn ich loslasse. Und vertraue. Aber keinem kann ich sagen, dass ich vor zehn Jahren das Vertrauen ins Leben verloren habe und es mir seither mühselig wieder aufbaue. Ich soll fremden Menschen mein Kind anvertrauen – von jetzt auf gleich. Kein sanfter Übergang. Und irgendwie brauche ich das, denn Dein Sterben zu begleiten war der Übergang zu Deinem Tod. Es war das Loslassen vor dem Loslassen.
Ich traue mich manchmal nicht mehr von Dir zu sprechen, denn eigentlich hast Du mit dem Leben Deines Bruders gar nichts mehr zu tun. Kürzlich sagte er selbst, dass Du „Mamas verstorbenes Kind“ bist. Zu weit weg warst Du schon, als er geboren wurde. Und so stehe ich mit diesen viele Gefühlen für Dich in meinem Alltag alleine da, denn meine beiden Herzmenschen durften Dich nicht mehr kennenlernen.
…
Es fiel mir sonst leicht, bereits vor Deinem Todestag etwas zu schreiben. Und ich wollte das. Spürte, dass da etwas ausgesprochen werde wollte. Weil ich Dich nicht tot schweigen will. Doch dieses Mal konnte ich aus all der Gleichzeitigkeit in mir keine Ordnung schaffen. Ich orientierte mich am Außen und spürte, dass Du und Dein Tod nicht (mehr) so viel Raum bekommen werdet, wie dieser neue, freudige und spannende Lebensabschnitt, der da nun in unserem Leben vor der Tür steht.
…

Es ist nicht mehr die Sache an sich – Dein Sterben, Dein Tod, über das ich sprechen werde. Es ist alles gesagt, denke ich.
Es ist das, was daraus entstanden ist. Das, was übrig bleibt. Die Essenz Deines Todes trage ich in mir, für den Rest meines Lebens. Diese Tiefe, diese Dankbarkeit. Diese Liebe für jemanden, der nicht mehr am Leben ist. Diese Stärke, die aus dem Überleben entstand und mich weiterleben lässt.
Aber weißt Du. Die vergangenen Tage waren verdammt schwierig. Irgendwie so ’ne Balance zu finden zwischen Leben und Tod. Zwischen Freud und Leid. Mir ist schwindelig. Und ich könnt gerade mal ’ne Pause gebrauchen.
