Hast du einen Lieblingsort, an dem du schon warst? Welcher ist es?
Als ich die Frage las, fiel mir direkt der wunderschöne Wald im Sauerland ein, den ich regelmäßig während meiner Rehabilitation 2018 für Spaziergänge aufsuchte. Es war Anfang März, richtig schön kalt. Bei jeder freien Zeit im Therapieplan nutzte ich die Möglichkeit, der stickigen Klinikumgebung zu entkommen und diesen Wald aufzusuchen. An manchen Tagen war er mystisch in Nebel gehüllt. Während ich bergauf und bergab ein gutes Herz-Kreislauf-Training absolvierte, sog ich die Umgebung in mir auf. Der Geruch von feuchtem Waldboden und Nadelhölzern, der weiche Moosbelag unter den Schuhen – und, das Beste – meistens keine Menschen um mich herum. Es war einfach ruhig. Hier und da knackte etwas im Unterholz. Ich hörte Vögel singen und manchmal liefen mir sogar Rehe über den Weg. In diesen Waldrunden kamen meine Gedanken und Gefühle in Bewegung. Ich konnte nur dort so richtig zu mir finden, während ich mich in der menschengefüllten Rehaklinik vor Eindrücken kaum bewahren konnte.
Die Krönung für mein inneres Kind war dann schließlich, als noch einmal richtig ordentlich Schnee fiel und tagelang liegen blieb – etwas, das mir an meinen Wohnorten jahrelang oft verwehrt blieb. Ich stapfte in knöcheltiefem Schnee durch den Wald und konnte noch mehr Ruhe im Außen finden, weil alles so wunderschön gedämpft wurde. Magisch. Hach.
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Dann denke ich an das kleine, abgelegene Fischerdorf auf der Insel Rügen. Kein Touristenschwerpunkt – vor allem in den kalten Monaten. Meine Cousine zeigte mir diesen Ort zum ersten Mal Anfang Februar 2017, dick eingepackt und in der Hoffnung, dort ein warmes Getränk in einem der kleinen Häuschen bekommen zu können. Außerhalb der Saison haben die meisten Geschäfte nur spärlich geöffnet, aber wir hatten Glück. Ein warmer Kakao wärmte die gefrorenen Finger auf, die durch die kalte Meeresluft rot und beinahe taub wurden. Am Strand, der größtenteils aus großen Findlingen in Steinen bestand, zeigte sich ein einmaliges Bild: Alles war eisig eingehüllt – die kalte, feuchte Meeresluft legte sich wie eine Eisdecke über sämtliche Gegenstände am Ufer.
Dieser Ort hatte etwas sehr friedliches. Er wirkte verlassen und nur wenige Menschen leben dort. Eigentlich ein Traum für mich – allerdings sind Touristengebiete, wie die Insel Rügen, doch die meiste Zeit des Jahres gut besucht und aus der Erfahrung meiner Cousine geht die Ruhe und Erholung vielerorts etwas verloren. Aber dieser Ort ist mir dennoch in guter Erinnerung geblieben, weil er keine ‚typische‘ Touristenattraktion zu sein scheint und die Menschen anzieht, die wohl ähnliches suchen: Rückzug, Ruhe und Zeit für Innenschau.
