Was ist dein Lieblings-Cartoon?
Erstaunlich. Da dachte ich doch schon seit einiger Zeit darüber nach, einen Beitrag über meine Helden der Kindheit zu verfassen – und schon liefert mir dailyprompt noch einmal die Erinnerung. Also sollte ich mich diesem Vorhaben jetzt mal widmen.
Cartoons und Trickserien waren ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Aufgewachsen in der 1990er Jahren färbten sie den Alltag für mich bunt, ermöglichten mir zeitgleich eine Flucht aus diesem, während sie mir dabei halfen, die komplexen Themen des Lebens zu verstehen und Probleme zu lösen. Damals waren die Trickserien häufiger mit einem Wertekomplex versehen – am Ende gab es oft eine Art Moral, aus der es etwas zu lernen galt. Natürlich dienten viele auch nur der reinen Unterhaltung, um kognitiv abzuschalten.
Mein kindliches Ich hatte das große Glück mit acht Jahren meinen eigenen Fernseher zu bekommen. Schon ein eigenes Zimmer zu bewohnen, ermöglichte mir Rückzug und Privatsphäre, was ich nach den reizüberladenen Schultagen dringend brauchte. Für den Familienfrieden wurden dann ausreichend Fernsehgeräte besorgt, damit jeder in seine eigene Welt abtauchen konnte. Und sobald meine Hausaufgaben erledigt waren, die ich direkt nach der Schule ordnungsgemäß erledigte (weil: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen), schaltete ich den Fernseher an und im Kopf ein wenig ab.
Es gab unzählige Cartoons und Trickserien, die das Fernsehprogramm sowie die Bücher- und Zeitschriftenregale in den Läden füllten. Und ich schaute mir sehr viel an – im Grunde alles, was bunt und gezeichnet war. Aber mit der Zeit kristallisierten sich Lieblingsfiguren heraus, von denen ich mir entweder Cartoon-Hefte oder auch Spielsachen kaufte – und für deren Sendezeiten ich mir sogar einen Wecker stellte, um die Folgen bloß nicht zu verpassen. Ja, in meiner Kindheit gab es die Folgen oft nur einmal am Tag, manchmal musste sogar eine Woche auf eine bestimmte Serie gewartet werden. Wenn ich auf die Verfügbarkeit von Videos und auf all die Streamingdienste heute blicke, verwundert es mich nicht, wie sehr man sich in einem Serienmarathon verlieren kann – es wäre mir in meiner Kindheit ähnlich ergangen. Mein Herzenskind wächst in einer ganz anderen Zeit auf, die ich mir in meiner Kindheit und mit dem heutigen Wissen meiner Autismus-Spektrum-Störung vermutlich an manchen Tagen auch so gewünscht hätte. Einen gewissen Trickserien-Marathon schaffte ich an manchen Nachmittagen und am Wochenende morgens ebenfalls – nur schaute ich da eine Vielzahl unterschiedlicher Serien, statt viele Folgen einer Serie abzufrühstücken.
Als ich kürzlich darüber nachdachte, einen Beitrag über meine Kindheitshelden und Cartoon-Figuren zu schreiben, war die Intention vor allem jene, aufzuzeigen, welch positive Eigenschaften ich an ihnen so liebte – und sie dadurch eine Art Vorbild für mich wurden. Mit meinem heutigen Blick auf das Leben denke ich: Sie haben mir eigentlich gezeigt, was mir eh schon innewohnt und mich wohl daran erinnert, wie wertvoll diese Eigenschaften waren (und sind). Ausschlaggebend für diese Überlegungen zu dem Beitrag war eine Trickserie, die wir derzeit mit Herzenskind schauen, wenn wir Pizza essen (Routinen – so wichtig): Trudes Tier. Warum ich Trudes Tier so mag? Allem voran wegen der wundervollen Art, wie Trude mit gewissen Situationen umgeht. Sie strahlt eine Ruhe und viel Verständnis aus – etwas, dass ich selbst gerne leben möchte. Diese Serie ist eine schöne Abwechslung zu all den schnelllebigen Trickserien der heutigen Zeit – und sie vermittelt tolle Werte. Wer sie nicht kennt – hier gerne ein Link zu einer Folge. (Ich konnte mich gar nicht entscheiden, welche Folge ich verlinken soll – denn alle sind so schön.)
Zurück zu meinen Cartoon-Helden (ich schweife gerne ab heute – wird etwas länger). Meine absoluten Favoriten waren diese netten Figuren in der Collage.

Bedingt durch meine sensible Wahrnehmung und dem ständigen Gefühl anders zu sein, flüchtete ich mich gerne in diese geschützten Welten meiner Zeichentrickserien. Sie hatten etwas Vorhersehbares. Und wenn es mir zu viel wurde, konnte ich entweder die Lautstärke regeln oder den Fernseher ausschalten – etwas, das ich mir im Schulalltag oft gewünscht hätte. Sailor Moon und Tom&Jerry waren in der frühen Grundschulzeit sehr präsent. Beim Katz-und-Maus-Spiel erkannte ich die vielen Konfliktsituationen meines Alltags und fieberte immer für die Maus Jerry, dass sie mit ihrer Cleverness den großen Kater überlisten möge. Meistens war Kater Tom der ausschlaggebende Punkt für die Streitereien – klar, er wollte die Maus verspeisen und Jerry musste kreative Wege finden, seinen Krallen zu entkommen. Hier wurde, je nach Charakteren einer Folge, kaum bis gar nicht gesprochen – die Bewegungen und Gesichtsausdrücke erzählten Geschichten und erforderten eine gewisse Aufmerksamkeit, um dem Handlungsstrang folgen zu können.
Sailor Moon war dann schon etwas anspruchsvoller und zog einige Kinder in meinem Umfeld in den Bann. Ich hatte das große Glück, eine Schulfreundin zu haben, die ebenfalls ein großer Fan dieser japanischen Anime-Serie war und wir spielten in den Schulpausen die Szenen unserer Lieblingscharaktere mit selbstgebastelten Utensilien nach. Das Sailor-Universum beinhaltete eine richtige Geschichte und die Folgen bauten aufeinander auf. Ganz nebenbei lernte man die Planeten des Sonnensystems kennen, wobei jeder Sailor-Kriegerin bestimmte Attribute des jeweiligen Planeten zugeordnet waren. Je nach persönlicher Verfassung und Entwicklungsstand in meiner Kindheit identifizierte ich mich phasenweise mehr mit der einen, dann wieder mit der anderen Sailor-Kriegerin. Von dieser Anime-Serie kaufte ich mir mit meinem ersparten Taschengeld auch die Manga-Hefte, in denen einzelne Folgen der Serie in Bildern festgehalten wurden (heute echte Sammlerstücke!). Wenn man sich die Titelmusik von Sailor Moon zu Gemüte führt, wird schnell klar, worum es in der Anime-Serie ging:
Sag das Zauberwort und Du hast die Macht,
halt den Mondstein fest und spür die Kraft. […]
Kämpfe für den Sieg über Dunkelheit,
folge Deinem Traum von Gerechtigkeit. […]
(Es ist unmöglich, diese Worte zu lesen und sie nicht direkt zu singen – sollte man die Titelmusik kennen.)
Die Sailor Kriegerinnen waren ganz einfache Mädchen, denen mit einmal Kräfte zuteil wurden, um das Dunkle und Böse auf der Welt zu bekämpfen – mit Liebe und Gerechtigkeit. Ganz ehrlich? Solche Kräfte habe ich mir in meiner Kindheit gewünscht. Wie gerne wollte ich all das Mobbing und die Sticheleien in der Schule mit einer Welle von Liebe und Licht im Keim ersticken, denn ich fand das einfach nur ungerecht. Und sich auf so magische Weise verwandeln zu können, hat das Ganze natürlich noch epischer erscheinen lassen. Die Sailor Kriegerinnen waren meine Superheldinnen der Kindheit und standen für das Gute ein. Am Ende haben sie mich auch daran erinnert, dass die Kraft, das Leuchten und die Liebe bereits in mir wohnte – und ich es einfach nur leben sollte. Ohne mich auf zauberhafte Weise zu verwandeln.
Im Laufe meiner Kindheit wurde schließlich Nickelodeon ganz bekannt im deutschen Fernsehen und stellte von da an eine tolle Abwechslung zu den bisherigen Fernsehkanälen dar, die Trickserien zeigten. Nickelodeon hatte eine etwas eigene Art von Trickserien, die oft eine noch skurrilere Darstellung der Trickfiguren präsentierte. Auch hier schaute ich so ziemlich alles, was der Sender hergab. Mein größter Held war und blieb allerdings Arnold aus der gleichnamigen Serie Hey Arnold!. Dieser Junge mit dem Footballschädel lebte als Waise bei seinen Großeltern in einem großen, buntgemischten Mehrfamilienhaus und hatte ein Zimmer unter dem Dach, um das ich ihn sehr beneidete. Im Kleiderschrank hingen vermutlich zwanzig Sets der gleichen Kleidung – er blieb sich optisch treu. In den Folgen wurde der Alltag von Kindern in einer amerikanischen Stadt gezeigt – mit all den Themen, Herausforderungen und Problemen, die Kinder im Grundschulalter so beschäftigen können. Arnold war dabei immer diplomatisch, fand Lösungen und hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und er strahlte stets etwas Ruhiges und Besonnenes aus, was ihn ziemlich cool wirken ließ. Bei dieser Trickserie schätze ich auch sehr die musikalische Gestaltung, denn sowohl die Titelmusik als auch die einzelnen Folgen wurden mit Jazz und Blues untermalt, was der Trickserie einen reiferen Charakter verlieh.
Parallel zu Arnold schaute ich bei Nickelodeon die Trickserie Doug, in der es um den elfjährigen Doug Funny ging, der in seinen Tagebucheinträgen die täglichen Probleme und Herausforderungen erzählte, woraus sich eine Art Rückblende ergab, in denen er sich in heldenhafter Ausstattung erneut den Situationen stellt. Daraus entwickelte er Strategien, um besonders seine Ängste zu überwinden. Auch Doug Funny hatte unzählige Sets der gleichen Kleidung im Schrank. Ich habe mich sehr in ihm wiedererkannt – auch optisch, denn ein sehr prägnantes Merkmal war Dougs große Nase, die sogar in einer Folge thematisch behandelt wurde. Da auch meine Nase in der Kindheit immer wieder für Gesprächsstoff sorgte und eine Angriffsfläche für Verspottung wurde, gab mir besonders diese eine Folge sehr viel Kraft: Darin sagte Dougs heimlicher Schwarm Patti, dass seine Nase ihm Charakter verleihen würde und er nicht Doug wäre, hätte er andere Nase.
Da soll nochmal einer sagen, dass Trickserien Unsinn oder nutzlos sind. Gut gemachte Cartoons vermitteln kleinen und großen Zuschauern auch gute Werte. Sie zeigen Probleme des Alltags auf, spiegeln auf künstlerisch verspielte Art das wahre Leben wieder. In meiner Kindheit ergründete ich bereits sehr tief die Schwierigkeiten, mit denen ich immer konfrontiert war. Ich wurde aus vielerlei Gründen in der Schule von Mitschülern geärgert, wollte das verstehen und Erklärungen dafür haben – bekam aber leider keine hilfreichen Antworten. Mich nach den anstrengenden Schultagen in die Welt der Trickserien zurückzuziehen, hat mir geholfen, die vielen Eindrücke des Tages in mir zu regulieren und gleichzeitig auch Kraft zu tanken. Denn ich sah, dass die Charaktere mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert waren, aber immer einen Weg fanden – meistens sogar mit friedlichem Ausgang. Na klar, ein Happy End war auch in Cartoons nicht immer gegeben, aber die Figuren konnten stärker daraus hervorgehen, gaben nicht auf und stellten sich stets neuen Aufgaben. Ich konnte zu meinen Trickfilmhelden eine Verbundenheit spüren, die mir so manches Mal zu meinen Mitmenschen im wahren Leben fehlte.
Quellen:
Hey Arnold!, Friends, Urban, Nickelodeon, Cartoon PNG
https://disney.fandom.com/wiki/Doug_Funnie
