Alles gut, Mama

Plötzlich kommt dieser Impuls in mir auf, als ich gerade das Abendessen zubereite: Ich möchte dieses eine Lied von Elvis hören.

Hast Du mir da einen kleinen Wink gegeben? Vielleicht.

Und dann beginnt der Song. Gänsehaut. Mein Körper möchte sich unweigerlich bewegen. Ich tanze. In Gedanken mit Dir.

„Well that’s all right, Mama..“..

Die Art, wie Elvis damals diese Worte sang, lässt mir Tränen in die Augen schießen. Jedes Mal. Denn für einen Moment fühlt es sich so an, als würdest Du mir diese Worte sagen. „Alles in Ordnung, Mama.“

Dieses Lied hast Du damals oft abgespielt. Neben vielen anderen Songs von Elvis. Es gab diese bestimmten Lieblingslieder, die mich wohl für den Rest meines Lebens an Dich erinnern werden. Und dabei werden die Szenen vor meinem inneren Auge abgespielt, wie Du mit Deiner kleinen Gitarre rhythmisch jede Bewegung von Elvis imitiert hast.

Ach mein Kind. Du warst so besonders. Für mich. Für viele.

Kürzlich standen wir an Deinem Grab und Dein kleiner Bruder sagte, wie schade er es findet, dass ihr nicht gemeinsam zocken könnt. Und so schön ich diese Vorstellung jedes Mal finde, grätscht gleichzeitig so ein Aber im Kopf rein: Gäbe es ihn, wenn Du noch da wärst? Vielleicht sollte ich das nicht irgendwie logisch zerdenken. Sondern einfach fühlen. Und für einen Moment träumen. Dein kleiner Bruder macht es mir vor.

Vieles ist in letzter Zeit nochmal sehr präsent in mir. Wie das war. Vor zehn Jahren, als Du gestorben bist. Ich bin wieder unmittelbar mit dem Tod konfrontiert worden. Die Lücke ist ebenso groß, wie die, die Du hinterlassen hast. In den vergangenen Wochen kamen viele Erinnerungen in mir hoch – aus Deiner Therapiezeit. All die schwierigen Entscheidungen, die für Dein Leben getroffen wurden. Die vielen, langen Tage in Kliniken, an Deinem Bett, an Deiner Seite.

Dann.

Irgendwann.

Die unausweichliche Tatsache, dass Dein junges Leben nicht mehr gerettet werden konnte. Innerlich Stück für Stück Abschied nehmen, obwohl Dich keine kleinste Zelle in mir loslassen wollte.

Und dann.

Die erste Zeit ohne Dich.

Alles, wirklich alles fühlte sich verkehrt an. Sinnlos. Rund um die Uhr sorgte ich sonst für Dich – und plötzlich war alles vorbei. Nach Deiner Beerdigung sickerte es Tag für Tag tiefer und die große Lücke, diese Kluft im Alltag, wurde spürbarer. Ich lebte in einer Blase. Unter einem dichten Schleier, der kaum noch Licht hindurchließ. Menschen um mich herum erzählten, doch ihre Worte erreichten mich oftmals nicht. Jedes Mal, wenn ich Deinen Vater anblickte, sah ich Dich wieder und wieder sterben.

„Alles gut, Mama“, sagtest Du in Deinen letzten Lebenswochen, wenn ich neben Dir weinte.

Immer wieder gingen mir Deine Worte durch den Kopf, wenn mich dieses große Gefühl überkam, wie unfair Dein Tod war. Deine Erkrankung war schon ungerecht. So sollte keine Kindheit sein. Was sollte an all dem gut sein?

Heute. Zehn Jahre später. Ich lebe. Immer noch. Anfangs konnte ich nicht glauben, dass ein Leben ohne Dich nochmal irgendwie Sinn machen würde. Doch ich fand Stück für Stück ins Leben zurück – ein Leben, das sich manchmal wie Betrug anfühlte. Denn warum musstest Du gehen und nicht ich? Noch heute sitze ich hin und wieder bitterlich weinend, vollkommen verzweifelt und des Lebens überdrüssig auf dem Boden, weil lieber ich gegangen wäre, statt Dir beim Sterben zuzusehen.

Doch das Leben hatte noch was vor mit mir. Und so erlebe ich wieder diese unendliche Liebe für einen kleinen Menschen, der so viel von mir braucht – und oft nicht mehr viel von mir übrig bleibt. Ein kleiner Mensch, dem allmählich bewusster zu werden scheint, was Tod wirklich bedeutet – und sich kaum noch von mir trennen möchte. Ich blicke Deinem kleinen Bruder ins Gesicht und sehe die Angst, höre seine Worte, die mir sagen: Ich will nicht, dass Dir was passiert. Wenn Du tot bist – wie soll ich das nur ohne Dich schaffen?…

Weißt Du, ich wollte Deinen Tod nie vor Deinem Bruder verheimlichen. Seit er denken kann, sprechen wir über Dich. Ich erkläre ihm, wie krank Du warst. Nun ist sein Onkel ebenfalls an Krebs gestorben und ich sehe, wie sehr ihn das beschäftigt. Doch ich hätte es ihm nicht verheimlicht. Wie auch? Zu sehr hat es mich mitgenommen, zu sehen und mitzubekommen, dass ein weiteres Leben viel zu jung enden muss. Ich kann Deinem Bruder nichts vormachen – und will ich auch nicht. Und da wird mir bewusst, welch große Aufgabe es ist, nicht nur selbst irgendwie weiter zu leben, sondern auch einem kleinen Menschen weiterhin die schönen Seiten des Lebens vor Augen zu führen, wenn sich alles groß und schwer anfühlt. Doppelte Trauer. Nebeneinander und miteinander.

Mein Kind. Ich habe so gerne mit Dir getanzt. Ich habe Dir so gerne dabei zugesehen, wenn sich Dein kleiner Körper so rhythmisch zur Musik bewegte. Es ist irgendwie alles schon so weit weg. Ich habe das Gefühl dafür verloren, glaube ich.

Aber weißt Du?

Es ist okay.

Mein Leben ging weiter und die Erinnerungen an Dich sickerten tiefer in den Hintergrund. Da wurde viel Raum frei für neue Erinnerungen. Und während ich manchmal traurig darüber bin, dass vieles so tief vergraben wurde in mir, bin ich gleichzeitig erstaunt, wie lebhaft die Erinnerungen wieder werden können, sobald ich Deine Musik höre. Oder Fotos ansehe, Videos anschaue.

Du bleibst ein Teil von mir. In mir. Auch wenn ein Stück meines Herzens, ein Stück meiner Lebensfreude und Leichtigkeit mit Dir ging, spüre ich jedes Mal, wenn ich diese Lieder höre: Alles in Ordnung, Mama. Mir geht’s hier gut. Du lebst weiter und Du wirst gebraucht. Alles gut, Mama.