Knochenjob

Sobald mein Immunsystem etwas stärker gefordert ist, spüre ich das ziemlich schnell – denn in sämtlichen Knochen breiten sich Schmerzen aus. Vermutlich liegt eine Erklärung in der überschießenden Reaktion meines Körpers an der fehlenden Milz, denn vor der Operation vor 20 Jahren hatte ich diese Symptome bei nur wirklich starken Infekten. Nun kann mich schon ein kleinerer Infekt ziemlich beschäftigen.

Die Temperatur steigt, die Lymphknoten schwellen an und in bestimmten Knochen spüre ich stechenden Schmerz. Jedes Mal rufe ich mir dabei die vielen Bilder im Anatomiebuch meiner Krankenpflegeausbildung vor Augen, auf denen das „rote Knochenmark“ beschrieben wurde. Dieses spezielle Gewebe in gewissen Knochen, das unaufhörlich neue Blutzellen produziert. Und sobald mein Körper mit einem Infekt beschäftigt ist, kann ich sehr genau spüren, was da so alles auf eine ganz automatische Weise arbeitet. Auch wenn es unangenehm ist und schmerzt – ich weiß, dass mein Körper da kompetent ist, meine Knochen einen super Job leisten und ich die Symptome wie Schmerzen und Fieber nicht zu vorschnell unterdrücken sollte – auch wenn ein Teil sich das wünschen würde im Alltag mit Kind und Alleinzuständigkeit.

Während mein Körper nach einem gefühlt sehr langen Tag am Abend endlich halbwegs zur Ruhe kommen kann und ich eine Position suche, in der die Schmerzen erträglich werden, fällt mir mein Himmelskind ein.

Rotes Knochenmark.

Stammzellen.

Der kleine Mensch hatte während seiner Krebstherapie viele unangenehme Behandlungen erdulden müssen. Ein Abschnitt seines Behandlungsprotokolls umfasste die Sammlung seiner eigenen Stammzellen, die er nach einer hochdosierten Chemotherapie einige Monate später zurück bekommen sollte. Dafür musste ich ihm eine Woche lang zwei Mal täglich ein Medikament in den Oberschenkel spritzen, das sein rotes Knochenmark dazu anregte, einen Überschuss an Stammzellen zu produzieren. Diese wurden dann in einem dialyseähnlichen Verfahren in einer Klinik herausgefiltert und eingefroren. Das Prozedere, ihm zwei Mal täglich diese Spritzen zu geben, war kein Spaziergang und emotional für uns eine große Herausforderung. Er tat mir immer wieder unendlich Leid, was er aushalten musste. Einer der intensivsten Therapieabschnitte, die Hochdosichemo, war eine ganz besondere Herausforderung für seinen kleinen Körper – dort habe ich ihn leiden sehen, wie in den Monaten zuvor nicht. Die hochdosierten Gifte führten dazu, dass sämtliche Blutzellen auf Null gesetzt wurden. Und genau hier kamen seine Stammzellen ins Spiel: Unter der beruhigenden Wirkung von Morphin erhielt er unter fachmännischem Feingefühl des behandelnden Klinik-Arztes die kalten Stammzellen in seine zentralen Venenkatheter verabreicht. Ohne Schmerzmittel hätte das kein Mensch aushalten können. Täglich wurden seine Blutwerte kontrolliert. Wir beide lebten in Isolation im Klinikzimmer. Wie der Arzt prophezeite, wuchsen an Tag 10 nach Stammzellen-Transfer allmählich die Blutzellen wieder an. Von da an freute ich mich täglich über das wachsende Blutbild und die wiederkehrenden Kräfte meines starken Kindes.

Manchmal kommen sie auf. Die Erinnerungen an diese intensive Zeit. In den ungewöhnlichsten Situationen in der Gegenwart. Da liege ich mit meinen Knochenschmerzen im Bett und lindere mein eigenes Empfinden damit, dass mein kleiner, tapferer Sohn vor knapp zwölf Jahren so viel mehr Schmerz erdulden musste. Dass dieser kleine Mensch die meiste Zeit seines so jungen Lebens vermutlich mit Schmerzen leben musste, die ich ihm so gerne erspart hätte.

Dann denke ich an meine Worte im Podcast: „[…]So viele Schmerzen. Das ist kein richtiges Leben.“ Ein Teil in mir bereut diese Worte – immerhin leben so viele Menschen mit chronischen Schmerzen und versuchen sich so viel Lebensqualität  wie möglich aufzubauen. Und mit meiner Aussage wollte ich nicht mal eine Wertung für alle Lebensrealitäten aussprechen. Dabei ging es mir vor allem um das, worin ich mein Kind betrogen sah: Eine leichte, unbefangene und schmerzfreie Kindheit. Ein paar Schrammen am Knie und ein Infekt mit Fieber sehen neben einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung mit ungewissem Ausgang eben doch anders aus. Und vielleicht kann ich nur in dem Gedanken Frieden finden, dass er nun keine Schmerzen mehr erdulden muss.

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